August 6, 2026 4:24 p.m. CEST

Tinnitus-Forschung

Wie sich das Gehirn an ein ständiges Geräusch im Ohr anpasst


06.08.2026 – 14:18 UhrLesedauer: 2 Min.

Mann mit Tinnitus (Symbolbild): Ohrgeräusche können ein- oder beidseitig auftreten. (Quelle: Liubomyr Vorona/getty-images-bilder)

Eine neue Studie zeigt: Bleibt Tinnitus bestehen, verändert sich die Aktivität bestimmter Hirnnetzwerke. Das könnte neue Therapien ermöglichen.

Etwa 5 bis 15 Prozent aller Erwachsenen entwickeln im Laufe ihres Lebens einmal einen länger anhaltenden Tinnitus. Viele Betroffene hören dann dauerhaft ein Pfeifen, Rauschen oder Summen, obwohl es keine äußere Schallquelle gibt. Eine neue Forschungsarbeit liefert nun Hinweise darauf, wie sich das Gehirn verändert, wenn aus einem plötzlich auftretenden Ohrgeräusch ein chronischer Tinnitus wird. Nachzulesen sind die Ergebnisse im Fachmagazin „iScience“.

Akuter Tinnitus hält das Gehirn in Alarmzustand

Für die Studie analysierten Forscher die Hirnaktivität von 45 Menschen mittels Elektroenzephalografie (EEG). Je 15 Teilnehmer hatten einen akuten Tinnitus (unter sechs Monate), einen chronischen Tinnitus (mindestens sechs Monate) oder gar keinen Tinnitus.

Gut zu wissen

Für ihre Untersuchung definierten die Forscher Tinnitus ab einer Dauer von sechs Monaten als chronisch. Diese Einteilung weicht von der in Deutschland ab – hier gilt Tinnitus bereits nach drei Monaten als chronisch. Der aktuellen medizinischen Leitlinie ist jedoch auch zu entnehmen, dass es keinen klaren biologischen Schwellenwert gibt und die Übergänge fließend sind.

Alle wiesen bei herkömmlichen Hörtests ein normales Hörvermögen auf. So wollten die Wissenschaftler Veränderungen erfassen, die tatsächlich mit dem Tinnitus zusammenhängen – und nicht mit einem Hörverlust.

Bei Menschen mit akutem Tinnitus zeigte sich ein auffälliges Muster: Das sogenannte Salienznetzwerk war stärker aktiv. Dieses neuronale Netzwerk hilft dem Gehirn, Reize als wichtig, neu oder potenziell bedrohlich einzuordnen.

Bei Tinnitus könnte das heißen, dass das Gehirn das Ohrgeräusch ständig als bedeutsam bewertet. Betroffene können es dadurch schwerer ausblenden. Gleichzeitig war das sogenannte Zentrale Exekutive Netzwerk weniger aktiv, welches unter anderem dabei hilft, Aufmerksamkeit zu steuern und Ablenkungen zu unterdrücken. Das Gehirn richtet seinen Fokus dadurch verstärkt auf das störende Ohrgeräusch.

Gut zu wissen

Neuronale Netzwerke sind Zusammenschlüsse von Nervenzellen, die Informationen austauschen und gemeinsam gewährleisten, dass das Gehirn Reize verarbeitet und steuert.

Das Gehirn stellt sich auf den chronischen Tinnitus ein

Anders sah es bei Menschen aus, deren Tinnitus bereits länger als sechs Monate bestand. Ihre Hirnnetzwerke wirkten ausgeglichener und stabiler. Das könnte den Forschern zufolge für eine neuroplastische Anpassung sprechen – das Gehirn reagiert auf das dauerhafte Geräusch offenbar, indem es sich umorganisiert.

Das bedeutet nicht, dass die Ohrgeräusche dadurch verschwinden oder leiser werden. Vielmehr scheint sich das Gehirn bei Menschen mit chronischem Tinnitus an eine neue Normalität anzupassen und mit einer Art Ausgleichsmechanismus zu reagieren.

Warum die Ergebnisse wichtig sein könnten

Die Studie deutet darauf hin, dass Tinnitus im Gehirn anfangs anders verarbeitet wird als nach mehreren Monaten und sich die Aktivitätsmuster im Gehirn je nach Stadium des Tinnitus unterscheiden. Die charakteristischen Hirnmuster könnten künftig als Biomarker dienen und Ärzten helfen zu erkennen, ob es sich noch um einen akuten Tinnitus handelt oder dieser bereits chronisch ist.

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