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Woran der Standort Deutschland wirklich leidet

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Manchen Klageliedern zufolge steht Deutschland als “kranker Mann Europas” vor einer katastrophalen Deindustrialisierung. Andere Analysen behaupten, es sei nach wie vor einer der besten Wirtschaftsstandorte der Welt. Machen Sie sich selbst ein Bild.

Deutschland kommt nur schleppend aus der Winterrezession. Der nach Corona- und Energiekrise erwartete Aufschwung verspätet sich immer weiter – wenn er denn überhaupt kommt. Was wir erleben, sei keineswegs ein vorübergehender konjunktureller Abschwung, analysierte kürzlich etwa der ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup. Es handele sich um eine strukturelle Krise. Andere Ökonomen und vor allem Vertreter von Unternehmen und Wirtschaftsverbänden stimmen in diesen pessimistischen Chor ein. Deutschland drohe die “Deindustrialisierung”, ist zu hören. Die Bedingungen für Investitionen und damit künftiges Wirtschaftswachstum verschlechterten sich. Der Wirtschaftsstandort werde zunehmend unattraktiv. Deutschland, so Rürup, drohe zum “kranken Mann Europas” zu werden.

Steht es wirklich so schlimm um den Standort Deutschland?

Um diese Frage zu beantworten, sollte ein Blick auf die vielen Studien zu dem Thema helfen. In der Tat bescheinigt etwa der vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung erarbeitete Länderindex der Familienunternehmen, dass Deutschland als Wirtschaftsstandort auf Platz 18 von 21 ausgewerteten Vergleichsländern abgerutscht sei. International ist Europas größte Volkswirtschaft kaum noch konkurrenzfähig, so das Fazit der Wirtschaftsforscher. Andere Auswertungen zum gleichen Thema kommen allerdings zu völlig anderen Ergebnissen: Im aktuellen World Competiveness Ranking des International Institute for Management Development landet Deutschland mit Platz 22 von 64 Ländern immerhin im vorderen Mittelfeld. Im umfassenden Global Attractiveness Index des italienischen Beratungsunternehmens Ambrosetti liegt Deutschland sogar schon seit zwei Jahren auf Platz eins.

Geht es mit Deutschlands Wirtschaft also den Bach runter, oder steht es – abgesehen von konjunkturellen Problemen – bestens um den Standort? Aus den einschlägigen, oft interessengeleiteten Veröffentlichungen dazu lassen sich für jede Position die passenden Argumente picken. Schauen wir uns daher selbst die wichtigsten Daten an, um herauszufinden, woher die Klagen über den Standort Deutschland kommen und welche davon berechtigt sind.

Rekordgewinne

Zunächst der Status quo: Ein Blick auf Unternehmensgewinne in Deutschland zeigt, den Firmen geht es, soweit die Daten das erfassen, sehr gut. Im vergangenen Jahr konnten sie wieder einmal Rekordprofite erwirtschaften. Laut Erhebung der Bundesbank verzeichneten deutsche Konzerne operative Gewinne von insgesamt 2,4 Billionen Euro. Das entspricht immerhin etwa einer Verdoppelung innerhalb von 15 Jahren. Die Statistik berücksichtigt zwar nur börsennotierte Konzerne, also größere Konzerne. Daten zur Körperschaftssteuer, die alle Kapitalgesellschaften erfassen, zeigen allerdings eine ähnliche Entwicklung.

Bürokratiekosten leicht gesunken

Ein wiederkehrendes Klagelied über den Standort Deutschland handelt von der angeblich überbordenden Bürokratie. Er selbst könne das aus seiner unternehmerischen Praxis bestätigen, sagt etwa der Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags Peter Adrian. “Der Umgang mit Vorschriften, Anträgen, Meldungen und Berichtspflichten ist das, was mich rein zeitlich am stärksten beansprucht.” Er müsse in seinem Unternehmen erhebliche Kapazitäten dafür einsetzen, aufwendige Prozesse abzuarbeiten. Die Kosten für diese Prozesse erfasst das Statistische Bundesamt seit einigen Jahren in seinem Bürokratiekostenindex. Und der bestätigt die Wahrnehmung der Wirtschaftsvertreter ganz und gar nicht. Den Statistikern zufolge ist die Belastung durch den “Papierkram” in den vergangenen zehn Jahren sogar leicht gesunken. Damit ist zwar das Argument von der Bürokratie als Grund für eine Verschlechterung der Standortbedingungen widerlegt. Das heißt aber nicht, dass nicht auch Ressourcen mit Bürokratie verschwendet werden. Immobilienunternehmer Adrian sagt, er könnte seine Zeit besser nutzen, um “kreativ an neuen Lösungen und an unternehmerischen Konzepten zu arbeiten”.

