Erstattung von Abnehmspritzen durch Kassen
Linnemann steht vor seiner ersten schweren Entscheidung
07.08.2026 – 10:54 UhrLesedauer: 4 Min.
Sollen die Krankenkassen künftig die Kosten für Abnehmspritzen übernehmen? Sie warnen vor enormen Kosten, doch andere Länder gehen voran.
Deutschland wird immer dicker. Laut dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamts hatte im vergangenen Jahr mehr als jeder zweite Deutsche (53,4 Prozent) einen Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 25. Das ist der Wert, ab dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Menschen als übergewichtig einstuft.
Fast jeder Fünfte (17,9 Prozent) galt mit einem BMI jenseits der 30 sogar als fettleibig. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft kommt sogar auf noch höhere Zahlen (19,7 Prozent). In den vergangenen Jahren sind die Zahlen kontinuierlich gestiegen.
Das ist die Grundlage einer Debatte, die sich nun an einem Interview von Sonja Optendrenk, Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses, mit dem „Spiegel“ entzündet hat und den neuen Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann unter Druck setzen könnte.
Das ist der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA)
Der Gemeinsame Bundesausschuss ist das oberste Beschlussgremium im deutschen Gesundheitswesen. Er bestimmt für die 74 Millionen gesetzlich Versicherten in Deutschland, welche Medikamente, Behandlungen und medizinischen Leistungen von den Krankenkassen bezahlt werden. Insgesamt hat der G-BA 13 stimmberechtigte Mitglieder (zehn aus den Reihen der Krankenkassen, Ärzte und Krankenhäuser sowie drei unparteiische). Seit Juli ist Sonja Optendrenk neue unparteiische Vorsitzende. Ihre Amtszeit läuft bis 2030.
Zahlen die Krankenkassen künftig für Abnehmspritzen?
Optendrenk hatte sich in dem Gespräch offen dafür gezeigt, über den Umgang mit Abnehmpräparaten wie Wegovy oder Mounjaro nachzudenken. „Es wäre sicherlich überlegenswert, solche Abnehmmittel als Medikation unter bestimmten Bedingungen als Kassenleistung anzuerkennen.“ Bislang gelten die Medikamente – sofern sie zur reinen Gewichtsreduzierung verschrieben werden – aus kassenrechtlicher Sicht als Lifestyle-Medikamente. So werden Mittel bezeichnet, bei deren Anwendung eine Erhöhung der Lebensqualität im Vordergrund steht, etwa Appetitzügler, Haarwuchsmittel oder Arzneien zur Steigerung der sexuellen Potenz. Sie dürfen nicht als Kassenleistung verordnet werden.
Ursprünglich ein Diabetes-Medikament
Mounjaro wurde ursprünglich als Medikament zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt und kann von Ärzten zu seiner Behandlung verschrieben werden. In diesen Fällen übernehmen die Krankenkassen auch die Kosten, da eine klare medizinische Indikation abseits des reinen Abnehmens vorliegt.
Das soll sich ändern, fordert auch Alexander Horn, Deutschlandchef von Mounjaro-Hersteller Eli Lilly, in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Deutschland müsse beim Thema Adipositas stärker auf Prävention setzen, so Horn. Mit einer frühzeitigen Behandlung könnten Begleiterkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindert werden, was letztlich auch Geld einsparen helfe.
Dass sich der Hersteller des Medikaments für dessen Erstattungsfähigkeit durch die Krankenkassen einsetzt, dürfte wenig überraschen. Die Offenheit des Gemeinsamen Bundesausschusses hingegen schon.
Zustimmung aus der Politik
Auch in der Politik findet die Bezahlung der Abnehmspritzen durch die Krankenkassen Fürsprecher. „Die Kostenübernahme bei medizinischer Notwendigkeit wäre ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Adipositas“, erklärte etwa der niedersächsische Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD). Auch Simone Borchardt, gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion, zeigt eine grundsätzliche Offenheit, über das Thema zu diskutieren. Gleichzeitig betonte auch sie die absolute Notwendigkeit einer medizinischen Indikation. „Eine Finanzierung zur rein kosmetischen Gewichtsreduzierung kommt für mich nicht in Frage“, schrieb Borchardt im Portal „abgeordnetenwatch.de“.














