Aktuelle Deutschland Nachrichten

Nicht alle chinesischen Unternehmen helfen Putin

0 40

Rhetorisch ist China voll auf russischer Linie, die Propaganda des Kremls wird beinahe ungefiltert übernommen. Aber die Zusammenarbeit kennt Grenzen: Mehrere chinesische Unternehmen reduzieren ihr Russlandgeschäft – aus Angst vor westlichen Sanktionen.

In Europa wünschen sich nach dem Angriff auf die Ukraine viele Menschen, dass alle wirtschaftlichen Verbindungen zu Russland gekappt werden. Die Bevölkerungen anderer Nationen sind weniger empfindlich: In Südamerika ist die Meinung gespalten, viele asiatische Staaten möchten auf jeden Fall an ihren Geschäften mit Moskau festhalten, hat eine weltweite Umfrage der Allianz für Demokratie ergeben.

Auch China steht Russland mit offenen Armen gegenüber. Keine Überraschung, meint Tim Rühlig. Die Volksrepublik sei rhetorisch und politisch voll auf russischer Linie, sagt der China-Analyst der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) im ntv-Podcast „Wieder was gelernt“. Beinahe täglich werde russische Propaganda ungefiltert im Land verbreitet.

Autokratien halten zusammen. Denn für den chinesischen Präsidenten Xi Jinping ist der russische Staatschef Wladimir Putin der „beste Freund“, wie er vor einigen Jahren offenbarte. Wirtschaftlich rücken die Staaten seit einigen Jahren immer enger zusammen. Vor allem Kleidung, Elektronikgüter und Maschinen exportiert die Volksrepublik nach Russland. Umgekehrt ist China vor allem an russischer Energie interessiert: Seit 2010 haben sich die Kohle-, Öl- und Gasimporte jeweils mehr als verdoppelt.

Inzwischen soll Peking laut Bloomberg auch darüber nachdenken, seine strategischen Reserven mit billigem Öl aus Russland aufzufüllen. Staatliche Ölgiganten wie Sinopec hätten ebenfalls begonnen, auf dem russischen Schnäppchenmarkt zuzugreifen, wie Reuters berichtet. Ein neuer Kurs, denn in den ersten Wochen nach Kriegsbeginn hatten sie Einkäufe und Importe noch reduziert.

Ausloten, was möglich ist

„Xi Jinping und Wladimir Putin haben am 4. Februar ein sehr umfassendes Abkommen geschlossen, das sich liest wie eine neue Allianz der beiden großen Autokratien unserer Zeit“, sagt China-Analyst Rühlig. Dennoch sei der russische Angriff auf die Ukraine nicht im chinesischen Interesse, denn Peking hasse Unsicherheiten und Risiken – speziell in Jahren, in denen ein Parteikongress stattfinde wie in diesem.

Aber die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, daher lautet die neue Devise in Peking seit einigen Wochen anscheinend: ausloten, was wirtschaftlich möglich ist, ohne den Westen vor den Kopf zu stoßen. Sprich: im Gegensatz zur EU günstige russische Energie einkaufen und den Kreml damit von chinesischen Unternehmen abhängig machen. Denn der eigentliche Gegner von China sind die USA. Für diese Auseinandersetzung brauche man Verbündete, davon habe Peking nicht so viele wirklich mächtige, sagt DGAP-Experte Rühlig. Russland sei geopolitisch ein zentraler Spieler, den China als Juniorpartner gut gebrauchen könne. „Dafür muss man den Russen aber auch irgendetwas geben.“

Eine stabile Auftragslage für russische Energiekonzerne, die Geld in die Staatskasse spielt, macht den Kreml gefügig. Aber erstaunlicherweise scheint die Unterstützung ausnahmslos auf diesen Sektor beschränkt. Es gibt keine Militärhilfe, auch in der Finanzindustrie oder im so wichtigen Technologiebereich sind chinesische Limits deutlich erkennbar.

