Allerdings verwies Gabriel zudem auf die Grenzen äußerer Einflussnahmeversuche auf Putin. „Er ist natürlich ein Diktator, er muss auf seine Bevölkerung nicht hören und er hat um sich herum Leute, die ihn stützen“, resümierte der ehemalige Außenminister.
Den Europäern riet Gabriel angesichts der weltpolitischen Lage, in der keine der Großmächte die Krisen im Griff habe und alle ihre Machtansprüche auf Pump finanzierten, dringend dazu, sich gut zu wappnen, um nicht kalt erwischt zu werden. Dass dafür auch Diplomatie und nicht nur Aufrüstung nötig sei, brachte der Sozialdemokrat mehrfach zum Ausdruck.
Wie weit man schon in Deutschland vom inneren Zusammenhalt entfernt ist, den Gabriel einforderte, wurde im weiteren Verlauf der Diskussion deutlich. Ins Visier gerieten dabei zwei Parteien, die an sich wenig gemein haben: AfD und Grüne.
„Die AfD zu deradikalisieren, würde bedeuten, die AfD aufzulösen“
Im Zusammenhang mit der Alternative für Deutschland stand einmal mehr die Brandmauer im Mittelpunkt. Der „Zeit“-Journalist Mangold empfahl, sich der demokratischen Wirklichkeit zu stellen und die Blockade aufzugeben. Das sei weder aussichtsreich noch hilfreich, obwohl es natürlich „viele unappetitliche, hässliche und auch rassistische Momente“ in der AfD gebe. „Die einzig glaubwürdige Option für mich – oder realistische Option –, diese Partei auch wieder zu deradikalisieren, ist, sie Verantwortung übernehmen zu lassen und sie dann in die Pflicht zu nehmen“, erläuterte Mangold seinen Standpunkt.
Bei Diekmann, die sich als ZDF-Hauptstadtkorrespondentin schwerpunktmäßig mit der AfD beschäftigt, löste er damit Kopfschütteln aus. „Die AfD zu deradikalisieren, würde bedeuten, die AfD aufzulösen“, hielt sie Mangold entgegen. Anders als die „Posterboys“ wie Ulrich Siegmund, der AfD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am kommenden Sonntag, seien die entscheidenden Kräfte und Strippenzieher in der Partei zweifellos radikal und würden vom Verfassungsschutz seit vielen Jahren als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. „Eine AfD ohne Radikalität gibt es gar nicht“, lautete das Fazit der t-online-Kolumnistin.
Beispielhaft hatte Diekmann zuvor von einem Besuch beim Jugend-Parteitag der AfD berichtet, wo geradezu reflexhaft wiederholt auf das Thema „Remigration“ zurückgegriffen worden sei.
Lang kritisiert Poschardt: „Als Freiheitskampf getarnter Zynismus“
Geht es nach dem Journalisten und Buchautor Ulf Poschardt, tragen die Grünen mit der ihnen attestierten Diskurshoheit eine besonders große Verantwortung für den erodierenden gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Aufstieg der AfD.
„Ihr müsst Euch überlegen, ob Ihr Verantwortung dafür übernehmen wollt, wie die Debatten geführt worden sind“, warf er der ehemaligen Grünenchefin Ricarda Lang vor. Konkret nannte der ehemalige „Welt“-Herausgeber in diesem Zusammenhang die Themen Migration, Gender und Corona und spielte auf den als kompromisslos empfundenen Umgang mit Andersdenkenden an. Das habe der AfD die Menschen in Scharen in die Arme getrieben, so Poschardt sinngemäß.
