Statistik zu ungenau?
Patientenschützer wollen Hitze als Todesursache erfassen
16.08.2026 – 13:38 UhrLesedauer: 3 Min.
Das RKI zählt 12.500 Hitzetote in diesem Jahr – doch Experten halten die Zahl für zu niedrig. Jetzt wächst der Druck auf die Politik.
Angesichts der steigenden Opferzahl der Hitzewelle haben sich Patientenschützer dafür ausgesprochen, dass Hitze als Todesursache auf Totenscheinen vermerkt wird. „Den Folgen des Klimawandels muss endlich ein Gesicht gegeben werden“, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, der „Rheinischen Post“ vom Samstag. Brysch äußerte ebenso wie der Verband der Intensivmediziner den Verdacht, dass die vom Robert-Koch-Institut angegebene Zahl der Hitzetoten wegen einer hohen Dunkelziffer zu niedrig sei. Die Gewerkschaft Verdi warnte vor „dramatischen“ Zuständen in Pflegeheimen wegen der Hitze.
Das Robert-Koch-Institut (RKI) bezifferte die Zahl der Hitzetoten in diesem Jahr zuletzt mit 12.500. Das Institut berechne den Wert derzeit „mithilfe von statistischen Modellrechnungen und Künstlicher Intelligenz“, sagte Patientenschützer Brysch. Die genauen Zahlen blieben aber unklar. Auf Totenscheinen müsse künftig festgehalten werden, „ob der Hitzetod im Krankenhaus, Pflegeheim oder zu Hause eingetreten“ sei, sagte Brysch. Nur so würden „die Konsequenzen einer auf die klimatischen Veränderungen unvorbereiteten Regierung schonungslos offengelegt“.
Einfluss von Hitze nicht ausreichend erfasst
Die RKI-Schätzzahl sei zu niedrig, sagte auch Uwe Janssens, der medizinische Geschäftsführer der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Auf dem Totenschein hoch betagter Verstorbener stehe oft Organversagen, „aber die Hitze hatte einen klaren Einfluss“, sagte Janssens den Funke-Zeitungen vom Samstag.
Diese Todesfälle würden in den RKI-Statistiken nicht besonders gut erfasst, sagte der Intensivmediziner weiter. Er gehe deshalb davon aus, dass die Zahlen des RKI „nicht die gesamte Dramatik abbilden“. Es seien „sicherlich mehrere Tausend Todesfälle mehr“.
Gerade betagte Menschen hätten „kein richtiges Durstempfinden mehr: Sie merken nicht, dass sie Flüssigkeit verlieren und gegensteuern müssen“, sagte Janssens. „Die Menschen schlafen ein und werden einfach nicht mehr wach. In der Regel versagt die Niere, weil die Menschen austrocknen.“ Diese hitzebedingten Fälle würden in der Statistik nicht erfasst.
Kombination aus mehreren Faktoren
Hitze an sich führt sehr selten unmittelbar zum Tod. In den meisten Fällen ist es eine Kombination aus hohen Temperaturen und bereits bestehenden Vorerkrankungen wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungen- oder Nierenerkrankungen, die zum Tod führt. Auch deshalb wird Hitze auf dem Totenschein bisher nicht als Todesursache angegeben und taucht damit auch nicht in der Todesursachenstatistik auf.
Intensivmediziner Janssens sieht die Politik in der Verantwortung, mehr zu tun, um vulnerable Gruppen zu schützen. „Ich bin, auch als Bürger, extrem verstört über die Tatenlosigkeit der Bundes- und Landesregierungen“, sagte er den Funke-Zeitungen. Kaum eine Notaufnahme sei klimatisiert, die Kosten für die entsprechende Ausstattung eines Zimmers lägen bei 15.000 bis 20.000 Euro. „Wenn man das hochrechnet auf das ganze Gebäude, kann das keine Klinik allein stemmen“, sagte Janssens. „Das ist wirklich eine Katastrophe.“
Forderung nach massiven staatlichen Investitionen
Der SPD-Gesundheitspolitiker Christos Pantazis forderte massive staatliche Investitionen in den Hitzeschutz. „Hitzeschutz ist auch eine Frage sozialer Gerechtigkeit: Hitze trifft alle, aber sie trifft nicht alle gleich“, sagte der Bundestagsabgeordnete der Nachrichtenagentur AFP. Nötig seien staatliche Investitionen in Verschattung, sommerlichen Wärmeschutz, energetische Sanierung und – wo erforderlich – eine moderne und energieeffiziente Kühlung.














