November 1, 2026 9:48 a.m. CET

Was Männlichkeitsideale anrichten

Ein „echter Kerl“ zu sein, kann der Gesundheit schaden


01.11.2026 – 07:47 UhrLesedauer: 3 Min.

Mann in sorgenvoller Haltung (Symbolbild): Viele Männer suchen bei Beschwerden zu spät professionelle Hilfe. (Quelle: D-Keine/Thinkstock by Getty-Images-bilder)

Warum sind Männer gesundheitlich oft schlechter dran als Frauen? Dieser Frage hat sich ein internationales Forschungsteam gewidmet. Mit teils bestürzenden Erkenntnissen.

Männer sterben oft früher als Frauen. Weltweit gingen Männern im Jahr 2023 durch Krankheiten, gesundheitliche Einschränkungen und vorzeitige Todesfälle rund 16 Prozent mehr gesunde Lebensjahre verloren als Frauen.

Woran das liegt, lässt sich nicht sicher sagen. Wahrscheinlich sind viele Faktoren dafür verantwortlich. In einer dreiteiligen Artikelreihe im Fachblatt „The Lancet“ sprechen sich Forscher dafür aus, Männergesundheit nicht nur aus biologischer Sicht oder als Frage des persönlichen Lebensstils zu betrachten. Sie meinen: Wer möchte, dass Männer länger und gesünder leben, muss sich auch anschauen, wie sie arbeiten, wie viel Geld sie haben und welche Erwartungen an sie gestellt werden.

Wenn Männer keine Schwäche zeigen wollen

Stark sein, durchhalten, Probleme allein lösen: Solche Vorstellungen davon, wie ein Mann zu sein hat, können nach Ansicht der Forscher gesundheitliche Risiken verstärken. Wer Schmerzen oder seelische Probleme als Schwäche empfindet, sucht möglicherweise erst spät Hilfe. Wer als Familienvater seinen Job verliert, leidet darunter womöglich besonders stark, weil er das Gefühl hat, seiner Rolle als Ernährer und Versorger nicht mehr gerecht zu werden.

Problematische Rollenbilder und die daraus folgenden Verhaltensweisen sind aber nicht alles. Die Wissenschaftler thematisieren auch die Bedingungen, unter denen viele Männer leben und arbeiten. Wenn sie körperlich schwere oder gefährliche Arbeit verrichten müssen, wenig Geld verdienen oder keinen Job haben, ist es für sie schwieriger, gesund zu leben.

Was haben die Forscher untersucht?

Für ihre dreiteilige Veröffentlichung haben die Wissenschaftler unterschiedliche Ansätze gewählt. Ein Beitrag wertet internationale Gesundheitsdaten aus den Jahren 1990 bis 2023 aus. Besonders Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs sowie Atemwegsinfektionen wie Tuberkulose und Covid-19 tragen demnach zur höheren Sterblichkeit von Männern bei. Verletzungen, etwa durch Verkehrsunfälle, Suizide und Gewalt, kosten Männer häufig schon in jungen Jahren Lebenszeit.

Die beiden anderen Beiträge gehen der Frage nach, warum manche Männer besonders große Gesundheitsrisiken haben und weshalb die Politik bislang so wenig dagegen unternimmt.

Dabei zeigt sich ein Widerspruch: Über Jahrzehnte orientierte sich die medizinische Forschung vor allem am männlichen Körper. Welche Unterschiede es aber zwischen Männern gibt und wie sich diese auf ihre Gesundheit auswirken, wurde oft nicht ausreichend berücksichtigt.

Was sich für Männer ändern müsste

Nach Ansicht der Wissenschaftler reicht es deshalb nicht, Männern zu sagen, sie sollten weniger rauchen, gesünder essen oder häufiger zum Arzt gehen. Gesundheitsangebote müssten so gestaltet sein, dass sie Männer in unterschiedlichen Lebenssituationen tatsächlich erreichen. Zugleich müssten Arbeitsbedingungen, soziale Ungleichheiten und gesellschaftliche Erwartungen stärker berücksichtigt werden.

Allerdings können die Untersuchungen nicht klären, wie stark biologische Unterschiede, persönliche Gewohnheiten oder gesellschaftliche Bedingungen jeweils zur kürzeren Lebenserwartung von Männern beitragen.

Das Science Media Center hat den Demografen Michael Mühlichen vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung um eine Stellungnahme zu den „Lancet“-Artikeln gebeten. Mühlichen meint: „Generell ist jeder Versuch, das Thema Männergesundheit auf die Tagesordnung zu bringen und besser zu erschließen, sehr zu begrüßen. Die drei neuen Studien sind ein willkommener Beitrag in diese Richtung.“ Zugleich kritisiert er die einseitige Ausrichtung der Studien: „Biologische Einflussfaktoren bleiben dabei erstaunlicherweise überwiegend unberücksichtigt.“

Was bedeutet das für jeden Einzelnen?

Die zentrale Botschaft der Forscher lautet: Männergesundheit ist nicht allein Privatsache. Gleichwohl kann jeder Einzelne etwas für sein körperliches und seelisches Wohlergehen tun: nicht rauchen, wenig Alkohol trinken, sich regelmäßig bewegen und bei körperlichen oder psychischen Beschwerden rechtzeitig Hilfe suchen.

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