Hohe Arbeitskosten, hohe Produktivität

Ein weiterer Punkt, der – gerade in Zeiten hoher Inflation und entsprechender Lohnforderungen – oft zu hören ist, sind die Arbeitskosten. Die sind in Deutschland im internationalen Vergleich tatsächlich hoch. In der EU liegt Deutschland bei den Kosten pro Arbeitsstunde auf Platz sechs, laut Angaben des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Die Lohnstückkosten, also Arbeitskosten der Unternehmen unter Berücksichtigung der steigenden Produktivität der Mitarbeiter, haben sich in Deutschland in den vergangenen Jahren im EU-Durchschnitt entwickelt. Zu Beginn der Corona-Krise waren sie sogar zeitweise gesunken. Eine Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit ist hier nicht zu sehen. Aufgrund der Inflation und des Fachkräftemangels dürften die Arbeitskosten dieses Jahr zwar wieder stärker steigen. Das ist allerdings eine Entwicklung, die nicht nur in Deutschland zu beobachten ist. Vergleichbare Standorte mit einem Überangebot an qualifizierten Fachkräften gibt es derzeit nicht.

Harter Steuerwettbewerb

Deutschland ist ein Hochsteuerland. Das gilt für Privatpersonen wie für Unternehmen. Mit knapp 30 Prozent sind die entsprechenden Steuersätze laut OECD hierzulande so hoch wie in kaum einem anderen Industrieland. Zwar hat die Bundesregierung in den vergangenen Jahren die Körperschaftssteuer nicht erhöht, in anderen Ländern – vor allem in den USA – wurden sie allerdings teils deutlich gesenkt, was den Standort Deutschland für manche Investoren weniger attraktiv macht. Zu beachten ist, dass Unternehmen in der Bundesrepublik ja nicht nur die einheitliche Körperschaftssteuer zahlen, sondern auch die kommunale Gewerbesteuer. Deren Erhebung ist so unterschiedlich, dass Unternehmen in manchen Gemeinden eine auch international vergleichsweise moderate Steuerlast unter 23 Prozent tragen, während andere Kommunen bis zu knapp 37 Prozent aufrufen.

Strompreisschock erschüttert die Industrie

Auch Klagen aus Unternehmen über die Energiepreise sind nicht neu. Auch wenn Industriekunden Strom deutlich günstiger als Privathaushalte oder kleine Gewerbebetriebe bekommen, gehört Deutschland bei der Elektrizität nicht erst seit der jüngsten Energiekrise zu den teuersten Standorten der Welt. Im vergangenen Jahr schossen die Preise dann von diesem Niveau noch einmal in zuvor unvorstellbare Höhen. Zwar sind die Strompreise für Privatkunden wie Unternehmen in diesem Jahr wieder gesunken, aber keineswegs auf das Ausgangsniveau. Ähnlich war die Preisentwicklung beim Gas, das viele Industriebetriebe sowohl als Energieträger als auch als Rohstoff nutzen. Mit den Preisbremsen für Strom und Gas federt die Bundesregierung einen Teil des Preisschocks ab. Doch für energieintensive Unternehmen, die ihren Verbrauch nicht einfach senken können, ohne die Produktion zu drosseln, bleibt eine erhebliche Mehrbelastung. Auch die Sorge, dass es erneut zu Preissprüngen wie 2022 kommen könnte, lässt Deutschland als Industriestandort riskant erscheinen.

Schlusslicht bei öffentlichen Investitionen

Ein Pfund, mit dem Deutschland in früheren Jahr wuchern konnte, war die gut ausgebaute Infrastruktur. Doch die weltberühmten Autobahnen sind inzwischen immer häufiger durch marode Brücken unterbrochen, Reisende und Gütertransportkunden können sich auf die Bahn kaum noch verlassen, und bei Mobilfunk- sowie Breitbandnetzausbau hat Deutschland das Niveau vieler anderer Industrieländer nie erreicht. Der Grund für diesen Rückschritt zeigt sich in den geringen öffentlichen Investitionen in Deutschland. Gemessen an der Wirtschaftsleistung steckt der deutsche Staat deutlich weniger Geld für Investitionen in sein Anlagevermögen – also Verkehrswege, digitale Infrastruktur, aber auch immaterielle Vermögenswerte wie Software. Bei den Nettoinvestitionen – wenn mittels Abschreibung die Alterung dieses Anlagevermögens einberechnet wird – waren die Investitionen in manchen Jahren sogar negativ. Der Wert unserer Infrastruktur nimmt ab.

Im Ergebnis zeigt sich, dass viele der beklagten Probleme des Standorts Deutschland sich seit den Zeiten, als die Wirtschaft brummte, gar nicht verschlechtert haben. Heraus sticht das Thema Energiekosten. Die haben sich tatsächlich von einem bereits hohen Vorkrisen-Niveau so dramatisch entwickelt, dass Deutschland für einige Unternehmen als Produktionsstandort kaum noch infrage kommt.

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