Warnung vor Standortklausel
Reform wirkt: Medikamentenpreise steigen langsamer
04.11.2026 – 16:09 UhrLesedauer: 2 Min.
Die Pharmabranche muss ab 2027 deutlich höhere Rabatte gewähren. Das entlastet die Krankenkassen – allerdings nur kurzfristig.
Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Medikamente werden sich im kommenden Jahr weiter erhöhen – jedoch deutlich weniger als zuletzt. So geht das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) in einer aktuellen Einschätzung von einem Ausgabenanstieg in Höhe von 2,2 bis 2,8 Prozent aus. Das ist deutlich niedriger als zuletzt: Demnach gaben die Krankenkassen für Arzneimittel im Jahr 2025 insgesamt 62,6 Milliarden Euro aus – 5,6 Prozent mehr als im Vorjahr.
Grund für das überschaubare Ausgabenwachstum ist laut WIdO das in diesem Jahr verabschiedete GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Neben zahlreichen Änderungen für die Versicherten und Ärzte nimmt dieses auch die Pharmabranche stärker in die Pflicht. So müssen die Pharmahersteller für bestimmte patentgeschützte Medikamente künftig deutlich höhere Rabatte gewähren: Der bestehende Herstellerabschlag erhöht sich zum 1. Januar 2027 von 7 auf dann 15,5 Prozent.
Politik will Standortklausel einführen
Allerdings diskutiert die Politik derzeit noch über die Einführung einer sogenannten Standortklausel. Diese sieht vor, dass Pharmahersteller keine höheren Rabatte gewähren müssen, sofern sie einen bestimmten Teil ihrer Forschung oder Produktion in Deutschland erbringen. Ein Fachgremium hatte hierzu Ende September zahlreiche Vorschläge an die Politik übergeben. Noch steht ein Beschluss allerdings aus, auch weil die Frage der Gegenfinanzierung noch nicht geklärt ist. Die Krankenkassen warnen davor, die Kosten auf die Versicherten umzulegen. Auch die Höhe der durch eine Standortklausel entstehenden Kosten ist umstritten: Während die Pharmabranche von 750 bis 850 Millionen Euro ausgeht, schätzen die Krankenkassen die Mehrkosten auf 1,3 Milliarden Euro.
Carola Reimann, Vorsitzende des AOK-Verbands, bezeichnete die geplante Standortklausel als „offene Flanke und ein Risiko für massive Preissteigerungen im Arzneimittelmarkt, die die Beitragssatzstabilität wieder zunichtemachen könnten“. Stabile Beiträge dürften nicht zugunsten von Standortförderung und Industriepolitik geopfert werden.
Aus der Pharmabranche hatte es nach dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz deutliche Kritik an der deutschen Pharmapolitik gegeben. Sie sieht durch die erhöhten Zwangsrabatte die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Marktes gefährdet. Manche Unternehmen kündigten bereits an, geplante Investitionen in Deutschland auf den Prüfstand stellen zu wollen.
Patentgeschützte Medikamente für Kostenanstieg verantwortlich
Laut WIdO sind vor allem neue, patentgeschützte Medikamente maßgeblich für die steigenden Medikamentenpreise. 2025 verursachten sie Nettokosten in Höhe von 34,4 Milliarden Euro – das entspricht 55 Prozent der gesamten Nettokosten. Ihr Anteil an den verordneten Tagesdosen lag indes nur bei rund sieben Prozent. Allein 2024 stiegen die Kosten in diesem Segment um 7,6 Prozent.
Vor allem Krebs- und Immuntherapien sorgten 2025 für hohe Kosten. Entsprechende Medikamente waren für 37,6 Prozent der Arzneimittelnettokosten verantwortlich, entsprachen gleichzeitig aber nur drei Prozent der Tagesdosen. Herz-Kreislauf-Arzneimittel, die rund die Hälfte aller Tagesdosen bildeten, verursachten hingegen nur 14,3 Prozent der Kosten.
Auch deshalb sprechen sich die Krankenkassen für strukturelle Reformen bei der Preisgestaltung aus. Die kurzfristige Drosselung der Ausgaben im kommenden Jahr sei keine dauerhafte Lösung, mahnte WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder. „Sie verschafft uns nur etwas Zeit.“














