Unterschätztes Risiko im Krankenhaus
Mangelernährung wird offenbar zu häufig übersehen
19.08.2026 – 16:35 UhrLesedauer: 3 Min.
Eine Studie legt nahe, dass Mangelernährung im Krankenhaus zu selten erkannt wird. Das ist ein Problem: Betroffene haben oft einen schwereren Krankheitsverlauf, könnten aber von einer frühen Behandlung profitieren.
Wenn der Körper über längere Zeit zu wenig Energie oder wichtige Nährstoffe bekommt, sprechen Ärzte von einer Mangelernährung. Das bedeutet: Der Mensch isst weniger, als er braucht, oder der Körper kann die Nahrung nicht richtig aufnehmen oder verwerten. Die Ursache ist oft eine Erkrankung, zum Beispiel Krebs, eine chronische Lungenerkrankung oder eine Herzschwäche.
Wie häufig eine Mangelernährung in deutschen Krankenhäusern vorkommt, weiß niemand genau. Eine neue, im „Deutschen Ärzteblatt International“ veröffentlichte Auswertung von Krankenkassendaten zeigt: Nur bei etwa einem von 100 Klinikpatienten ist eine Mangelernährung vermerkt. Die Forscher gehen jedoch davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt.
Dafür sprechen frühere Untersuchungen, bei denen gezielt nach Mangelernährung gesucht wurde. In einer nicht repräsentativen Auswertung von 1.755 Patienten aus 40 Kliniken galten 33,9 Prozent als mäßig oder schwer mangelernährt. Die große Lücke zwischen beiden Zahlen deutet darauf hin, dass viele Fälle im Klinikalltag übersehen oder nicht dokumentiert werden.
Die Dunkelziffer ist womöglich hoch
Die Krankenkassendaten zeigen lediglich, welche Diagnosen Ärzte erkennen und für die Abrechnung festhalten. Fälle, die nicht bemerkt oder nicht eingetragen werden, bleiben unsichtbar. Das bedeutet: Es könnte viele Patienten geben, deren Mangelernährung im Klinikalltag unerkannt bleibt – und die deshalb möglicherweise auch keine gezielte Ernährungstherapie erhalten.
Nach Ansicht von Michael Adolph, dem Ärztlichen Leiter der Stabsstelle Ernährungsmanagement am Universitätsklinikum Tübingen, bestätigen diese Befunde eine seit Langem bekannte Versorgungslücke. Dem Science Media Center Deutschland erklärte der nicht an der Studie beteiligte Experte: „Mangelernährung ist bei hospitalisierten Patientinnen und Patienten wesentlich häufiger, als sie im klinischen Alltag diagnostiziert und dokumentiert wird.“
Mangelernährung mit erhöhter Sterblichkeit verbunden
Das ist auch deshalb problematisch, weil Mangelernährung in vielen Fällen die Prognose verschlechtert. In der Studie starben innerhalb von 90 Tagen 18,2 Prozent der Patienten mit dokumentierter Mangelernährung. In der Vergleichsgruppe ohne diagnostizierte Mangelernährung waren es 7,3 Prozent.
Auch erneute Krankenhausaufnahmen kamen häufiger vor: 44,9 Prozent der Betroffenen mussten innerhalb von 90 Tagen wieder ins Krankenhaus – gegenüber 37,8 Prozent in der Kontrollgruppe. Zudem entstanden bei Patienten mit Mangelernährung im Schnitt mehr als 4.000 Euro zusätzliche Gesundheitskosten pro Jahr.
Wie ließe sich das Problem lösen?
Würde Mangelernährung eher erkannt, könnten Ärzte schneller gegensteuern und etwa die Ernährung gezielt anpassen. Im besten Fall ließen sich dadurch Todesfälle oder erneute Krankenhausaufnahmen verhindern.
Medizinische Leitlinien empfehlen daher sogenannte Screenings. Dabei wird schon bei der Aufnahme geprüft, ob ein Patient Anzeichen für Mangelernährung zeigt – etwa starken Gewichtsverlust, sehr wenig Appetit oder ein zu niedriges Körpergewicht.
In den Niederlanden sind solche Untersuchungen bereits üblich. In Deutschland sind sie bislang nicht verpflichtend. Das soll sich ändern. Nach dem Krankenhausreformanpassungsgesetz soll der Gemeinsame Bundesausschuss bis Dezember 2027 Regeln dafür erarbeiten, wie Mangelernährung in Krankenhäusern künftig systematisch erkannt und behandelt werden soll.
Was bedeuten die Ergebnisse für Patienten und Angehörige?
Patienten und Angehörige können die Studie vor allem als Anstoß verstehen, das Thema Ernährung im Krankenhaus selbst anzusprechen. Wenn eine erkrankte Person ungewollt Gewicht verliert, kaum Appetit hat, über längere Zeit nur kleine Mengen isst oder Probleme beim Kauen und Schlucken hat, sind das ernst zu nehmende Warnsignale. Solche Veränderungen sollten im Krankenhaus unbedingt angesprochen werden – auch dann, wenn das Behandlungsteam nicht von selbst danach fragt.















