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„Ich kann nur bis zum Tellerrand sehen“

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Die Inflation nähert sich der Acht-Prozent-Marke. Kaum jemand spürt den Preisanstieg so sehr wie Menschen, die von Armut betroffen sind. Hilfsorganisationen stoßen an ihre Grenzen – auch die Arche in Berlin hat noch nie so viele Hilfesuchende erlebt. Drei Frauen erzählen von ihrer Angst vor dem Winter.

Als Romy an diesem Donnerstagmorgen früh aufsteht, hat sie nur eines im Sinn: das Meer. Sie möchte das kalte Wasser auf ihrer Haut spüren und der Brandung der Ostsee lauschen. Meeresrauschen beruhigt sie. Keine fünf Minuten von der Jugendherberge entfernt, wo sie die Nacht verbracht hat, kann sie schon das salzige Wasser berühren. Der Strand ist leer, nur ein paar Möwen und vereinzelt nackte Touristen verlieren sich auf der weiten Fläche, während Romy die Promenade entlangschlendert. Sie genießt einen kurzen Moment der Ruhe, bevor das Chaos des Alltags sie wieder hat.

Schon wenige Stunden später sitzt sie wieder in der Arche in Berlin Hellersdorf. Ihre Augen leuchten, als sie von dieser für sie so besonderen Stunde am Strand erzählt. Aufgeregt erzählt sie mit ihren Händen, und ihre Wangen erröten. Als sie sich wieder beruhigt, schaut aufmerksam aus dem Küchenfenster der Hilfsorganisation. Romy kennt das Gelände gut. Sie kommt schon seit über zehn Jahren mit ihren Kindern hierher – seit sie sich hat scheiden lassen, von Norwegen zurück nach Deutschland gezogen ist und plötzlich alleinerziehende Mutter war. Seit sie krankgeschrieben ist, erhält sie Hartz IV.

Die Arche bietet Menschen, die von Armut betroffen sind, alle Arten von Unterstützung an: von Nachhilfe für Kinder über ein warmes Mittagessen bis hin zu finanzieller Hilfe, wenn es hart auf hart kommt. Die Nachfrage nach Unterstützung durch die Organisation war schon immer groß. Aber in den letzten Monaten kamen mehr Menschen zur Arche als je zuvor. „Das habe ich in dieser Form noch nie erlebt“, sagt der Sprecher der Hilfsorganisation, Wolfgang Büscher. Die Inflation fresse gewaltig an den letzten Euros der am Existenzminimum lebenden Familien. Und es wird immer schlimmer. „In zwei bis drei Monaten werden die ersten Familien hungern“, sagt er. „Das ist sicher.“

Sparen, wo es nur geht

Draußen vor dem Gebäude der Arche in Hellersdorf sitzen Jessy und Antje im Schatten der Terrassenüberdachung. Hier sind Temperaturen von 36 Grad noch erträglich. Wenige Meter entfernt sausen Kinder auf Fahrrädern herum. Die Hitze scheint Menschen unter 12 Jahren weniger zu stören. Die beiden Mütter essen Bratwurst mit Kartoffelsalat. Seit ein paar Wochen dürfen auch die Eltern der Kinder hier zu Mittag essen. „Das spart schon enorm viel Geld“, sagt Jessy. Nicht nur die Lebensmittelkosten für ihre beiden noch zu Hause lebenden Kinder und für sie, sondern auch die Stromkosten für das Kochen, so sagt sie, können sie durch das Mittagessen in der Arche einsparen.

Während sich die Inflation inzwischen der Acht-Prozent-Marke nähert, ist der Hartz-IV-Satz in diesem Jahr nur um weniger als ein Prozent gestiegen. „Die Inflation wirkt sich auf einkommensschwache Haushalte dramatischer aus als auf einkommensstärkere“, erklärt Andreas Aust vom Paritätischen Verband. Denn bei Grundsicherungsempfängern werden im Durchschnitt drei Viertel des Einkommens für lebensnotwendige Güter ausgegeben: Nahrung, Kleidung und Wohnen. Der Spielraum, an anderer Stelle zu sparen, um mehr für Lebensmittel und Wohnen auszugeben, ist nicht vorhanden.