Nur fünf Abschiede

Zum Beispiel hat der frühere Smartphone-Gigant Huawei den russischen Bezahldienst Mir kurz nach Kriegsbeginn in seinem App-Store aufgenommen, ihn aber nur einen Monat später schon wieder rausgeschmissen. Die Apps mehrerer sanktionierter russischer Banken konnten zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr auf den Smartphones des gebeutelten Unternehmens installiert werden.

Wo finde ich „Wieder was gelernt“?

Alle Folgen von „Wieder was gelernt“ können Sie in der ntv-App hören und überall, wo es Podcasts gibt: Audio Now, Amazon Music, Apple Podcasts, Google Podcasts und Spotify. Mit dem RSS-Feed auch in anderen Apps.

Fast zeitgleich berichtete das „Wall Street Journal“, dass Xiaomi, der zweite chinesische Smartphone-Gigant, seine Lieferungen nach Russland vorläufig einstellen würde – ebenso wie Computerhersteller Lenovo aus Hongkong. Und Unionpay, die chinesische Antwort auf die Kreditkarten von Visa und Mastercard, teilte der Sberbank und anderen russischen Banken laut der „Moscow Times“ mit, dass man derzeit nicht an einer Zusammenarbeit interessiert sei.

„Es spricht viel dafür, dass man in Peking anfangs dachte, man müsse ein Signal der Unterstützung senden“, sagt Tim Rühlig. Mit jedem zusätzlichen Sanktionspaket habe man dann aber gespürt, dass der Westen es ernst meint, und entschieden, dass man besser kein Risiko eingeht.

Chinesische Exporte brechen ein

Im März brachen nicht nur europäische und amerikanische Technologie-Exporte nach Russland ein, auch chinesische Unternehmen lieferten 40 Prozent weniger Laptops und etwa zwei Drittel weniger Smartphones als noch im Februar, wie Handelsdaten der chinesischen Regierung zeigen – obwohl offiziell nur vier chinesische Großbanken und der Drohnenhersteller DJI den russischen Markt gänzlich verlassen haben, wie aus einer Auflistung der US-amerikanischen Yale-Universität hervorgeht.

Eigentlich wären es sechs gewesen, denn Fahrdienstleister Didi wollte sich ebenfalls aus Russland zurückziehen. Nach einem öffentlichen Shitstorm trat der einst milliardenschwere Konzern allerdings den Rückzug vom Rückzug an. Die chinesische Bevölkerung hatte den Abschied als Zeichen der Schwäche aufgefasst.

Peking wagt den Spagat

Xi Jinping muss in der Russlandfrage einen Spagat wagen: Die Volksrepublik langsam vom Westen abnabeln, ohne den gemeinsamen Handel zu gefährden. Daher auch der Rückzug der vier Großbanken. Sie verlieren somit zwar Einnahmen, die sie als Zahlungsdienstleister für russische Unternehmen bekommen hätten, riskieren aber auch nicht, absichtlich oder versehentlich westliche Sanktionen zu verletzen.

Denn sollte es dazu kommen, drohen mächtige Zweitsanktionen der USA und der EU. Für Geldinstitute, die mit dem internationalen Finanzsystem verwoben sind, und auch für die Staatsführung in Peking, eine Katastrophe. Denn noch ist ein Leben ohne Dollar, Euro, westliche Chips und Halbleiter unvorstellbar. Noch kontrollieren und dominieren die USA und Europa die Finanzmärkte und den technologischen Cutting-Edge-Bereich. Erst recht, solange die Volksrepublik mit verstopften Häfen und anderen Nachwehen ihrer Null-Covid-Politik kämpft.

„Wieder was gelernt“-Podcast

„Wieder was gelernt“ ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Alle Folgen finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. „Wieder was gelernt“ ist auch bei Amazon Music und Google Podcasts verfügbar. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Erlebnis zu verbessern. Wir gehen davon aus, dass Sie damit einverstanden sind, aber Sie können sich abmelden, wenn Sie dies wünschen. Annehmen Weiterlesen

Datenschutz- und Cookie-Richtlinie