Gab es im Mittelalter eine deutsche Nation?
Auch das Mittelalter bietet keine eindeutige Geschichte deutscher Herkunft. Karl der Große wurde im Jahr 800 n. Chr. zum Kaiser gekrönt und herrschte nicht über ein deutsches, sondern über ein fränkisches Reich. Das Heilige Römische Reich trug seit dem Spätmittelalter den Zusatz „Deutscher Nation“ im Titel: Es war allerdings kein Nationalstaat, sondern ein loser Zusammenschluss kleiner Einheiten. In anderen Ländern sprach man von „den Deutschen“, doch Bayern, Sachsen, Schwaben und Rheinländer lebten tatsächlich in Fürstentümern, Bistümern, Reichsstädten und zahlreichen anderen Kleingebieten. Diese politische Fragmentierung schränkte die zentrale Autorität ein, und regionale und lokale Identitäten überwogen lange Zeit jedes breitere Gefühl der deutschen Nationalität.
Erst mit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert und der Reformation entstand eine klarere Vorstellung davon, was es bedeutet, „deutsch“ zu sein. Martin Luthers Bibelübersetzung etablierte eine gemeinsame Schriftsprache für alle regionalen Dialekte. In diesem Sinne entwickelte sich die deutsche Nation zunächst vor allem als gemeinsamer Sprach- und Kulturraum.
Warum entstand der deutsche Nationalstaat so spät?
Als Napoleon 1806 einen Großteil der politischen Landkarte Europas neu zeichnete, wurde die nationale Frage zu einer politischen Frage: Sollten die deutschen Gebiete in einem einzigen Staat vereint werden? Während der Befreiungskriege zwischen 1813 und 1815 trafen Freiheitsbestrebungen, Feindseligkeit gegenüber Frankreich und der Wunsch nach Einheit zusammen. Die Farben Schwarz-Rot-Gold, später das Symbol der deutschen Demokratie, hatten ihren Ursprung teilweise in den Uniformen eines Freikorps und wurden von der Nationalbewegung übernommen.















