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Zu wenige Absolventen pro Jahr: Berliner Unis drohen an der Lehrkräftebildung zu scheitern – Wissen

Die neue Berliner Bildungssenatorin Astrid Sabine Busse (SPD) sollte früh einen Termin in ihrem Kalender aufnehmen – das Treffen mit der ebenfalls neuen Wissenschaftssenatorin Ulrike Gote (Grüne). Thema: Wie gehen wir das anhaltende Lehrkräftedefizit in Berlin gemeinsam an?

Ein Blick in den Koalitionsvertrag gibt erste Antworten. Angesprochen werden „Verbesserungen im Studium“, präzisere Bedarfsprognostik und verbindliche Kapazitätsplanung sowie ein bundesweiter Staatsvertrag. Die Maßnahme mit dem höchsten Konkretisierungsgrad ist die Verbeamtung der Berliner Lehrkräfte, womit zwar ein unbestreitbarer Wettbewerbsnachteil ausgeglichen, jedoch keine strukturelle Antwort auf das drängende Lehrkräftedefizit gegeben wird.

Wie drängend dieses Defizit ist, sollte den Senatorinnen mit Priorität vermittelt werden. Zur Erinnerung: Berlin kann 2021/22 nur jede dritte Stelle durch eigene Ausbildung decken. An den besonders notleidenden Grundschulen liegt die Quote der in Berlin ausgebildeten Grundschullehrkräfte nur bei einem Viertel. Bei den Lehrkräften für die Berufsschulen werden sogar weniger als ein Fünftel des realen Bedarfs in Berlin ausgebildet.

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Inzwischen hat nun auch die Kultusministerkonferenz die neuen Prognosen der Schüler:innen-Entwicklung bis 2035 veröffentlicht. Alleine bis 2030 steigen die Zahlen für Berlin um über 15 Prozent, das sind 71 640 Schüler:innen mehr, was sich relativ einfach in einen zusätzlichen Lehrkräftebedarf von über 6000 Lehrkräften über acht Jahre umrechnen lässt.

Unis scheuen strukturelle Veränderungen

Allein für den Grundschulbereich übersteigt der zusätzliche Bedarf an Grundschullehrkräften (170 pro Jahr) die Zahl aller Absolvent:innen im Referendariat mit Grundschullehramt (161 in 2021).

Mark Rackles war von 2011 bis 2019 Bildungsstaatssekretär in Berlin und ist seit 2020 freiberuflich als Berater und Publizist…Foto: privat

Damit hat Berlin ein strukturelles Problem, dem nur mit strukturellen Antworten beizukommen ist. In den ersten Runden der Koalitionsgespräche wurden zwar konkretere Strukturänderungen diskutiert. Dazu zählt die Einführung eines Bachelor of Education statt des Bachelor of Art mit Lehramtsoption. Insbesondere die Wissenschaftsseite intervenierte jedoch erfolgreich mit dem Argument, dass den Hochschulen weitere Strukturveränderungen nicht zuzumuten seien.

Hier werden die Grenzen der universitären Lehrkräfteausbildung deutlich, die an den heutigen Exzellenz-Universitäten unter dem Diktat der Drittmittel zwar für die Grundfinanzierung und die kleineren Fächer eine wichtige Rolle spielt, hochschulintern und wissenschaftspolitisch jedoch ein randständiges Dasein fristet.

Deshalb werden bei der dringend notwendigen Optimierung in der Struktur der Lehrkräftebildung die falschen Prioritäten gesetzt. Dafür steht nicht zuletzt auch das aktuell von der KMK verabschiedete Konzept zur Deckung der Fachkräftebedarfs in Mangelfächern wie Mathematik (QuaMath), das mehr Geld in defizitäre Strukturen investiert und davon ablenkt, dass es vor allem struktureller und weitreichender Maßnahmen bedarf.

Nur 850 von geforderten 2000 im Master of Education

Wenn die vier Berliner Universitäten die in den Hochschulverträgen fixierte Zielzahl von 2000 Abschlüssen im Master of Education in 2020 nach all dem Vorlauf mit unter 850 Abschlüssen so deutlich verfehlen, bedarf es eines kurzfristigen Aktionsplans als Auftakt einer Ausbildungsoffensive zur Lehrkräftegewinnung.

Dieser Aktionsplan sollte vier Schwerpunkte haben. Erstens muss der polyvalente Bachelor mit Lehramtsoption auf einen Bachelor of Education mindestens für das Grundschullehramt umgestellt werden. Hier genügt ein Blick in die Praxis diverser anderer Bundesländer.

[Um den Stellenwert der Lehrkräftebildung geht es auch im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf an der Freien Universität]

Zweitens muss die Zulassung zum Grundschullehramt für „sonstige Leistungen“ jenseits der Abiturnote geöffnet werden. Ein Ehrenamt als Fußballtrainerin oder ein Job als Nachhilfelehrer sollten zu 25 Prozent zählen und der Abischnitt nur noch zu 75 Prozent. Für bestimmte Mangelfächer wie Mathematik und Musik sollten zudem „fächerorientierte Sonderzugänge“ verbreitert werden – mit nachgewiesenen Kompetenzen. Beides ist in Baden-Württemberg gelebte Praxis.

Angehende Berufsschullehrkräfte sollten auch an den Fachhochschulen ausgebildet werden, schlägt Mark Rackles vor.Foto: Daniel Karmann/picture alliance/dpa

Drittens müssten auch sich auch Studierende an Berliner Fachhochschulen an ihrer FH Bachelor- und Masterprogramme im Berufsschullehramt belegen können – in enger Kooperation mit den Universitäten. Eine Praxis, die sich in NRW bewährt hat.

Viertens muss das Berliner StEPs (Studienzentrum für Erziehung, Pädagogik und Schule) als außeruniversitäre Einrichtung erhalten bleiben und ausgebaut werden. So könnte das StEPs die für das nächste Jahrzehnt notwendige Nachqualifizierung im Quereinstieg und Weiterbildung flexibler als die Hochschulen gewährleisten.

Die Lösung könnte eine eigenständige Berliner PH sein

Sofern die Universitäten sich zu diesen Strukturanpassungen nicht in der Lage sehen, muss Berlin ernsthaft die Option einer eigenständigen Berliner Hochschule für Pädagogik und Didaktik erwägen. Womöglich kann nur so der Eigenbedarf effektiv ohne Schnittstellen direkt vom Land gesteuert werden.

Vor diesem Hintergrund könnten die Fachsenatorinnen Busse und Gote bereits heute die Freie Universität Berlin mit einem neuen Benchmark konfrontieren: Bei gleicher Größe in Bezug auf die Lehramtsstudierenden (rund 5000) weist die Pädagogische Hochschule Heidelberg mit 1019 Lehramtsprüfungen gegenüber 736 Lehramtsprüfungen an der FU ein um 38 Prozent höheres Output aus – bei niedrigeren Kosten.

Die Zeit drängt: Entweder die Universitäten konzentrieren sich stärker auf die Bedarfe der Lehrkräfteausbildung oder das Land sollte die Lehrkräfteausbildung stärker konzentrieren.

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