Familienfirma in Schieflage
„Jetzt brennt die Hütte“: Wie Reiff in die Insolvenz geriet
Aktualisiert am 16.09.2025 – 15:00 UhrLesedauer: 6 Min.

Das Traditionsunternehmen Reiff aus Baden-Württemberg steht vor dem Aus. Ein langjähriger Mitarbeiter und der COO erklären, wie sie die Insolvenz erlebt haben.
Am 1. Juli feierte das Familienunternehmen Reiff aus Reutlingen sein 115-jähriges Jubiläum. Nur wenige Wochen später, am 28. Juli, musste die Reiff Technische Produkte GmbH Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden. Das Geschäft läuft zwar weiter, doch die Inhaberfamilie, die Geschäftsführung und die Mitarbeiter stehen vor einer ungewissen Zukunft. Wenn bis Oktober keine tragfähige Lösung gefunden ist, droht dem traditionsreichen Mittelständler aus Baden-Württemberg das Aus.
Reiff ist kein Einzelfall: In der vergangenen Zeit haben sich die Insolvenzmeldungen gehäuft. Im ersten Halbjahr 2025 waren es knapp 12.000 Unternehmensinsolvenzen, eine Steigerung von 9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Insbesondere Deutschlands Süden ist betroffen, wo Großkonzerne sowie Mittelständler und Kleinunternehmen für die ganze Welt produzieren. Doch der Standort Deutschland hat seine Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt – mit Folgen.
Reiff verkauft technische Komponenten, sogenannte C-Teile – etwa Antriebsriemen, Dichtungen, Klebstoffe oder Schläuche. Tim Steinel ist Chief Operating Officer (COO) der Firma und erklärt: „Wir produzieren nicht, aber veredeln und fertigen weiter.“ Das sehe etwa so aus: „Wir beziehen Schläuche in 100-Meter-Rollen, konfektionieren sie auf die gewünschte Länge, versehen sie mit passenden Armaturen, verpressen diese und führen anschließend eine Prüfung durch.“
Insgesamt beliefert das Unternehmen rund 10.000 Firmen, davon 2.500 namhafte Industriekunden. Viele Geschäftsbeziehungen bestehen seit Jahrzehnten. „Wir haben Kunden, die seit 60 Jahren bei uns kaufen. Unsere Top-Kunden sind im Durchschnitt seit 30 Jahren bei uns“, sagt Steinel.
Das sei die Stärke der Firma, doch gegenwärtig auch ein großes Problem. Über viele Jahre sei das Sortiment weitgehend gleich geblieben, erklärt Steinel. Viele Lieferanten und Produkte haben sich kaum verändert. Das hat Stabilität gebracht, erschwert aber in der Krise die Anpassung an neue Märkte.
Die Geschichte der Firma reicht bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Albert Reiff gründete 1910 ein Geschäft für technische Gummiwaren. Nach seinem Tod blieb die Firma in Familienhand. In den folgenden Jahrzehnten kamen neue Geschäftszweige wie der Autoreifenhandel hinzu, die inzwischen jedoch wieder abgestoßen wurden.















