September 26, 2026 12:32 p.m. CEST

Mit einem Hobby können wir Stresshormone senken und möglicherweise das Sterberisiko beeinflussen. Was die Forschung über Kunst, Museumsbesuche und gesundes Altern herausgefunden hat.

Was haben ein Museumsbesuch, ein niedrigerer Cortisolspiegel und ein langes Leben miteinander zu tun? Beim Thema gesundes Altern denken wir an Bewegung, Ernährung, Schlaf, Blutdruck, Cholesterin oder möglichst wenig Stress. Doch niemand schreibt auf seinen Präventionsplan: Öfter ins Museum gehen! Höchste Zeit, damit anzufangen!

Es stimmt, seit einiger Zeit beschäftigt sich ein spezielles Forschungsfeld mit der Frage, was Kunst mit unserem Körper macht. Hier geht es dieses Mal nicht um kosmetische Arbeiten an der Außenfassade: Forscher messen Stresshormone, Herzfrequenz, autonomes Nervensystem und sogar Entzündungsbotenstoffe, während Menschen sich der Kunstbetrachtung hingeben.

20 Minuten Kunst – und der Körper reagiert

Für eine in diesem Jahr veröffentlichte Studie ließen Wissenschaftler fünfzig gesunde Erwachsene zwischen 18 und 40 Jahren für etwa zwanzig Minuten Kunst betrachten.

Eine Gruppe sah Originalgemälde in einer Galerie, die andere hochwertige Reproduktionen in einer Laborsituation. Vorher und nachher wurde Speichel untersucht, während der Kunstbetrachtung wurden Herzratenvariabilität und Hauttemperatur aufgezeichnet.

Und tatsächlich reagierte der Körper. In der „Galeriegruppe“ sank das Stresshormon Cortisol um etwa 22 Prozent, übrigens auch der Entzündungsbotenstoff Interleukin-6, kurz IL-6, um rund 30 Prozent. Begleitend schwankte die Herzratenvariabilität stärker. Sie gilt als Marker dafür, wie flexibel das autonome Nervensystem die Herzaktivität reguliert

Bei der Gruppe, die dieselben Bilder als Reproduktionen im nüchterneren Labor betrachtete, fand sich dieses koordinierte Muster nicht. Möglicherweise registriert unser Organismus also nicht nur, was wir anschauen, sondern auch, wo und wie wir es tun.

Vom Auge direkt ins Stresssystem?

Das ist biologisch durchaus plausibel. Kunstbetrachtung ist für unser Gehirn Arbeit. Es analysiert Farben, Formen, Kontraste und räumliche Strukturen. Aufmerksamkeitsnetzwerke werden aktiv. Erinnerungen und Assoziationen entstehen, emotionale Systeme bewerten das Gesehene. Ein Bild kann uns irritieren, berühren, faszinieren oder in Staunen versetzen.

Hier wird es für die Medizin interessant, denn unser Gehirn, das autonome Nervensystem, das hormonelle Stresssystem und unser Immunsystem kommunizieren miteinander. Chronischer psychosozialer Stress kann so körperliche Prozesse beeinflussen. Umgekehrt können Situationen, die Sicherheit, positive Emotionen und Erholung fördern, unsere Stressregulation verändern. Das bedeutet nicht, dass eine Entzündung mit einem Museumsbesuch behandelt werden kann. Aber Kunst könnte einen Zustand erzeugen, in dem unser Organismus Stress kurzfristig anders reguliert.

Ist Kunst also entzündungshemmend?

Vorsicht: Die neue Studie ist faszinierend, aber klein. 25 Menschen pro Gruppe reichen nicht, um daraus medizinische Therapieempfehlungen abzuleiten. Trotzdem passt das Ergebnis zu einer inzwischen gewachsenen Forschungsliteratur.

Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit zu den Auswirkungen der Kunstbetrachtung vermerkt, dass in fast allen Studien, die subjektiven Stress untersuchten, dieser nach der Kunstbetrachtung zurückging. Auch der systolische Blutdruck (der obere Messwert) wurde gesenkt. Beim Stresshormon Cortisol dagegen waren die Ergebnisse bislang uneinheitlich. Wir dürfen also sagen: Es mehren sich Hinweise darauf, dass Kunstbetrachtung Stress und physiologische Stressreaktionen beeinflussen kann. Wir dürfen noch nicht sagen: Picasso senkt zuverlässig den oben erwähnten Entzündungsbotenstoff IL-6.

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