Beleidigungen, Häme, Eskalation: Debatten kippen immer schneller ins Persönliche. Algorithmen und Aufmerksamkeitslogik geben den Lautesten besonders viel Raum.
Sind wir hasserfüllter geworden? Wer Nachrichten liest oder durch soziale Medien scrollt, kennt das: Menschen beschimpfen einander, Diskussionen eskalieren innerhalb weniger Kommentare, aus einer anderen Meinung wird ein persönlicher Angriff. Zumindest für den digitalen Raum gibt es Zahlen: 2025 berichteten 34 Prozent der Internetnutzerinnen und -nutzer in Deutschland, im Netz Hassrede wahrgenommen zu haben, zwei Jahre zuvor waren es noch 28 Prozent. Auch die Polizeistatistik zeigt einen Anstieg: Die Zahl der registrierten Straftaten im Bereich Hasskriminalität stieg 2024 gegenüber dem Vorjahr um 28 Prozent.
Zahlen und Umfragewerte bedeuten nicht automatisch, dass „die Gesellschaft immer hasserfüllter“ wird. Sie können auch deshalb steigen, weil die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein für das Thema gewachsen sind.
Warum wirkt unser Umgang miteinander also so viel aggressiver?
Wir dürfen nicht vergessen: Hass ist – ebenso wie Liebe – eigentlich eine elementare Kategorie menschlichen Fühlens und Verhaltens. Der Hass erhält mit der wachsenden Wirkmächtigkeit sozialer Medien nur einen neuen, größeren Raum. Unser Gehirn reagiert aufmerksam auf Bedrohung, Konflikt und starke Emotion. Und genau das trifft auf ein Geschäftsmodell, bei dem Aufmerksamkeit kostbar ist – oft genug Aufmerksamkeit um jeden Preis: Was uns empört, hält uns fest. Wir kommentieren, teilen und widersprechen – und erzeugen damit „Engagement“, also messbare Reaktionen.
Und in der Tat belegt die experimentelle Forschung, dass „Engagement“-basierte Feeds, also regelmäßig aktualisierte Sammlungen von Inhalten wie Social-Media-Beiträge, moralisch empörende oder toxische Inhalte viel stärker ausspielen können als chronologisch sortierte Feeds.
Andere Menschen werden zu Content
Das bedeutet nicht, dass ein Algorithmus uns Hass „einpflanzt“. Aber er kann dafür sorgen, dass wir extreme Stimmen häufiger sehen, als es ihrer tatsächlichen Verbreitung entspricht. Dazu gesellt sich eine weitere, weitverbreitete Unart sozialer Medien: Die Abwertung anderer Menschen und dessen, was sie posten, wird selbst zu Content, also zum eigentlichen Inhalt. Man nimmt einen Post, ein Video oder den einzelnen Satz eines anderen, präsentiert ihn seinen Followern und kommentiert ihn, je nach Laune, süffisant, empört oder herablassend.
Ohne Frage gehört Kritik zu einer offenen Gesellschaft, auch fachliche Aussagen müssen kritisierbar sein. Problematisch wird es, wo es nicht mehr um sachliche Auseinandersetzung geht. Wo etwa wenige Sekunden aus einem längeren Gespräch herausgeschnitten werden, wo Kontext fehlt, Aussagen zugespitzt oder lächerlich gemacht werden und sich der Kommentierende anschließend als derjenige inszeniert, der alles besser weiß. Ein kurzes Kopfschütteln, ein höhnischer Blick in die Kamera, ein flotter Satz, fertig ist der nächste Clip.
Doppelt positionieren, kaum Neues
Das funktioniert besonders gut, weil man sich auf diese Weise gleich doppelt positionieren kann: Man selbst muss kaum etwas Neues beitragen und kann sich gleichzeitig über andere erheben. Sofort erzeugt der Konflikt wiederum Reaktionen: Zustimmung, Widerspruch, Kommentare, Weiterleitungen. Aus Lästern wird Reichweite.















