Nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin verdichten sich die Anzeichen, dass der Täter behördlich bekannter Islamist war. In den öffentlichen Debatten am Tag danach scheint das aber gar nicht so sehr im Fokus zu stehen.
Ein Minivan rast in eine feiernde Menschenmenge beim Christopher Street Day. Eine Frau stirbt, dutzende Menschen werden verletzt, manche rangen mit dem Tod. So geschehen Samstagnacht, mitten in Berlin. Der mutmaßliche Täter, augenscheinlich ein Mann namens Abdul Ballout, ein polizeibekannter islamistischer Gefährder.
Und wieder werden dieselben Fehler gemacht wie nach früheren islamistischen Anschlägen. Dieselben stumpfen Reflexe greifen und münden in dieselben fruchtlosen Debatten. Wieder blasen politische Gruppierungen in unserer Gesellschaft lieber zum Angriff auf ihre Lieblingsfeinde von der anderen Seite des Parteienspektrums, anstatt gemeinsam anzutreten gegen den eigentlichen Feind, der sich selbst außerhalb unserer Gesellschaft stellt: den islamistischen Terrorismus. Dieser ewige Fehler lässt die Pläne von Abdul Ballout und seinen mörderischen Gesinnungsgenossen regelmäßig aufgehen.
Konservative und rechte Stimmen schmieren der progressiven Bubble, in der sich auch der CSD zu Hause fühlt, mit unverhohlener Häme aufs Brot: „Die Leute, die Ihr im Land haben wollt, richten sich gegen Euch und Euer Streben nach maximaler Freiheit und Diversität.“
Für die AfD sind die Opfer des Anschlags Mittel zum Zweck
Die Krokodilstränen von AfD-Granden um die Opfer des Anschlags sind durchschaubar. Ihnen geht es nicht um die Opfer. In Landstrichen, in denen rechte Parteien und Gruppierungen das Stadtbild bestimmen, sind Mitglieder der LGBTQ-Bewegung nicht nur nicht wohl gelitten, sondern müssen teilweise um Leib und Leben fürchten.
Und auch wenn AfD-Chefin Alice Weidel sich im Moment des Anschlags staatstragend und solidarisch mit den Opfern gab, so wird es an den Stammtischen ihrer Partei nicht wenige geben, die sich insgeheim ins Fäustchen lachen. Dort, wo der Hass auf alles Andersartige, alles Fremde regiert, weint niemand um diejenigen, die in knappen Outfits zu heißen Beats rund um die Siegessäule tanzen und die freie Liebe feiern. In engstirnigen Kreisen hat niemand vor, Minderheiten zu schützen. Die Opfer des Anschlags auf den CSD sind hier Mittel zum Zweck, um antimuslimische Ressentiments zu schüren. Nur das.
Linke wollen die Realität nicht wahrhaben
Auf der anderen Seite der Front flüchten sich manche heute verzweifelt in irrwitzige Verschwörungstheorien: Anschläge vor wichtigen Wahlen, orakeln sie, „cui bono“? Wem nützt das? Unausgesprochen deuten sie an, dass hinter all dem Leid Wladimir Putin stecken könnte, dem jede Destabilisierung Deutschlands und das Erstarken der AfD zupasskommen muss. Putin und die Rechten – das sind Feinde nach ihrem Geschmack, und so schimpfen sie, als habe der Todes-Fahrer des weißen Minivans ein Hakenkreuz-Tattoo auf der rechten und Hammer und Sichel auf dem linken Oberarm getragen.













