Da hatte sie einen Einfall. In ihrem Schoß verbarg Christina einen blutigen Stein und rief: „Ich gebäre eine Hexe.“ Die Folterer glaubten es, stürmten mit der vermeintlich neugeborenen Hexe hinaus – und vergaßen in ihrem Wahn Christina.
Sie entkam. Eine katholische Ordensschwester, die Zeugin des Hexenprozesses wurde, schaffte es, sie auf die Polizeistation in Mendi zu bringen. Am nächsten Tag übergab jedoch die Polizei Christina wieder den Folterern. Die Tortur ging weiter.
Schließlich gestand Christina die Verhexung eines Toten – in der Hoffnung, die Folter so beenden zu können. Aus unerklärlichen Gründen ließen die Häscher schließlich von ihr ab.
Zehn Jahre später starb die tapfere Christina. „An Blutkrebs“, sagt Schwester Lorena Jenal heute. „Aber ich glaube, sie ist an der Ungerechtigkeit gestorben.“ Es war die katholische Ordensschwester, die vor 13 Jahren der schwer verletzten, gefolterten, mit brennenden Ästen malträtierten Frau ein Obdach bot.
Seit 1979 arbeitet Schwester Lorena ununterbrochen in Papua-Neuguinea. „Im Haus der Hoffnung“ haben sie und ihr Team bereits über 350 Frauen aus Lebensgefahr gerettet. Das Schutzhaus bietet rund um die Uhr medizinische und psychologische Betreuung. Hier verbrachte auch Christina die letzten Jahre ihres Lebens. „Bis zuletzt hat sie auf Gerechtigkeit gehofft“, erzählt Schwester Lorena im Gespräch mit t-online. „Vergeblich. Die Häscher sind ungestraft geblieben.“
Doch Schwester Lorena aus den Samnauner Bergen in der Schweiz gibt nicht auf. Mit Rettungsprogrammen, Aufklärungsmaßnahmen und ihrem mutigen Einsatz kämpft sie unermüdlich gegen die Hexenverfolgung in Papua-Neuguinea. Doch zuletzt hat die Gewalt eine neue Dimension erreicht.
„Solch eine Eskalation wie in den vergangenen drei Montanen habe ich noch nie erlebt“, sagt sie. „Zehn Männer gefoltert. In zwei Monaten.“ Zwei von ihnen befänden sich noch im Spital. Einer sei so schwer gefoltert, dass sein Bein amputiert werden musste. „Und das alles wegen eines Aberglaubens, der sich durch Dörfer frisst wie ein Flächenbrand.“
Die Hexenprozesse folgen einem perfiden Ritual: Jemand stirbt – durch Krankheit, Unfall oder Alkohol. Dann heißt es: Hexerei. Die Beschuldigten? Frauen. Männer. Häufig sind es jene, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, unbequem sind, sich widersetzen oder aus der Masse herausstechen. „Die beiden Männer, die ich gerade im Spital habe, sind herausgepickt worden, weil sie sich Feinde gemacht haben“, erzählt die Schweizer Ordenschwester.














