Aktuelle Deutschland Nachrichten

London hält Großbritannien über Wasser

0 1

Ein Vergleich mit Mississippi geht für Großbritannien nicht gerade schmeichelhaft aus. Wäre das Vereinigte Königreich ein US-Bundesstaat, wäre man der zweitärmste von allen. Und selbst das ist längst nicht mehr sicher, schreibt “The Atlantic” zur “Mississippi-Frage.

“Ist Großbritannien wirklich so arm wie Mississippi?” Diese Frage hat die “Financial Times” Mitte August gestellt. Spannend ist dieser Vergleich deshalb, weil Mississippi der ärmste Bundesstaat in den USA ist. Jeder fünfte Einwohner lebt unterhalb der Armutsgrenze, in einigen Countys sogar jeder Zweite. Und Großbritannien? Eigentlich ein reiches Land, aber die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander.

Vor gut neun Jahren hat der britische “Spectator” den Mississippi-Vergleich zum ersten Mal aufgemacht und ausgerechnet, dass von allen 50 US-Bundesstaaten nur Mississippi ärmer ist als Großbritannien. Dafür hat die Zeitung das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf genommen und die Preisunterschiede herausgerechnet.

Als die Mississippi-Frage 2014 erstmals aufkam, sei das ein “Schock” für das Vereinigte Königreich gewesen, berichtet “The Atlantic”. In Großbritannien sei der Drei-Millionen-Einwohner-Staat im Süden der Vereinigten Staaten ein “Synonym für Rückständigkeit”. Der Vergleich habe für Empörung bei den Briten gesorgt, die die Daten anprangern wollten.

In den vergangenen neun Jahren ist viel passiert, aber wenig, das der Entwicklung der britischen Wirtschaft zuträglich war. Investitionen und Exportzahlen sind durch den Brexit zurückgegangen, Tausende EU-Arbeitskräfte fehlen.

Dank London immerhin noch vor Mississippi?

Ohne London sähe die Lage noch schlechter aus. Die Hauptstadt des Vereinigten Königreichs ist der Schmelztiegel der britischen Wirtschaft. Zieht man die Metropole ab, würde Großbritannien in den Daten wirklich hinter Mississippi zurückfallen. Um satte 14 Prozent sinke der britische Lebensstandard, würde man London aus der Rechnung nehmen, hat die “Financial Times” ausgerechnet. Das ist ein beispiellos hoher Anteil. Zum Vergleich: München, Deutschlands produktivste Stadt, erhöht den Lebensstandard des Landes nur um einen Prozentpunkt. Das Silicon Valley macht vier Prozent der amerikanischen Produktivität aus.

Die negativen Auswirkungen des Brexits halten sich in der Finanzmetropole auch in Grenzen. Befürchtungen, dass London stärker unter dem EU-Austritt leiden würde, als andere Regionen des Landes, erwiesen sich als unbegründet. Und auch vom Corona-Einbruch hat sich zumindest die Wirtschaft der Hauptstadt schon erholt. Die Hauptstadtregion, deren Wirtschaft seit dem Tiefpunkt der coronabedingten Rezession im zweiten Quartal 2020 gewachsen ist.

London hält Großbritannien also wirtschaftlich über Wasser – und auch über dem US-Bundesstaat Mississippi?

Das US-Magazin “The Atlantic” ist sich da nicht mehr so sicher. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen im Vereinigten Königreich falle mittlerweile sogar noch niedriger aus als in Mississippi. “Zugeben zu müssen, dass Großbritannien jetzt ärmer ist als der ärmste Staat der Union, könnte einen Moment der Selbsterkenntnis auslösen, den viele Briten offenbar aufschieben wollen”, lautet die Analyse.

Großbritannien im Schlafwagen-Modus

Der in Mississippi lebende britische Autor zieht direkt die “FT”-Berechnungen in Zweifel. Zwar räumt er ein, dass unter Hinzunahme der sogenannten Kaufkraftparität, die die Preisunterschiede zwischen Großbritannien und den USA berücksichtigt, Mississippi gegenüber den Briten immer noch den Kürzeren zieht. Allerdings ergebe es keinen Sinn, die Daten des “Magnolia State” mit den Daten der gesamten USA zu vergleichen, weil “hier ein Dollar viel weiter reicht als in New England oder an der Westküste”.

Außerdem hätten die Südstaaten der USA in den vergangenen Jahrzehnten “ein rasantes Wirtschaftswachstum” erlebt, heißt es in dem Artikel. Texas, Georgia, North Carolina, Tennessee, Alabama “florieren”.

Nur Mississippi nicht. Doch selbst der ärmste amerikanische Staat bewege sich nun in die richtige Richtung. Weniger Regulierung auf dem Arbeitsmarkt, die fast komplette Abschaffung der Einkommenssteuer, mehr ausländische Investitionen.

Großbritannien habe sich dagegen “schlafwandlerisch in Richtung regulatorischer Reglementierung” bewegt. Die Wirtschaft ist in Schieflage. Der Hauptgrund für die abstürzende Wirtschaft sei aber weder der Brexit noch äußere Umstände wie der Ukraine-Krieg, analysiert “The Atlantic”.

Die Mississippi-Frage wurde schließlich auch schon zwei Jahre vor der historischen Brexit-Abstimmung im Sommer 2016 erstmals gestellt. Und die schwache Leistung, Produktivität und das geringe Wachstum des Landes seien schon “lange vor dem Brexit offensichtlich” gewesen.

“Wieder was gelernt”-Podcast

“Wieder was gelernt” ist ein Podcast für Neugierige: Warum wäre ein Waffenstillstand für Wladimir Putin vermutlich nur eine Pause? Warum fürchtet die NATO die Suwalki-Lücke? Wieso hat Russland wieder iPhones? Mit welchen kleinen Verhaltensänderungen kann man 15 Prozent Energie sparen? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Alle Folgen finden Sie in der ntv App, bei RTL+, Apple Podcasts und Spotify. “Wieder was gelernt” ist auch bei Amazon Music und Google Podcasts verfügbar. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden.

Sie haben eine Frage? Schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an [email protected]

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Erlebnis zu verbessern. Wir gehen davon aus, dass Sie damit einverstanden sind, aber Sie können sich abmelden, wenn Sie dies wünschen. Annehmen Weiterlesen

Datenschutz- und Cookie-Richtlinie