Der Tod des CSD-Attentäters Abdul Ballout sorgt für Erleichterung in Deutschland. Aber warum stoppte niemand den Mann, der den Christopher Street Day in Berlin mit einem Auto angriff, bevor er Schaden anrichten konnte?
In einer Kleingartenkolonie in Berlin-Spandau ist die Flucht von Abdul Ballout offenbar zu Ende gegangen. Der 21-Jährige, der mit einem Minivan in eine feiernde Menschenmenge auf dem Berliner Christopher Street Day gerast war, wurde bei einem Polizeieinsatz erschossen.
Sein Tod beantwortet aber nicht die Fragen, die sich viele Menschen in Deutschland stellen. Warum wurde ein behördlich überführter islamistischer Gefährder, ein Freiwilliger des IS, ein Terrorist oder wenigstens ein Sympathisant des Terrorismus, im Mai 2026 auf freien Fuß gesetzt, obwohl seine radikalen Ansichten und seine Entschlossenheit zur Gewalt erwiesen waren? Wo liegt der Fehler im System, der es Mördern wie Abdul Ballout so leicht macht, in Deutschland im Namen Allahs zu töten? Fragen an den Terrorismusexperten Peter Neumann vom King’s College in London.
t-online: Herr Neumann, sind wir zu gutgläubig und zu nachsichtig gegenüber islamistischen Gefährdern?
Peter Neumann: Das ist wirklich ein Problem. Die Strafen sind zu gering. Das Jugendstrafrecht wird aus meiner Sicht teilweise zu weit ausgelegt. Der Schutz der Öffentlichkeit wird nicht ausreichend berücksichtigt. Selbst Personen, deren Gefährdungspotenzial bekannt ist, kommen mit Bewährungsstrafen davon. Darüber nachzudenken, schafft noch keinen autoritären Staat. In Frankreich und Großbritannien greift man da härter durch. Wir brauchen mehr Konsequenz gegenüber Menschen, die unserer Gesellschaft Schaden zufügen wollen.
Als Sie erfuhren, was alles über Abdul Ballout bekannt gewesen war, was war Ihr erster Gedanke?
Sein Fall hat mich an die 2010er-Jahre erinnert. Er wirkte „gestrig“. Heute radikalisieren sich die meisten Täter im Internet. Es gibt kaum noch klassische islamistische „Szenen“, wo Täter quasi „persönlich“ radikalisiert werden. Und dass jemand wirklich versucht, sich in Syrien dem IS anzuschließen, hört man auch kaum noch.

Zur Person
Peter R. Neumann (geb. 1974) ist Professor für Sicherheitsstudien am King’s College in London. Zu seinen Fachgebieten zählen Radikalisierung, Terrorismus, Aufstandsbekämpfung und Nachrichtendienste. Zudem hat Neumann bereits mehrere Bücher über diese Themengebiete verfasst.
Fall des CSD-Attentäters erinnert an Anis Amri
Bei Abdul Ballout war das aber offenbar so.
Er war seit Jahren in islamistischen Kreisen unterwegs, hatte Kontakt mit sowohl kriminellen als auch dschihadistischen Milieus. Das hat mich an Anis Amri erinnert, den Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz 2016. Auch der zuerst ein Kleinkrimineller, radikalisierte sich anschließend. Driftete von der einen Szene in die andere. Wie scheinbar Abdul Ballout. Solche Fälle sind heute seltener.
War der Anschlag auf den CSD also vermeidbar?
Aus meiner Sicht ja – wenn das Gericht zu einer anderen Entscheidung gekommen wäre. Ich halte es für einen Fehler, dass Abdul Ballout eine Bewährungsstrafe erhalten hat. Er war wegen Gewaltdelikten wie Körperverletzung und räuberischer Erpressung vorbestraft. Man wusste, dass er nach Syrien wollte, aber es nicht geschafft hat. Man weiß, dass solche „Failed Travelers“ – also Personen, die nach Syrien ausreisen wollten, aber daran gehindert wurden – eine besondere Risikogruppe darstellen.














