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Gaskrise trifft Krematorien

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Die aktuelle Gaskrise macht den Krematorien in Deutschland zu schaffen. Für die Einäscherung von Verstorbenen werden große Mengen des immer teurer werdenden Rohstoffs gebraucht. Wie es anders geht, zeigt ein Krematorium in Rheinland-Pfalz.

Karl-Heinz Könsgen ist ein wenig stolz. Nicht nur darauf, dass er das größte Krematorium in Deutschland als Geschäftsführer leitet. Sein Krematorium hat es geschafft: Anfang August sind dort zwei Einäscherungseinheiten in den Regelbetrieb gegangen, die fast ohne Erdgas betrieben werden können.

Klar: Geld zu verdienen mit dem Tod anderer Menschen, das hinterlässt manchmal ein seltsames Gefühl. Doch Könsgen sieht seine Aufgabe auch darin, den Hinterbliebenen den Tod eines lieben Menschen so leicht wie möglich zu machen und sie in einem der schwersten Momente ihres Lebens zu unterstützen.

Dass er sich irgendwann einmal Gedanken über seine Gasrechnung machen müsste, konnte sich Könsgen bis vor einem halben Jahr nicht vorstellen, sagt er im Gespräch mit ntv.de. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist das anders. „Wir haben gerade einen neuen Vertrag mit unserem Gasversorger abgeschlossen. Unsere Gasrechnung wird sich ab Januar 2023 versechsfachen“, berichtet er.

„Haus mit offenen Türen“

Karl-Heinz Könsgen

Das Krematorium und die Friedhofsanlage, die Könsgen leitet, befinden sich in Dachsenhausen, einem Dörfchen mit nicht mal 1000 Einwohnern im westlichen Hintertaunus in Rheinland-Pfalz nahe Koblenz. Sein Krematorium nennt er ein „Haus mit offenen Türen“. Er will zeigen, wie ein moderner Betrieb dieser Art funktioniert. Dieses Angebot nutzen immer mehr Menschen, von Angehörigen alter Menschen bis hin zu Schulklassen.

Krematorien werden immer wichtiger: Mittlerweile haben sich laut einer Meldung der Deutschen Pressagentur 75 Prozent der Bundesbürger für eine Einäscherung nach ihrem Tod entschieden.

Kremieren oder einäschern – so nennt der Fachmann den Vorgang, der Volkstümlich als „verbrennen“ bezeichnet wird. Wichtig sind dabei Schamottsteine, die sehr heiß werden und die Hitze sehr lange speichern. Sie befinden sich in den Einäscherungsanlagen und sorgen für die nötige Hitze. Je mehr Steine, desto heißer kann die Anlage werden und desto länger kann die Hitze vorhalten. Bei der Einäscherung wird die Anlage zunächst gestartet, das dauert etwa zwei Stunden. Dann wird der Sarg mit dem Toten hineingeschoben, und die Einäscherung beginnt – bei einer Temperatur von 850 Grad.

Im Rhein-Taunus-Krematorium gibt es zwei Arten von Anlagen, die unterschiedlich groß sind. Sechs von ihnen haben die übliche Größe, man könnte sie so auch in anderen Krematorien finden. Sie enthalten dreißig Tonnen Schamottsteine. Von diesen sechs Anlagen sind im Moment drei im Einsatz.

Die beiden anderen Anlagen sind riesengroß. Dort sorgen jeweils 88 Tonnen Schamottsteine für die nötige Wärme. Diese Anlagen sind zwar im Bau teurer, verbrauchen aber deutlich weniger Energie, denn sie können die Wärme deutlich länger halten als ihre kleineren Schwestern.

Hoher Energiebedarf

Viele Krematorien arbeiten regional. Sie sind nicht groß. Täglich fallen dort nicht einmal ein halbes Dutzend Einäscherungen an. Ihre Anlagen müssen also jeden Tag einmal gestartet und erhitzt werden. Dazu brauchen viele von ihnen Gas: bis zu 70 Kubikmeter, sagt Koensgen, bei jedem Hochfahren. Im Monat also bis zu 1.400 Kubikmeter. Damit verbraucht eine einzige Einäscherungsanlage so viel Gas wie ein Zwei-Personen-Haushalt in einem guten Vierteljahr.

Schon lange wird deswegen über ökologische Krematorien nachgedacht. In den letzten Jahren haben Wissenschaftler mit verschiedenen Möglichkeiten zur Gaseinsparung experimentiert. Die Körper von Verstorbenen sollten in Lauge zersetzt, ihre Knochen vor der Einäscherung zertrümmert werden. Doch wirklich praktikable Lösungen gibt es bisher nicht. In Deutschland spricht vor allem die sehr strenge Gesetzgebung dagegen.

Das Rhein-Taunus-Krematorium in Dachsenhausen ist deswegen auf eine vergleichsweise einfache Lösung verfallen: „Wir starten unsere beiden großen Anlagen einfach nicht mehr. Die laufen durch, 24 Stunden am Tag“, erzählt Geschäftsführer Könsgen. „Die laufen jetzt schon seit Anfang Juli ununterbrochen.“

Großes Interesse

Dabei arbeiten die Einheiten fast ohne Personal. Menschen benötigt man nur, um den Vorgang der Einäscherung zu starten – und für die ständige Kontrolle. Und vor allem: Für den Startvorgang werden gerade mal drei Kubikmeter Gas gebraucht, knapp ein Zwanzigstel soviel wie bei herkömmlichen Anlagen.

Doch ganz ohne Gas laufen auch die beiden Einheiten in Könsgens Unternehmen nicht. Ab und zu müssen sie zu Wartungszwecken heruntergefahren und neu gestartet werden. Dennoch: Richtig Angst vor der Gaskrise scheint Könsgen nicht mehr zu haben. Seit vergangenem Montag laufen seine beiden Gas sparenden Einheiten im Regelbetrieb.

Mittlerweile sind auch andere Krematorienbetreiber auf die Idee aufmerksam geworden. Er habe bereits mit ungefähr zwei Dutzend Interessierten darüber gesprochen, erzählt er.

Auch wenn mit diesem Verfahren weniger Gas verbraucht wird: Auf Hinterbliebene könnten demnächst höhere Kosten für die Einäscherung zukommen. Denn der Umbau wird teuer für die 160 Krematorien, die es in Deutschland gibt. Und für kleine kommunale Krematorien kommt die Lösung aus Dachsenhausen ohnehin nicht infrage. Sie werden auf Flüssiggas oder Elektroanlagen umstellen müssen.

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