Anstand ist ein Kitt der Gesellschaft. Doch um diesen ist es schlecht bestellt, fürchtet Ilko-Sascha Kowalczuk. Im Gespräch erklärt der Historiker, an welcher Stelle er den Kampf um den Anstand für lohnend hält – und wo nicht.
Deutschland erlebte eine lange Phase von Wohlstand, Frieden und Anstand. Doch diese ruhige Zeit scheint vorbei zu sein, Krisen, Kriege und Konflikte lassen Deutschland nicht unbehelligt. Und auch im Inneren des Landes finden Polarisierung und Spaltung statt, während der Anstand abnimmt. Dabei sei die AfD die unanständigste Partei überhaupt, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk.
Gibt es noch Anstand in unserer Gesellschaft? Und wenn ja, wo? Warum hält Kowalczuk die Mehrheit der Mitglieder und Wähler der AfD für unanständig? Und was bedeutet Anstand in der Politik heute? Diese Fragen beantwortet Ilko-Sascha Kowalczuk im Gespräch.
t-online: Herr Kowalczuk, wie steht es um den Anstand in unserer Gegenwart?
Ilko-Sascha Kowalczuk: Ziemlich schlecht. Denn er existiert nicht mehr. Jedenfalls nicht auf einer breiten sozialen und politischen Ebene. Zum Glück gibt es noch Menschen, die sich in dieser Welle der Unanständigkeit anständig verhalten. Aber mir stellt sich an diesem Punkt die Frage, ob die Menschheit jemals in ihrer Geschichte einen anständigen Staat, eine anständige Gesellschaft erlebt hat, also ein Staatswesen, in dem Anstand Mainstream gewesen ist.
Als Historiker muss ich das radikal verneinen. Auch heute leben wir in einem Staat und einer Gesellschaft, die es an Anstand missen lässt. Es ist nicht anständig, wenn bestimmte Menschen binnen Stunden einen Arzttermin bekommen, auf den andere Monate warten müssen. Es ist nicht anständig, dass manche Eltern ihre Kinder auf tolle Schulen schicken können, während andere Kinder in Bruchbuden gehen müssen, wo auch noch die Hälfte des Unterrichts ausfällt. Wir sehen die Folgen gerade in Frankreich, wo Teile der Gesellschaft sich mit den Schülern solidarisieren. Während Unanständige das wiederum für ihre Zwecke kapern wollen. Generell sollte man vorsichtig mit dem Begriff Anstand operieren.

Zur Person
Ilko-Sascha Kowalczuk, 1967 in Ost-Berlin geboren, ist Historiker, Publizist und wissenschaftlicher Berater der Geschäftsführung des DDR-Museums in Berlin. Der Experte für die Geschichte von DDR und Kommunismus ist Autor zahlreicher Bücher, darunter eine zweibändige Biografie von Walter Ulbricht und „Freiheitsschock. Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute“ (2024). Im Juli 2026 erschien Kowalczuks neues Buch „Faschismus ist keine Meinung. Stabil bleiben in autoritären Zeiten“ im Verlag C.H. Beck.
Aus dem Grunde, dass der Begriff Anstand schnell missbraucht werden kann?
Das Versprechen, anständig zu sein, durchzieht die Geschichte. Die Kommunisten haben behauptet, sie seien anständig: Sie wollten eine freiheitliche Gesellschaft, eine solidarische Gesellschaft erschaffen, dabei kam das Gegenteil heraus. Die Faschisten machten ähnliche Versprechungen. Während es bei den Kommunisten aber eine klassentheoretische Frage war, wollten die Faschisten erst einmal den „Volkskörper bereinigen“. Alle, die sie nicht dabeihaben wollten, wurden verdrängt, deportiert oder ermordet. Bei den Kommunisten war das Ergebnis ähnlich.
Nun ist die Bundesrepublik Deutschland der staatsgewordene Versuch, aus den Fehlern und Verbrechen der Vergangenheit zu lernen. Gerade die verbürgten Grundrechte demonstrieren doch den Willen, Anstand in Staat und Gesellschaft zu verankern. Ist das misslungen?















