Verfahren nach Stimmengleichheit
SPD-Kandidatin zieht statt AfD-Mann in den Stadtrat ein – per Los
18.09.2025 – 13:40 UhrLesedauer: 3 Min.
Kuriose Situation nach der Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen. In Bergkamen erhielten Brigitte Matiak (SPD) und Alexander Lange (AfD) gleich viele Stimmen. So musste das Los entscheiden.
Es war eine Premiere der besonderen Art. „In dieser besonderen Situation sind wir das erste Mal“, sagt Christine Busch, Wahlleiterin der Stadt Bergkamen im Ruhrgebiet, dem WDR. Nach der Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen herrschte um einen Stadtratssitz Stimmengleichheit zwischen SPD-Politikerin Brigitte Matiak und AfD-Bewerber Alexander Lange. So musste am Mittwochabend das Los ran.
„Es ist ein bisschen wie bei der Auslosung zum DFB-Pokal“, sagte Thomas Hartl, der Amtsleiter der Stadt, der den Losentscheid organisierte. Auf je einen Zettel wurden die Namen der beiden Bewerber notiert, die Namenszettel wanderten in Film-Döschen. Deckel drauf, rein in die Glasschale. Dann wurde gezogen. So setzte sich Mattiak gegen Lange durch.
Die Stimmengleichheit ist in Nordrhein-Westfalen nach der Wahl vom Sonntag gar nicht so selten. In Mettmann bei Düsseldorf liegen ebenfalls zwei Kandidaten gleich auf. Dort setzt die Verwaltung beim Losentscheid auf die gelben Verpackungen aus Überraschungseiern. In Arnsberg, der Heimatstadt von Kanzler Friedrich Merz, liegen sogar jeweils zwei Kandidaten gleich auf.
Das Losverfahren hat eine lange Geschichte. In Griechenland wurde das Zufallsprinzip sogar bewusst gewählt. So sollte Chancengleichheit zwischen den Bewerbern hergestellt werden. Über das Scherbengericht – Historiker sprechen von Ostrakismos – konnten Bewerber per Losverfahren auch von politischen Ämtern ausgeschlossen werden.
Im italienischen Genua wurden in der Renaissance die Ratsmitglieder per Loskugeln bestimmt. Um die städtischen Einnahmen zu verbessern, entwickelten die Ratsherren daraus später das Glücksspiel Lotto.
Der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble setzte 2021 nicht auf das Glück, sondern auf Demokratie von unten und berief einen Bürgerrat zum Thema Außenpolitik ein. Per Los wurden 160 Diskutanten aus dem gesamten Bundesgebiet ausgewählt, um Fragen der Außenpolitik zu erörtern. Zur Vorsitzenden wurde die DDR-Bürgerrechtlerin Marianne Birthler bestimmt. Sie sagte zu der per Los bestimmten Debatte. „Es ist offensichtlich, dass wir versuchen müssen, die Demokratie weiterzuentwickeln. Sie muss lebendiger werden, konkreter und nachvollziehbarer für Bürgerinnen und Bürger.“
In Baden-Württemberg wurde nach dem Debakel um den Neubau des Bahnhofs Stuttgart 21 nach 2011 eigens die Bürgerbeteiligung gestärkt. Die zuständige Staatsrätin Gisela Erler bilanzierte: „Wir schaffen es viel besser, gesellschaftliche Konflikte konstruktiv zu lösen, wenn uns eine gute Bürgerbeteiligung gelingt.“














