Aktuelle Deutschland Nachrichten

“Veteranen werden sagen: Ich muss raus aus der Ukraine”

0 2

In der Ukraine sind Zehntausende Soldaten an der Front gestorben oder verwundet worden. Millionen Menschen wurden vertrieben oder sind geflüchtet – in geschützte Landesteile oder ins Ausland. Doch während im Osten und Süden des Landes nach wie vor blutige Kämpfe toben, leben Menschen wie Tymofij Mylowanow ein möglichst normales Leben und planen den Wiederaufbau ihrer Heimat. Im Gespräch mit ntv.de spricht der Präsident der Kyiv School of Economics von einer absolut irrsinnigen Aufgabe. Um diese zu bewältigen, hofft der Ökonom auf die Rückkehr kluger Ukrainer aus dem Ausland und Goldgräberstimmung im Westen. Denn er fürchtet auch, dass viele Ukrainer nach einem möglichen Kriegsende eine lange Pause von ihrer Heimat brauchen.

ntv.de: Wie hat sich die ukrainische Wirtschaft seit dem Krieg verändert? Gibt es Auffälligkeiten?

Der Ökonom Tymofij Mylowanow war von 2019 bis 2020 Minister für wirtschaftliche Entwicklung der Ukraine. Seit 2016 leitet er zudem die Kyiv School of Economics.

(Foto: picture alliance / Photoshot)

Tymofij Mylowanow: Im Fall von Kiew gab es vor dem Krieg 3,9 Millionen Einwohner. Jüngsten Daten zufolge leben aktuell 3,6 Millionen Menschen in der Stadt. Aber es gibt einen Substitutionseffekt: Insgesamt haben etwa 700.000 Menschen die Stadt verlassen. Es sind aber sehr viele aus den Kriegsgebieten nach Kiew gezogen. Man kann von einem Austausch sprechen: Menschen aus dem Osten und Süden der Ukraine sind ins Zentrum geflüchtet. Menschen aus dem Zentrum sind in den Westen nach Lwiw, Tscherniwzi oder Transkarpatien gegangen. Und wer in Lwiw gelebt hat, ist nach Europa geflüchtet. Das scheint die Tendenz zu sein.

Jeder ist ein Stück nach Westen gezogen?

Ja. Wenn man sich die Zahlen anschaut, sind 70 Prozent der Menschen, die innerhalb der Ukraine vertrieben wurden, in ihrer Heimatregion geblieben. In Charkiw haben die Menschen die Stadt oder ihr Dorf an der Front verlassen, sind aber nur ein wenig nach Westen gezogen. Ganz wenige sind von dort nach Polen oder so geflüchtet.

Können Sie erklären, warum?

Migration hängt mit Netzwerken zusammen. Wenn man nicht gerade als Flüchtling nach Polen oder Deutschland geht, möchte man sein normales Leben weiterleben. Arbeiten. Ein Geschäft eröffnen. Eine Wohnung mieten. Dafür braucht man Kontakte. Und Bekannte und Verwandte findet man eher im direkten geografischen Umfeld als im Ausland. Deshalb kann man auch über die Wirtschaft sagen: In Kiew funktioniert sie. Die Staus sind nicht so schlimm wie vor dem Krieg, aber die Straßen sind voll.

In Kiew staut sich der Verkehr?

Irgendwie müssen die Menschen ja zur Arbeit und wieder nach Hause kommen … Die Cafés sind voll, alle leben ihr Leben. Wir wollten letztens für ein Wochenende aufs Land fahren und abschalten. Wir haben keine Unterkunft gefunden, alles war ausgebucht. Zwei oder drei Hotels hatten noch ein Zimmer frei. In diesem Sinne kann man sagen: Der Serviceindustrie geht es gut. Gilt das für die gesamte Wirtschaft? Nein. Es wurden sehr viele Exporte zerstört, etwa beim Getreide. 40 oder 50 Prozent unserer landwirtschaftlichen und Stahlerzeugnisse wurden über den Hafen in Odessa exportiert. Das ist Geschichte. Über unsere westlichen Grenzen können wir 30 Prozent der vorherigen Mengen liefern, aber das ist sehr viel teurer.

Leiden die Landwirtschaft und die Stahlindustrie am meisten unter dem Krieg?

Ja. Die russische Blockade im Schwarzen Meer verhindert Exporte, aber gerade im produzierenden Gewerbe wurden sehr viele Fabriken zerstört. Die meisten befinden sich im Osten des Landes. Ich war vor ein paar Wochen in Charkiw. Es sah so aus, als hätten die Russen systematisch jede Fabrik bombardiert. Aber es ist gar nicht so einfach, sie vollständig zu zerstören, denn die Fabriken sind riesig. Raketen müssen sehr genau sein, wenn man bestimmtes Equipment treffen will. Daran arbeiten die Russen noch. Sie zerstören auch Energie-Infrastruktur, wichtige logistische Knotenpunkte und Öldepots. Sie wollen unsere Schwerindustrie vernichten. Wer große Fabriken in Charkiw oder Dnipro betreibt, steckt in Schwierigkeiten. Kleinere Betriebe können dagegen versuchen, ihre Produktion in den Westen der Ukraine zu verlagern oder auf mehrere Standorte zu verteilen.

