Das Wattenmeer ist ein extremer Lebensraum, in dem verhältnismäßig wenig Arten leben. Doch das ändere sich langsam, sagt Ökologe Christian Buschbaum. „Das Wattenmeer ist heute artenreicher als es das vor 100 Jahren war.“ Viele Arten werden von Menschen eingeschleppt und sie fühlen sich hier wohl – auch weil das Wasser wärmer wird.
Noch gebe es viel Platz für neue Pflanzen und Tiere. Doch das sei immer mit Risiken verbunden: „Jede neue Art, die dazukommt, bewirkt Veränderungen. Und die können dramatisch sein“, sagt der Forscher. So gab es etwa Befürchtungen, die eingewanderte Pazifische Auster könnte heimische Miesmuscheln verdrängen. Schließlich stellte sich heraus, dass beide Arten gut nebeneinander existieren. „Also bisher sind wir ganz glimpflich davongekommen, aber wir wissen nicht, wie es in der Zukunft aussieht.“
Die meisten Lebewesen an der Küste sind nach Angaben des Ökologen Buschbaum in der Lage, sich an variierende Umweltbedingungen und damit auch an höhere Temperaturen anzupassen. „Viele Arten kommen auch an der niederländischen, belgischen und an der französischen Küste vor. Und da ist es wärmer als im nördlichen Wattenmeer.“
Besonders profitieren wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten aus anderen Regionen, die den Weg ins Wattenmeer gefunden haben. So breiten sich beispielsweise Fische aus dem Mittelmeer oder aus dem Ärmelkanal aus, berichtet der Biologe Claus von Hoerschelmann. „Meeräschen und Barben tauchen häufiger auf und können die Winter hier auch überleben.“
Experten beobachten jedoch auch, dass bislang heimische Arten in kältere Regionen abwandern. Ein Beispiel sei der Dorsch: „Larven des Dorsches finden hier nicht mehr die passende Nahrung und können nur noch in kälteren Meeresbereichen im hohen Norden überleben“, sagte der Biologe vom Nationalparkzentrum Multimar Wattforum.
Wenn Ebbe ist und das Meer zurückgeht, stürzen sich die Vögel auf Würmer, Schnecken, Muscheln und Krebse. Ihnen bietet sich Nahrung in Hülle und Fülle, doch das wird sich ändern. „Der Meeresspiegelanstieg wird diese trocken fallende Wattfläche bis zum Ende des Jahrhunderts drastisch schrumpfen lassen“, sagt von Hoerschelmann. „Somit wird das erreichbare Nahrungsangebot für die Wattenmeervögel ebenfalls stark abnehmen.“
Zudem bringt der Klimawandel den Rhythmus einiger Zugvögel durcheinander. Ein gut erforschtes Beispiel ist nach Angaben der Nationalparkverwaltung der Watvogel Knutt, der das Wattenmeer als Zwischenstopp nutzt: „Wenn die Küken in den arktischen Brutgebieten schlüpfen, ist der Lebenszyklus der Nahrungstiere – kleine Insekten – schon vorbei.“ In der Folge entwickeln die schlecht ernährten Jungvögel kürzere Schnäbel. Dies kann ihnen als ausgewachsener Vogel zum Nachteil gereichen, wenn sie etwa in ihren afrikanischen Winterquartieren nach Bodenlebewesen stochern.
