Im All lassen sich Krankheiten wie Krebs teils besser erforschen als auf der Erde. Reserveastronautin Amelie Schönenwald erzählt im Interview, was gesundes Altern mit der Raumfahrt zu tun hat.
Astronauten lernen nicht nur, im All zu überleben, sie helfen auch dabei, Krankheiten zu verstehen. Denn in der Schwerelosigkeit lassen sich viele biologische Prozesse besser untersuchen als auf der Erde. Amelie Schönenwald gehört zur Esa-Astronautenreserve und hat gerade ihre dazugehörige Ausbildung abgeschlossen. Im Gespräch mit t-online erzählt sie, was die Raumfahrt zur Medizin beitragen kann und was sie selbst gerne im All erforschen würde.
Frau Schönenwald, Sie sind promovierte Biochemikerin. Wie viel Wissenschaft steckt im Beruf der Astronautin?
Amelie Schönenwald: Der Job ist eine Art wissenschaftliche Operatorenrolle. Wir führen Experimente für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durch, die ihr Leben mit dieser Forschung verbringen, aber selbst nicht ins All fliegen können.
Was für Experimente sind das?
Wir können im Weltall, zum Beispiel auf der ISS, Prozesse untersuchen, die sich auf der Erde gar so nicht untersuchen lassen. Dazu gehören physikalische Prozesse wie Wärmeströmung (Konvektion), die Ablagerung kleinster Teilchen (Sedimentation) und Oberflächenspannung oder die Frage, wie sich verschiedene Moleküle unter diesen Bedingungen verhalten.
Was lässt sich damit auf der Erde verbessern?
Nehmen wir das Beispiel Insulin. Durch Untersuchungen im All konnte man die 3D-Struktur des Hormons besser verstehen und anschließend gezielt Veränderungen daran vornehmen. Dadurch ließ sich das Insulin stabiler machen und seine Wirkdauer verlängern. Davon profitieren Diabeteserkrankte, die inzwischen weniger oft Insulin spritzen müssen als früher.

Zur Person
Amelie Schönenwald wurde aus mehr als 22.000 Bewerbern für die Esa-Astronautenreserve ausgewählt. Sie ist promovierte Biochemikerin. Seit 2024 trainiert Schönenwald am Europäischen Astronautenzentrum der Esa in Köln. In ihrer Freizeit geht sie unter anderem tauchen und bergsteigen, fährt Motorrad und nimmt an Höhlen- und Dschungelexpeditionen teil.
Welche Erkrankungen werden außerdem untersucht?
Krebs zum Beispiel. Auf der Erde arbeitet man in der Krebsforschung häufig mit Zellkulturen. Dabei wird versucht, Krebszellen zu züchten und anschließend zu untersuchen, wie sie auf bestimmte Behandlungen reagieren. Aber die Zellkulturen wachsen leider nur in einer Schicht und bilden nicht die dreidimensionale Struktur ab, wie wir sie im menschlichen Körper vorfinden.
Und das ist im All anders?
Ja, dort können solche Zellkulturen aufgrund der Schwerelosigkeit tatsächlich dreidimensional wachsen und damit ähnlich wie im menschlichen Körper. Diese Strukturen bezeichnen wir als Organoide. Sie lassen sich aus unterschiedlichen Zelltypen herstellen, etwa aus Gehirn- oder Herzzellen.
Und auch aus Zellen, die mutieren und Tumore bilden können?
Genau. Mit solchen Organoiden können wir zum einen besser verstehen, wie Krebs wächst und sich entwickelt. Zum anderen lassen sie sich als Krankheitsmodelle nutzen, um Medikamente und Therapien zu testen. Und wir sind nicht auf Tierversuche oder klinische Studien angewiesen. Irgendwann, so die Hoffnung, könnte man mit Organoiden auch künstliche Organe für Transplantationen züchten.