Romy versucht es trotzdem. Früher ging sie gerne einmal im Monat zu einer Mozart-Matinee. Das war die einzige kulturelle Veranstaltung im Monat für sie. Aber selbst die drei Euro für die Eintrittskarte kann sie im Moment für andere Dinge besser gebrauchen: Suppengemüse oder eine Melone zum Beispiel, damit ihre Kinder eine frische Mahlzeit auf dem Tisch haben.

Tafel und Spender geraten an ihre Grenzen

Antje fährt einmal im Monat nach Polen, um den Monatseinkauf zu erledigen und das Auto billig zu betanken. Und Jessy geht jede Woche zur Tafel. So machen es inzwischen viele, die am Existenzminimum leben. Staatliche wie nichtstaatliche Hilfsorganisationen stoßen deshalb an ihre Grenzen. Bei vielen Tafeln führt die dramatische Situation bereits zu einer Überlastung. Einige müssen Menschen sogar abweisen oder die verfügbaren Lebensmittel rationieren. Auch die Arche muss ihre Ressourcen gut verwalten, versucht aber dennoch, jedem zu helfen, der jetzt noch ankommt. Mittlerweile sind es fast 1900 Menschen, die jeden Monat eine Lebensmitteltüte im Wert von 80 Euro abholen.

Die Arche versucht, Kindern eine unbeschwerte Kindheit zu bieten.

Die Arche musste wegen der gestiegenen Nachfrage nach Lebensmitteln ihre Herbstprognose anpassen. Sie rechnet mit 1,5 Millionen Euro Mehrkosten bis Jahresende. Das Hilfswerk ist komplett auf Spenden angewiesen. Während der Coronapandemie hat die Arche einen massiven Anstieg der Spenden verzeichnet. Und weil die NGO auch ukrainische Flüchtlinge unterstützt, zeigten sich viele Menschen zu Beginn des russischen Angriffskrieges sehr solidarisch. Inzwischen hat Büscher aber eine Trendwende festgestellt: Es kommen nicht nur weniger Spenden. Menschen rufen sogar an, um ihr bereits gespendetes Geld zurückzufordern. „Es sieht wirklich katastrophal aus“, erklärt Büscher im Garten der Arche. Hinter ihm springen Kinder auf dem Trampolin.

Zum kleinen Shadi scheint die katastrophale Situation nicht durchzudringen. Während die meisten Kinder den Fahrradparcour bereits aufgegeben haben und verschwitzt und erschöpft von der Hitze zur Wassermelonenstation gewandert sind, rast der kleine Junge immer noch auf seinem roten Fahrrad über eine Schanze. Für ihn zählt in diesem Moment nichts anderes als die Geschwindigkeit, die er auf zwei Rädern erreichen kann.

Genau das ist das Ziel, nicht nur für die Arche, sondern auch für Romy, Antje und Jessy: Die Kinder sollen so wenig wie möglich von den Sorgen ihrer Eltern erfahren. Das hat in der Vergangenheit nicht immer gut geklappt. „Armut kann man vor Kindern nicht geheim halten“, sagt Büscher dazu. Bei den steigenden Preisen ist das jetzt umso schwieriger.

Alle drei Frauen haben unterschiedliche Taktiken, um die Kinder zu schützen. Romy fängt bereits an, Weihnachtsgeschenke für ihre Kinder zu kaufen: Jeden Monat eines bis Heiligabend, so dass jedes Kind mindestens ein Geschenk auspacken kann. Antje kauft keine neuen Schuhe, damit ihre Tochter neue Turnschuhe bekommt. „Ich gehe sowieso nur zur Arbeit, dafür brauche ich keine neuen Schuhe“, sagt die Altenpflegerin. Und Jessy nutzt das 9-Euro-Ticket, um mit ihren Kindern für einen Tag an die Ostsee zu fahren. Dort verbringen sie den Tag am Meer, um in diesem Jahr wenigstens einmal Urlaub zu machen.

