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Wie lang wird es noch Bargeld geben?

Marion Laboure stellt sich nicht die Frage, ob, sondern wann das Bargeld abgeschafft wird. Für die Expertin für Kryptowährungen von der Deutschen Bank sind staatliche Digitalwährungen die Zukunft. Passend dazu untersucht die Europäische Zentralbank seit Oktober die Möglichkeit eines digitalen Euros.

Eine solche elektronischen Form des Geldes beurteilte das Finanzministerium 2018 noch als „zu riskant“. Doch inzwischen planen 86 Prozent der Zentralbanken weltweit eine digitale Variante ihrer Währung. „Es gibt einen klaren Trend hin zu einer bargeldlosen Gesellschaft und die digitalen Währungen werden das Bargeld nach und nach ersetzen“, sagt Laboure.

Ganz anderer Meinung ist der Bundesbank-Vorstand Johannes Beermann: „Bargeld wird es wahrscheinlich ewig geben. Es ist das einfachste und am längsten bewährte Zahlungsmittel der Menschheit“, sagt Beermann. Ähnlich zurückhaltend ist auch die EZB. Der digitale Euro sei eine Ergänzung zum Bargeld und keineswegs ein Ersatz, heißt es in der offiziellen Stellungnahme zum Start der sogenannten Untersuchungsphase.

Sollte die erfolgreich sein, würde der digitale Euro voraussichtlich 2025 oder 2026 Wirklichkeit werden. Momentan ist jedoch noch unklar, wie die digitale Währung genau funktionieren soll. Andere Länder sind der Eurozone voraus: In China, den Bahamas, Tunesien, Senegal und Venezuela gibt es bereits digitale Formen der jeweiligen nationalen Währung.

Selbst junge Käufer zahlen zur Hälfte bar

Die digitalen Währungen sind auf dem Vormarsch, der Onlinehandel wächst und immer mehr Menschen zahlen mit Karte oder kontaktlosen Zahlungssystemen. Während 2017 noch in 74 Prozent der Fälle bar gezahlt wurde, griffen die Verbraucher 2020 nur noch in 60 Prozent zu Münzen und Scheinen. Wenig überraschend sind vor allem bei jungen Menschen Girokarte und Co. beliebt. Doch auch die Altersgruppe der 18 bis 24-Jährigen betätigt noch 50 Prozent der Käufe bar.

Das Bezahlen per Karte oder Handy hat im vergangenen Jahr zugenommen.
© imago images/Westend61

Mittelfrist könnte die Pandemie dem digitalen Bezahlen einen enormen Schub geben. Viele Menschen bezahlen inzwischen aus hygienischen Gründen lieber mit Karte und würden wahrscheinlich auch nach der Pandemie dabeibleiben. Doch ein Trend bilde nicht das ganze Wirtschaftsgeschehen ab, so Beermann. „Trotz allem Erfolg von neuen Zahlungssystemen und womöglich bald digitalen Währungen bleibt Bargeld solange notwendig, wie die Bürger es nutzen wollen“, sagt der Bundesbänker.

Nachfrage nach Bargeld nimmt zu

Nicht nur elektronisches Bezahlen, sondern auch der Bedarf an Bargeld nimmt in absoluten Zahlen zu. In den letzten zehn Jahren stieg die Menge des ausgegebenen Bargeldes in der Eurozone durchschnittlich um etwa sechs Prozent pro Jahr. Und zu Beginn der Coronakrise wurde anscheinend regelrecht gehortet.

Der Vorzug von Bargeld ist die Barrierefreiheit. Schon Kinder können an der Eisdiele bar zahlen.

Johannes Beermann, Vorstand der Bundesbank

Während die Möglichkeiten Bargeld auszugeben mit den Einschränkungen für Hotels, Restaurants und anderen Freizeitangeboten gering waren, nahm die Bargeldnachfrage überdurchschnittlich um fast zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Die Bundesbank vermutet bei schätzungsweise 40 Prozent der Bargeldnachfragen in Deutschland Hortung als Motiv. „In Krisenzeiten legen Menschen sich häufig eine Reserve beiseite. Bargeld ist eben ein sicheres Wertaufbewahrungsmittel“, sagt Beermann.

