Währenddessen feiert die autoritäre DDR-Erziehung bis heute fröhliches Dasein. In etlichen ostdeutschen Kitas wird weiterhin mit Methoden wie Ausgrenzung für angebliches Fehlverhalten, Verweigerung von „störenden“ Toilettengängen während der Mittagsruhe oder Zwang zum Essen von abgelehnten Lebensmitteln gearbeitet. Nach modernen Erziehungsstandards und Bildungsprogrammen der Bundesländer muss man in Teilen von Kindeswohlgefährdung sprechen. Die Kinder sollen zu folgsamen Wesen geformt werden, die „keine Probleme bereiten“. Eltern haben oft gar kein Unrechtsbewusstsein dafür, was hier passiert. Sie sind selbst so groß geworden und freuen sich, wenn ihre Kinder „funktionieren“ und bei Kitafesten stereotype Zirkusnummern, die darauf abstellen, dass Erwachsene Kinder niedlich finden können, wie dressiert vortragen.
Wir müssen nicht die Fehler der antiautoritären Erziehung wiederholen, die seit den 70er Jahren in Westdeutschland gemacht wurden. Aber wir müssen in Ostdeutschland dringend darüber diskutieren, wie integritätswahrende Erziehung aussehen kann, die den Heranwachsenden Orientierung für das Leben gibt, ohne sie zu brechen. Denn die demokratische Gesellschaft lebt von der Selbstwirksamkeit der Individuen, die die Bürgergesellschaft mitgestalten, anstatt reflexartig die Verantwortung für eigenes Wohlergehen bei anderen zu suchen.
Es muss auch darüber gesprochen werden, dass in der DDR die familiären Verstrickungen während der NS-Zeit mit einem Tabu belegt waren. Zu gefährlich wäre das Outing als ehemaliger Nazi gewesen. Und doch waren z.B. in Saalfeld nach dem Krieg ein Fünftel der Lehrer ehemalige NSDAP-Mitglieder. Auch viele Mitglieder der Staatspartei SED waren zuvor Nationalsozialisten oder gar SS-Angehörige.
Die Blockpartei Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NDPD) wurde eigens als Auffangbecken für NSDAP-Mitglieder gegründet. Wie die Bundeswehr wurde auch NVA durch Wehrmachtssoldaten aufgebaut. Nur konnte darüber in der DDR nie offen gesprochen werden. Der staatlich proklamierte Antifaschismus war eine hohle Phrase, die jeder als solche erkannte. Dass menschenverachtendes Denken und Abwertung von Andersartigen im Osten so verbreitet sind, hat auch damit zu tun, dass es nie einen wirklichen Bruch mit der NS-Ideologie im Sinne einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung gab. Hier besteht mehr Kontinuität als Neuanfang.
Wie in Westdeutschland mit 1968 eine Debatte über das autoritäre Erbe des NS und die persönlichen Verstrickungen möglich wurde, brauchen wir heute eine ostdeutsche Debatte über unsere Verstrickungen mit der DDR-Diktatur. Die Debatte ist bisher weitgehend ausgeblieben, weil die Leute in der Nachwendezeit mit Neuorientierung beschäftigt waren, wenn nicht überfordert. Sie mussten das Neue mühsam lernen und hatten keine Zeit, zurückzuschauen. Aber es gab auch den Wunsch, die Ostidentität zu hüten: Wenn ganze Berufsbiografien entwertet wurden, man gegenüber selbstbewussten Westlern sich minderwertig fühlte, hielt man trotzig am Einzigen fest, was man den Westlern voraushatte. Ostidentität stiftet auch Gemeinschaft zur Selbstbehauptung.