Ein Tropfen auf den heißen Stein

Kaum ein Teil des Hilfspakets wird hier in der Arche so oft erwähnt wie das 9-Euro-Ticket. Das Entlastungspaket hat seinen Namen durchaus verdient, sagt Aust vom Paritätischen Verband. Die rund 30 Milliarden Euro, die die Bundesregierung in Einmalzahlungen, Kinderbonus, Tankrabatt, Neun-Euro-Ticket oder Steuererleichterungen gesteckt hat, haben sicherlich geholfen. Allerdings, so Aust, sei nur ein Bruchteil dieses Geldes bei Menschen gelandet, die am Existenzminimum leben. „Eine Menge Geld wurde mit der Gießkanne verteilt“, sagt er. „Das hat dazu geführt, dass diejenigen, die es brauchen, nicht genug bekommen haben.“

Auch die künftigen Pläne der Ampel sähen nicht anders aus. Die jetzt vorliegenden Vorschläge würden weniger Geringverdiener und Grundsicherungsempfänger entlasten und den Spitzenverdienern im Land proportional mehr helfen. Darüber hinaus will Finanzminister Christian Lindner langfristig die Unterstützung für Langzeitarbeitslose kürzen. Aber Romy fragt sich: „Wo genau soll ich denn sparen?“ Den Kinderbonus musste sie zur Seite legen, um die drohende Nachzahlung beim Stromanbieter bezahlen zu können. „Mir ist natürlich klar, dass man sparen muss“, sagt die vierfache Mutter. „Gleichzeitig finde ich, dass es ein bisschen ungerecht verteilt ist.“

Während Politiker in Privatjets zu Hochzeiten fliegen, die eine halbe Million Euro kosten, überlegt Romy, wie sie ihren Sohn weiterhin in seinem Leistungssport unterstützen kann: Er ist dieses Jahr Deutscher Meister im Fechten geworden. Doch statt Unterstützung für seine Leistung hat er bisher nur einen Glückwunschbrief vom Landessportbund erhalten. Nun könnte er sich für die Jugend-Europameisterschaft in Frankreich qualifizieren. Allerdings könnte Romy diese Reise nicht finanzieren.

Nur bis zum Tellerrand schauen

Romy ist es gewohnt, von der Politik im Stich gelassen zu werden. Sie hat schon alles versucht: Mit Bundeskanzler Olaf Scholz hat sie schon in Talkshows über die Situation der von Armut betroffenen Menschen gesprochen. In der Vergangenheit war sie oft auf der Weihnachtsfeier von Frank Zander – einer Feier für Obdachlose. „Das war die einzige Gelegenheit, mit Politikern und Prominenten zu sprechen“, sagt sie. Aber sie hatte nie das Gefühl, dass ihre Anliegen ernst genommen wurden.

Und bei der aktuellen Krise ist es bei Romy nicht anders. Denn sie hat einen Vorschlag für die Politiker und Politikerinnen der Bundesrepublik, wie sie die Bürger und Bürgerinnen wirklich entlasten könnten: die Mehrwertsteuer auf lebensnotwendige Güter wie Lebensmittel und Hygieneartikel kurzzeitig abzuschaffen. „Das würde weit mehr helfen als 20 Euro im Monat pro Kind“, erklärt Romy. „Und zwar nicht nur mir als Hartz-IV-Empfängerin, sondern allen.“ Bis weitere Hilfsmaßnahmen eingeleitet werden, versucht Romy, nicht an die Zukunft zu denken. Sie kann „nur bis zum Tellerrand sehen“, denn alles, was über den Winter hinausgeht, macht ihr zu viel Angst.

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