Das zeige sich besonders auch an der drastisch gestiegenen Nachfrage nach 200er- und 100er Scheinen, nachdem der 500er-Euro-Schein seit 2019 nicht mehr von der Bundesbank ausgegeben wird. Große Scheine seien als platzsparendes Wertaufbewahrungsmittel beliebt, so Beermann. 

Aus Sicht des Vorstands der Bundesbank hat Bargeld einige Vorteile gegenüber digitalem Geld. „Der Vorzug von Bargeld ist die Barrierefreiheit. Schon Kinder können an der Eisdiele bar zahlen“, sagt Beermann. Digital ist es schwieriger. Hier braucht es nicht nur die entsprechende technische Ausstattung, inklusive Strom und Internet, sondern auch ein gewisses Knowhow. Bar zahlen kann jeder unabhängig von Alter und teilweise sogar Sprachkenntnissen.

Verbraucherschützer verteidigen das Bargeld

Diese Vorteile erkenne auch auch Verbraucherschützer. Einer am Montag veröffentlichten Umfrage des Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) zufolge wollen drei Viertel der Menschen in Deutschland Bargeld als Bezahloption nicht missen. Gestiegen ist demnach jedoch der Anteil derjenigen, die nach eigenen Angaben im Alltag zumindest gelegentlich Probleme beim Bezug von Bargeld hatten: von 24 Prozent 2019 auf 29 Prozent im Herbst 2021.

Geldversteck zwischen der Wäsche – in Krisenzeiten neigen Verbraucher zum Horten von Bargeld.
© mauritius images / imageBROKER

Gut jeder zehnte Befragte (11 Prozent) gab an, dass er schon einmal nur mit Karte zahlen konnte, weil ein Händler kein Bargeld akzeptierte. Der vzbv mahnte, Verbraucher müssten Bargeld einerseits leicht beziehen können, andererseits müssten Handel und Gastronomie Schein und Münze auch flächendeckend akzeptieren.

Wie läuft die Umstellung?

Außerdem könnte die Umstellung auf digitale Zahlungen weitere Probleme mit sich bringen. Während Kryptowährungen wie der Bitcoin dezentral und anonym fungieren, können staatliche Digitalwährungen in der Hand der jeweiligen Zentralbank zentralisiert überwacht werden. Dass das kein dystopisches Science-Fiction Szenario ist, sondern schon Realität, zeigt die chinesische Digitalwährung „e-Yuan“.

Diese wurde von der chinesischen Regierung erklärtermaßen dafür konzipiert, die Zahlungsströme im Land besser zu kontrollieren. So sollen Terrorfinanzierung, Korruption und Steuerhinterziehung bekämpft werden. Doch Regimekritiker befürchten, dass die Regierung die Digitalwährung ebenso zur Jagd auf die Opposition, sowie religiöse und ethnische Minderheiten im eigenen Land verwendet. Dagegen sei ein weiterer Vorteil des Bargeldes die Anonymität, so Beermann.

Schweden als bargeldloses Paradies?

Die Gegner des Bargelds hierzulande schauen weniger nach China. Ihr Vorbild heißt Schweden. Zwischen 2009 und 2019 hat hier das Bargeld im Umlauf um 43 Prozent abgenommen und das Land so zum Vorreiter des bargeldlosen Bezahlens weltweit gemacht. Dafür verantwortlich ist auch das mobile Zahlungssystem „Swish“, das 2012 von sechs schwedischen Banken in Zusammenarbeit mit der schwedischen Zentralbank eingeführt wurde.

„Bargeld braucht nur noch deine Oma – und der Bankräuber“, heißt ein Slogan der schwedischen Bargeldgegner. Auch sie werben dafür, dass es die ganze Schattenwirtschaft ohne Münzen und Scheinen schwerer hätte und auch Steuerhinterziehung einfacher verfolgt werden könnte.

Doch trotz allem politischen Aktivismus gegen das Bargeld könnten auch pragmatischere Gründe den Schweden das digitale Bezahlen schmackhaft gemacht haben: Besonders auf dem Land ist die Bargeldversorgung in Schweden relativ schlecht. „In Deutschland braucht niemand länger als zehn Minuten zum nächsten Bankautomat. Das ist in Schweden auf dem Land schonmal anders“, sagt Beermann.

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