In Ihrem Buch beschreiben Sie die Evolution der Raubfische. Was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten fasziniert?
Als Paläontologe, der sich auf fossile Fische spezialisiert hat, wurde mir erst beim Schreiben meines Buches – nach vier oder fünf Jahren intensiver Recherche – wirklich klar: Haie sind die einzige Gruppe von Kieferwirbeltieren, die alle fünf großen Massensterben der Erdgeschichte überlebt haben. Und sie existieren bis heute. Dafür mussten sie sich immer wieder neu erfinden.
Was genau macht Haie so widerstandsfähig?
Ihre Zahnplastizität ist einzigartig – die genetische Fähigkeit, ganz unterschiedliche Zahnformen zu entwickeln. Zudem werfen sie ständig Zähne ab und bilden neue. Jede Art hat eine charakteristische Zahnform, an der wir sie erkennen können. Ein riesiger Hai von etwa zehn Metern Länge namens „Helicoprion“ hatte etwa eine gigantische Zahnspirale, die aus dem Unterkiefer ragte – hoch spezialisiert nur zum Fressen von Tintenfischen. Doch er starb später aus, weil er zu spezialisiert war – ähnlich wie die Dinosaurier. Beim größten Massenaussterben am Ende des Perms vor 252 Millionen Jahren wurden bis zu 96 Prozent aller Arten ausgelöscht. Die Haie, die überlebten, hatten Zähne wie ein Schweizer Taschenmesser: vorn spitz, hinten flach, mahlend, schneidend, zerschneidend. Sie konnten opportunistisch eine breite Palette unterschiedlicher Beute fressen und so bis zum Ende der Erdmittelzeit vor 66 Millionen Jahren überleben. Zu dieser Zeit traten die modernen Haie auf, die schließlich die archaischen Formen verdrängten.
Warum ist es so wichtig, dass wir Haie schützen?
Haie halten die Ozeane gesund, indem sie für Gleichgewicht sorgen. Ihre Dienstleistungen für das Ökosystem werden oft übersehen. Nehmen Sie Korallenriffe: Sie sind Hotspots der Biodiversität – und dort gibt es die höchste Dichte an Haiarten. Überwiegend kleine Haie wie Bambushaie oder Katzenhaie.
Wie halten Haie das Gleichgewicht in solchen Ökosystemen?
Viele Fischarten am Riff besitzen kräftige Zahnplatten, mit denen sie Korallen zermahlen und anschließend als feinen Sand ausscheiden. Haie fressen diese Fische und verhindern, dass sie überhandnehmen und ganze Riffe zerstören. Das beste Beispiel habe ich von David Attenborough: Tigerhaie am Ningaloo Riff in Westaustralien. Dort liegen riesige Seegraswiesen, die pro Hektar 30-mal so viel CO2 wie Regenwälder binden. Tigerhaie, die Schildkröten fressen oder vertreiben, sorgen dafür, dass die Tiere die Seegrasflächen nicht überweiden. Auch in der Tiefsee spielen Haie eine Rolle, indem sie Nährstoffe zwischen den verschiedenen Zonen transportieren. Diese Durchmischung von Nahrung und Material von einer Ebene zur anderen ist enorm wichtig – ähnlich wie es Regenwürmer im Boden tun.














