Die Lage der deutschen Gasversorgung ist besser, als sie scheint. Doch niemand weiß, ob das so bleibt.
Benzin und Gas haben eine sonderbare Eigenschaft. Obwohl der Weltmarkt genug davon bereithält, werden sie angeblich ausgerechnet in Deutschland ständig knapp. Vielleicht, so raunen die Mahner, könnten sie in diesem Winter sogar ganz ausgehen. Passiert ist das noch nie. Doch von der Angst profitieren diejenigen, die eigentlich für die Gasversorgung in den Wintermonaten verantwortlich sind: die Gasversorger, die Händler und die Energiekonzerne.
Im Februar 2022 überfiel Russland die Ukraine. In den Monaten danach war Gas tatsächlich extrem knapp. Der Staat musste eingreifen, und es war richtig, dass er es tat. Er organisierte Gas zu jedem Preis. Er ließ Terminals für Flüssiggas errichten, im Rekordtempo. Er verstaatlichte den Gasimporteur Uniper, dem das Geld ausging. Seinen Bürgern subventionierte der Staat damals die Heizrechnung.
Zur Person
Ursula Weidenfeld zählt zu den renommiertesten Wirtschaftsjournalistinnen Deutschlands. Sie beschäftigt sich mit Konjunktur und deutscher Politik, früher unter anderem bei der „Financial Times Deutschland“ sowie als Wirtschaftsressortleiterin beim Berliner „Tagesspiegel“. Zuletzt erschien von ihr im Rowohlt-Verlag „Das doppelte Deutschland. Eine Parallelgeschichte 1949–1990“.
Nicht alles war eine gute Idee, aber die allermeisten fanden es gut: Schließlich wurde ja die Energierechnung gemindert. Und weil viele Händler und Unternehmen genau das gerne wieder hätten, wird das Ausmaß der drohenden Knappheit so ausgeschmückt, als drohe eine Wiederholung des Winters 2022/2023. Irgendwie ist ja immer Krise.
Es liegt an den Einkäufern
Ja, die deutschen Gasspeicher füllen sich zu langsam. Gestern waren sie knapp über 50 Prozent voll. Bis zum November soll der Füllstand auf 80 Prozent anschwellen, so will es das Gesetz. Nur dann käme Deutschland gut durch einen harten Winter. Die meisten Experten bezweifeln, dass die Lücke geschlossen werden kann.
Das liegt allerdings weniger an der Physik oder an verfügbaren Mengen. Es liegt an den Einkäufern. Sie haben nämlich zurzeit keine große Motivation, übermäßig viel Gas einzukaufen.
Normalerweise ist Gas im Sommer preiswerter als im Winter. Deshalb kaufen die Händler in den Sommermonaten. Wegen des Kriegs im Iran und der Sperrung der Straße von Hormus ist das jetzt anders. Die Gaspreise sind jetzt hoch, die Terminkontrakte für den Herbst und Winter sind etwas günstiger. Endet die Auseinandersetzung zwischen den USA und dem Iran in den kommenden Wochen, werden die Preise mutmaßlich deutlich fallen. Die Versorger zögern also, weil sich das Füllen der Speicher für sie nicht lohnt.
Wenig Grund zu Optimismus
Braucht man die Einspeicherung überhaupt noch? Die Antwort auf diese Frage ist schwieriger, als man denkt. Auch bis 2022 haben viele gemeint, Deutschland könne eigentlich auf Gasspeicher verzichten. Die Gas-Pipelines (nicht nur die aus Russland) lieferten zuverlässig jede gewünschte Menge, die Kavernen wurden kaum noch genutzt.