Leidet die Schwerindustrie auch, weil viele Männer an der Front kämpfen?

Mein persönlicher Eindruck ist, dass das nicht zutrifft. Aktuell dienen etwa 500.000 Männer in der Armee und mehrere Zehntausend Frauen. Vor dem Krieg bestand die arbeitende Bevölkerung aus 17 Millionen Menschen. Selbst wenn 150.000 Soldaten getötet oder verwundet wurden, ist das nur ein Prozent unserer Arbeitskräfte. Das ist nicht unerheblich, im Gegenteil. Aber das größere Problem sind russische Angriffe auf Fabriken, Werkshallen und Equipment.

Wie läuft es in der Rüstungsindustrie?

Dieser Bereich boomt. Vor allem im Bereich von Drohnen gibt es immer neue Ideen. Besonders schnelle Drohnen, kriechende Drohnen, automatisierte Kriegsführung, welche mit Künstlicher Intelligenz, Machine Learning … im Software- und Hardware-Bereich passiert bei militärischen Technologien sehr viel und vieles davon schwappt in die zivile Wirtschaft über. Das Militär wird von sehr vielen klugen Menschen unterstützt, aber man muss auch festhalten, dass sehr viele kluge Leute das Land verlassen haben, um nach Warschau oder Kalifornien zu gehen. Kommen die zurück? Dafür braucht es gute Nachrichten von der Front.

Aus ökonomischer Sicht wünschen Sie sich eine Rückkehr?

Natürlich. Aber selbst, wenn sie zurückkommen: Nach einem möglichen Kriegsende werden weiter Menschen das Land verlassen. Veteranen zum Beispiel. Die werden sagen, dass sie getan haben, was sie konnten und ihr Opfer gebracht haben. Jetzt brauchen sie mal eine Auszeit und müssen raus aus der Ukraine. Ich auch. Ich kämpfe zwar nicht, aber im Krieg eine Universität und Stiftung zu leiten und politisch zu helfen … wir sind alle komplett ausgebrannt. Ich träume davon, einfach ein Jahr in Costa Rica Surfen zu gehen, wenn der Krieg vorbei ist. Wer stattdessen im Ausland war, wird dagegen sagen: Ich war lange genug weg. Ich gehe zurück und helfe beim Wiederaufbau.

Glauben Sie, dass eine Art Goldgräberstimmung aufkommen könnte und sich andere Menschen aus Europa oder den USA dem Wiederaufbau anschließen?

Vielleicht. Aber das wird davon abhängen, wie der Krieg endet. Wenn Putin und das alte Russland besiegt sind, bestimmt. Dann hätte das Gute gewonnen. Das wäre aufregend, eine Art Renaissance. Das werden Menschen aus Westeuropa, den USA oder auch Kasachstan unterstützen wollen. Aber wenn es nur einen Waffenstillstand gibt, einen eingefrorenen Konflikt, bei dem vielleicht weiter Raketen fliegen, wird niemand in die Ukraine gehen wollen.

Weil die Leute Angst haben?

Auch, aber wenn im Land eine bedrückende Stimmung herrscht und es in Kiew oder Charkiw keine Jobs mehr gibt … Das möchte sich keiner antun. Derzeit kommen aber noch sehr viele Menschen aus dem Ausland in die Ukraine, weil sie wissen, dass es sich um einen historischen Moment handelt. Gerade wird die Zukunft von Zentral- und Osteuropa entschieden. Mindestens.

Wer etwas Sinnvolles mit seinem Leben anfangen möchte, ist in der Ukraine herzlich willkommen?

Absolut. Kommt her, lernt und lehrt mit uns. Wir bauen gemeinsam Forschungseinrichtungen auf oder veranstalten Workshops. Remote oder bei uns vor Ort an der Kyiv School of Economics. Sie können für ein paar Wochen oder Monate vorbeikommen. Es gibt so viel zu tun, etwa fünf bis sieben Prozent unseres gesamten Wohnraums sind zerstört worden … Wenn man einen Ort wieder aufbauen will, muss man nicht nur Minen räumen, sondern an jedem Gebäude den Schaden aufnehmen und einschätzen. Eine gewaltige Aufgabe, absoluter Irrsinn. Wir brauchen so viele Ingenieure – viel mehr, als man sich vorstellen kann.

Mit Tymofij Milowanow sprach Christian Herrmann

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Erlebnis zu verbessern. Wir gehen davon aus, dass Sie damit einverstanden sind, aber Sie können sich abmelden, wenn Sie dies wünschen. Annehmen Weiterlesen

Datenschutz- und Cookie-Richtlinie