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In den Sommerferien droht das Flug-Chaos

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Die Personalnot bei Airlines und Flughafen-Dienstleistern ist riesig. Von der Passagierkontrolle über die Flugzeugabfertigung bis hin zur Kabinencrew fehlt es an Mitarbeitern, die sich während der Pandemie einen neuen Job gesucht haben. Wer in die Sommerferien fliegen will, sollte zum Flughafen viel Geduld mitbringen.

Während der gesamten Corona-Pandemie haben Europas Fluggesellschaften und Flughäfen die Normalität herbeigesehnt. Nach gut zwei Jahren Pandemie kehrt diese Normalität wieder zurück, es gibt einen regelrechten Ansturm auf Flüge – und die ganze Branche ist damit völlig überfordert.

Das zeigte sich eindrucksvoll am Pfingstwochenende: Stundenlange Wartezeiten in Flughäfen, viele Flüge fielen aus, Tausende Passagiere strandeten im Ausland. Der Grund: Es fehlt an Personal – an allen Ecken und Enden.

Während der Pandemie, als die Fliegerei zeitweise fast zum Erliegen gekommen war, hatten sich viele der Beschäftigten von sich aus einen neuen Job gesucht oder wurden entlassen. Jetzt fehlt es etwa an Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen bei der Sicherheitskontrolle und Flugzeugabfertigung, auch Flugbegleiter und Flugbegleiterinnen sind Mangelware. Nun wird das Personal wieder aufgestockt. Doch das dauert viel länger als geplant.

In Schiphol brauchten Passagiere starke Nerven.

(Foto: IMAGO/ANP)

Besonders heftig traf es Pfingsten die Kunden der niederländischen KLM. Wegen erheblicher Probleme am Amsterdamer Drehkreuz Schiphol strich die Airline etliche Flüge. Mehr als 40 Maschinen flogen leer nach Amsterdam zurück, um den Flughafen zu entlasten. Passagiere wurden entweder nach Hause geschickt oder mussten in Hotels übernachten. Das Chaos hatte sich abgezeichnet: Im Mai hatte KLM zwischenzeitlich den Ticket-Verkauf eingeschränkt, um Kapazität für Umbuchungen zu bekommen. Zeitweise reichten die Schlangen in Schiphol bis auf die Zufahrt zum Flughafen.

Easyjet entfernt Sitzreihe

Die britische Easyjet reagierte auf die Personalnot mit einer radikalen Maßnahme. In den in Großbritannien stationierten Maschinen wird in diesem Sommer bei den Flugzeugen vom Typ Airbus A319 die hintere Sitzreihe ausgebaut. Damit sind sechs Sitzplätze weniger vorhanden, maximal 150 Passagiere passen somit in die Maschine. Die Sicherheitsauflagen ermöglichen es, dann nur noch drei statt wie bislang vier Flugbegleiter oder Flugbegleiterinnen einzusetzen.

Die Branche hat den Nachholbedarf nach den langen Corona-Einschränkungen offenbar völlig unterschätzt. Trotz Ukraine-Krieg und Rekord-Inflation wollen viele Menschen endlich wieder verreisen. Selbst ohne Reisewelle kommt es an deutschen Flughäfen deshalb immer wieder zu langen Schlangen. Es sieht nicht danach aus, dass sich das schnell ändert.

Das zeigt sich beispielsweise bei Fraport. Der Frankfurter Flughafenbetreiber hatte in der Krise rund 4000 Stellen abgebaut und außerdem ungeplant Bodenpersonal verloren, das mittlerweile attraktivere Jobs angenommen hat. Das Unternehmen will in diesem Jahr 1000 neue Mitarbeiter einstellen. Mehr als monatlich 100 neue Leute zu finden, sei aber kaum zu schaffen, sagt Fraport-Chef Stefan Schulte.

Das liegt nicht nur am leergefegten Arbeitsmarkt in der Region, sondern auch an den hohen Sicherheitsanforderungen. In Hessen kann sich die sogenannte Zuverlässigkeitsüberprüfung der Luftsicherheitsbehörde bis zu sechs Wochen hinziehen. Wer in den letzten fünf Jahren mehr als sechs Monate im Ausland gelebt hat, muss eine besonders große Hürde überwinden, also entweder ein europäisches Führungszeugnis oder eine Straffreiheitsbescheinigung des entsprechenden Landes einreichen. Für viele Migranten ist das organisatorisch ein erheblicher Aufwand, der viel Zeit kostet und an der jeweiligen Bürokratie zu scheitern droht.

Lufthansa verringert Angebot

Deutschlandweit seien viele Mitarbeiter in die Logistik abgewandert, sagt Thomas Richter vom Verband der Bodenabfertiger ABL. Die Folge: Personalnot. „Über alle Standorte hinweg fehlen den Dienstleistern, die an der Abfertigung der Passagiere beteiligt sind, rund 20 Prozent Bodenpersonal im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. Das kann vor allem beim Check-in, beim Beladen der Koffer und in der Luftsicherheitskontrolle zu Engpässen in Spitzenzeiten führen“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbandes ADV, Ralph Beisel.

An den deutschen Flughäfen drohen im Sommer chaotische Zustände. Lufthansa und ihre Tochter Eurowings streichen deshalb vorsorglich den Flugplan im Ferienmonat Juli zusammen und nehmen mehr als 1000 Flüge aus dem System. Auch die Lufthansa-Tochter Swiss streicht im Sommerflugplan Flüge von und nach Deutschland.

Die Sommerferien nahen; in Nordrhein-Westfalen beginnen sie schon in weniger als drei Wochen. Der Chef des Düsseldorfer Flughafens bat die Passagiere bereits vorsorglich um Geduld. Die von ihm angekündigten Maßnahmen, um den Personalmangel bei den Dienstleistern abzufedern, geben einen Vorgeschmack auf das kommende Reiseerlebnis vieler Urlauber: Beim Verladen des Gepäcks soll ein eigenes Team des Flughafens den Dienstleister der Fluggesellschaften helfen. Service-Mitarbeiter des Flughafens sollen an den Gepäckbändern bei langen Wartezeiten Wasser verteilen. Im Terminal sollen studentische Hilfskräfte Passagiere zu Kontrollstellen leiten, die weniger belastet sind. Um den Sicherheitscheck zu beschleunigen, sollen sie die Passagiere vorher erinnern, etwa Jacken auszuziehen, den Gürtel zu öffnen und elektronische Geräte griffbereit zu haben.

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