Europa soll zum zweiten Standbein werden
Einen solchen Status gibt es bislang in den EU-Verträgen nicht. Es gilt als eher unwahrscheinlich, dass sich Kanada Regularien unterwerfen würde. Carney reagierte dennoch offen und sprach von einer „Allianz für die Zukunft“. Allein die Debatte zeigt, wie grundsätzlich beide Seiten ihre Beziehungen neu denken.
Beide Seiten denken über Handelspolitik hinaus. Kanada und die EU wollen bei kritischen Rohstoffen, Künstlicher Intelligenz, Rüstungsproduktion und in der Arktis enger zusammenarbeiten. Auch bei Energie, Forschung und Bildung gibt es zusätzliche Initiativen. Eine wirtschaftliche Grundlage existiert bereits. Seit dem vorläufigen Inkrafttreten des Freihandelsabkommens Ceta 2017 ist der Warenhandel zwischen Kanada und der EU nach Angaben der Deutschen Industrie- und Handelskammer um 76 Prozent gestiegen.
- Abkehr von USA: Warum Carney auf Europa setzt
Für Deutschland sind vor allem zwei Felder interessant. Zum einen verfügt Kanada über Rohstoffe und Energie, die für Europas Industrie und die technologische Transformation wichtig sind. Zum anderen steigt auf beiden Seiten des Atlantiks der Bedarf an Verteidigungsgütern. Ottawa baut seine Streitkräfte aus, Berlin versucht gleichzeitig, die deutsche Rüstungsindustrie hochzufahren.
Aus politischer Nähe könnte dadurch eine konkrete wirtschaftliche Arbeitsteilung entstehen. Das wäre für Deutschland besonders wertvoll, weil Kanada ein wirtschaftlich starker demokratischer Partner ist, der selbst ein Interesse an belastbaren europäischen Beziehungen hat. Genau das unterscheidet Ottawa von vielen Staaten, um deren Rohstoffe und Märkte Europa derzeit wirbt.
Wie tief das Misstrauen bereits reicht
Dass die Neuorientierung Kanadas nicht allein wirtschaftliche Gründe hat, zeigt eine bemerkenswerte Aussage Carneys. Der Premier ließ nach eigenen Angaben untersuchen, welche Folgen ein militärisches Vorgehen der Vereinigten Staaten gegen Kanada hätte. Carney betonte ausdrücklich, dass er ein solches Szenario für äußerst unwahrscheinlich hält. Er sprach von einem extremen Restrisiko, das eine Regierung trotzdem berücksichtigen müsse.
Kanada bereitet sich also nicht auf einen Krieg mit den Vereinigten Staaten vor. Bemerkenswert ist vielmehr, dass der Regierungschef eines Nato-Landes überhaupt öffentlich darüber spricht, einen möglichen Angriff des wichtigsten Nato-Staates geprüft zu haben. Noch vor wenigen Jahren wäre eine solche Debatte kaum vorstellbar gewesen.














