November 4, 2026 3:26 p.m. CET

Baugenehmigungen auf Rekordniveau

Warum trotzdem kaum neue Wohnungen entstehen


04.11.2026 – 14:39 UhrLesedauer: 3 Min.

Kran auf einer Baustelle

Baukran über eingerüsteten Rohbauten (Symbolbild): Genehmigt heißt nicht gleich gebaut – die Lücke bleibt. (Quelle: very good)

Die Baugenehmigungen steigen, die Bundesregierung feiert ihren Bau-Turbo. Doch ein Branchenexperte warnt: Die Zahlen erzählen nicht die ganze Geschichte.

In Deutschland fehlt Wohnraum. Während sich selbst Gutverdiener Häuser in begehrten Lagen kaum noch leisten können, steigen die Mieten in Ballungsräumen weiter stark an, wie jüngst das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) berichtete.

Dagegen versuchte das SPD-geführte Bauministerium am vergangenen Dienstag positive Stimmung zu verbreiten: Nach Einschätzung der Bundesregierung greift der seit einem Jahr bestehende Bau-Turbo endlich. In den ersten Monaten nach der Einführung seien die Antrags- und Genehmigungszahlen kontinuierlich gestiegen, im Frühjahr habe die Dynamik sogar deutlich zugenommen, heißt es aus dem Ministerium.

Doch aus Genehmigungen auf dem Papier wird längst nicht im gleichen Tempo Wohnraum, kritisiert Klaus-Peter Stöppler, Managementberater für die Bau- und Immobilienwirtschaft. Er spricht von Scheinoptimismus: „Solange die Zeit vom Bescheid bis zur Fertigstellung mehr als zwei Jahre beträgt, bleibt der Wohnungsmarkt eng, selbst wenn sich die Genehmigungsstatistik aufhellt.“

Der Bau-Turbo soll Tempo bringen

Der sogenannte Bau-Turbo ist eine neue gesetzliche Sonderregelung im deutschen Baugesetzbuch (BauGB). Der Gesetzgeber brachte sie im Herbst 2025 als „Gesetz zur Beschleunigung des Wohnungsbaus und zur Wohnraumsicherung“ auf den Weg. Sie soll dem lahmenden Wohnungsbau mit vereinfachten Genehmigungsverfahren einen Schub verleihen.

  • Bis zu 4,9 Prozent Zinsen: Zinsschock lähmt den Immobilienmarkt
  • Zinsbindungen laufen aus: Steigende Bauzinsen verteuern Anschlussfinanzierung

Behörden und Kommunen sollen damit schneller über Neubauten, aber auch über Aufstockungen und Nachverdichtungen in Gebäudekomplexen entscheiden können. Sie dürfen jetzt einfacher von Bebauungsplänen abweichen. Kommunen erarbeiten diese oft über Jahre, um die bauliche Nutzung von Grundstücken innerhalb eines bestimmten Gebiets zu regeln – von Art und Umfang der Bebauung über die Bauweise bis zu Verkehrs- und Grünflächen.

Bauministerin Verena Hubertz spricht von einem Kulturwandel, der Genehmigungen künftig innerhalb von drei Monaten ermöglichen soll. Zudem verweist die SPD-Politikerin auf ein geschätztes Entlastungsvolumen für Bürger, Wirtschaft und Behörden von 2,5 Milliarden Euro pro Jahr.

Die Krise ist noch lange nicht vorbei

Von Januar bis Juli genehmigten Behörden in Deutschland rund 148.800 Wohnungen – ein Plus von knapp 13 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Bedarf liegt bei mindestens 300.000 Wohnungen pro Jahr. Zugleich rechnet das Münchner Ifo-Institut für das Gesamtjahr 2026 nur mit etwa 185.000 Fertigstellungen – dem tiefsten Stand seit 15 Jahren. Zahlreiche Wirtschafts- und Immobilienverbände betonen, die Regierung tue zwar einiges. Doch die Lücke zwischen Genehmigung und Realisierung zeige, dass die Wohnungsbaukrise noch lange nicht bewältigt sei.

Die bessere Stimmung im Wohnungsbau ist Klaus-Peter Stöppler zufolge vor allem ein Vorschuss auf die Zukunft. In den Auftragsbüchern der Unternehmen zeigt sich davon im Herbst noch wenig: Über 40 Prozent der Unternehmen berichten laut Ifo-Institut weiterhin von Auftragsmangel, rund 13 Prozent von Stornos.

Politische Unruhe bremst die Branche

Entscheidend ist laut Stöppler, wie schnell aus genehmigten Projekten Aufträge, Kapazitäten und fertige Wohnungen werden. Der Experte fordert mehr Tempo bei der Umsetzung. Nach dem Bescheid bremsen vor allem Probleme bei der Finanzierung, gestiegene Bauzinsen und Baukosten sowie auslaufende EH-55-Fördermittel – Mittel einer staatlichen Sonderförderung für den Neubau und Erstkauf energieeffizienter Wohnungen und Häuser.

Aktie.
Die mobile Version verlassen