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Turbulenzen an den Unis der Hauptstadt: Berliner Exzellenz in der Bredouille – Wissen

Was für ein Chaos! Gerade noch strahlte Berlins Wissenschaft. Die im Exzellenzwettbewerb prämierten Universitäten waren der Stolz der Stadt und des Senats, der Forschungsstandort enteilte scheinbar unaufhaltsam der Konkurrenz, abgekoppelt von den üblichen Berliner Problemen.

Und jetzt das: Die Humboldt-Universität steht auf einmal ohne Präsidentin da, die Freie Universität zerlegt sich selbst, an der Technischen Universität ist unklar, ob der Präsident wiedergewählt wird. Die rot-grün-roten Koalitionäre stehen ratlos daneben und sind für einen Teil des Desasters mitverantwortlich.

Kunsts Rücktritt ist ein Fanal

Zunächst zur Humboldt-Universität. Der überraschende Rücktritt von Sabine Kunst ist ein Fanal, von ihr bewusst so inszeniert. Sie tritt aus Protest gegen eine Neuregelung im Berliner Hochschulgesetz zurück, was umso pikanter ist, als Kunst selber SPD-Mitglied ist.

In dem Streit scheint es vordergründig um technisch-juristische Details zu gehen, doch es geht eigentlich um eine große Frage: Wie können die Hochschulen Karrierewege von jungen Forschenden verbessern, weg von befristeten Verträgen ohne Langzeit-Perspektive?

Das Vorhaben ist ehrenwert, die Richtung zu begrüßen

Vereinfacht gesagt: Rot-Grün-Rot hat die Berliner Unis gesetzlich verpflichtet, einer bestimmten Gruppe von fortgeschrittenen jüngeren Forschenden, den Post-Doktoranden, unbefristete Stellen zu reservieren. Für die Betroffenen wäre das eine Riesenverbesserung. Insofern ist das Vorhaben durchaus ehrenwert, die Richtung prinzipiell zu begrüßen. Kunst könnte man vorhalten, sie wolle die Probleme junger Forschender nicht richtig sehen.

Ganz so einfach ist es allerdings nicht, denn Kunst hat ein entscheidendes Argument. Die Abgeordneten drückten den umstrittenen Gesetzespassus in einer Nacht-und-Nebel-Aktion kurz vor der Wahl im Parlament durch, vorbei an der Senatskanzlei. Finanzielle, strukturelle und juristische Folgen wurden nicht richtig durchdacht. Warum solche Schnellschüsse bei so entscheidenden Fragen? Schon geben die Koalitionäre zu, das Gesetz müsse präzisiert werden – inzwischen eine traurige Routine bei rot-grün-roten Vorhaben.

Sabine Kunst, Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin, tritt aus Protest gegen eine Neuregelung im Berliner Hochschulgesetz…Foto: Britta Pedersen/dpa

Die FDP kündigt bereits rechtliche Schritte an. Im schlimmsten Fall scheitert das Gesetz wie der Mietendeckel vor Gericht. Das wäre erst recht eine Katastrophe: Erneut hätte Rot-Grün-Rot bei einem höchst sensiblen Thema fahrlässig mit den Hoffnungen vieler Menschen gespielt – und eine Stärke der Stadt, die Wissenschaft, leichtfertig beschädigt.

Kunst musste nicht zurücktreten, keiner verlangte das von ihr. Vielleicht wäre sie besser geblieben, um die anstehenden Veränderungen konstruktiv mit anzupacken.

Unbegreiflich, dass die FU-Kanzlerin noch im Amt ist

Ganz anders sieht es an der Freien Universität aus. Dort sind die Probleme selbstverschuldet. Die Kanzlerin hat eine Wahlintrige gegen den Präsidenten gesponnen, mit dem sie nicht zusammenarbeiten kann. Sie, die für Haushalt und Verwaltung zuständig ist, hat heimlich und hinter dem Rücken aller Unigremien Headhunter engagiert, um ihn auszubooten. Einige Professorinnen und Professoren haben das falsche Spiel mitgespielt. Es ist unbegreiflich, dass die Kanzlerin immer noch im Amt ist – und offenbar niemand an der FU die Autorität hat, ihr klarzumachen, dass ihr Abgang überfällig ist.

[Lesen Sie die Hintergründe zur Wahlintrige an der FU auf Tagesspiegel Plus.]

Die FU war lange die Musterschülerin unter den Berliner Unis. Jetzt steht sie vor einem Scherbenhaufen: Kanzlerin untragbar, Präsident desavouiert, Teile der Professorenschaft diskreditiert. Die HU sucht eine neue Präsidentin, die FU eine ganze Führungsriege und einen neuen moralischen Kompass.

Dass an der TU keineswegs klar ist, ob der Präsident die anstehende Wahl übersteht, fällt da im Gesamtbild kaum noch auf.

Das Vakuum in der Berliner Politik ist das Problem

Schwer wiegt indes das Vakuum, dass sich in Sachen Wissenschaft der Berliner Politik aufgetan hat. Die Erfolge der vergangenen Jahre resultierten auch daraus, dass der Regierende Bürgermeister Michael Müller als Wissenschaftssenator in Personalunion das Thema zur Chefsache gemacht hatte. Mit dem Abgang Müllers und seines erfolgreichen Staatssekretärs Steffen Krach liegt das Feld brach. Niemand ist in Sicht, der das Erbe der beiden kraftvoll antreten könnte.

Franziska Giffey kommt wegen ihrer Plagiatsaffäre nicht in Frage: Chefinnensache wird Wissenschaft im nächsten Senat schon einmal nicht. Einiges deutet darauf hin, dass Kultursenator Klaus Lederer das Ressort mit übernehmen könnte. Doch der ist bisher nicht als besonders wissenschaftsaffin aufgefallen. Orientierung tut hier dringend not. So viele Leuchttürme wie die Wissenschaft hat Berlin nicht.

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