Oktober 26, 2026 9:07 a.m. CET

Die Proteste erschüttern nicht nur Frankreichs Straßen, sondern auch seine Finanzmärkte. Das Land steckt tief in der Schuldenfalle. Das können die Folgen sein.

Es ist paradox: Gemessen an seiner Wirtschaftsleistung ist Frankreich niedriger verschuldet als Italien. Trotzdem müssen französische Staatsanleihen höhere Zinsen bieten als italienische – und deutlich höhere als deutsche. Das macht sie für Anleger attraktiv. Da juckt es viele, zu investieren – doch die höheren Zinsen sind auch ein Warnsignal: Sie zeigen, dass Anleger Frankreich für riskanter halten. Die Frage ist: Bewältigt Frankreich dieses Mal seine Krise, und zu welchem Preis? Und was passiert, wenn es scheitert?

(Quelle: Rüdiger Jürgensen)

Zur Person

Antje Erhard arbeitet seit rund 20 Jahren als Journalistin und TV-Moderatorin. Ihr Weg führte sie von der Nachrichtenagentur dpa-AFX u. a. zum ZDF. Derzeit arbeitet sie für die ARD-Finanzredaktion in Frankfurt und berichtet täglich, was in der Welt der Börse und Wirtschaft passiert.

Die Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten und ein marodes Bildungssystem haben in Frankreich viele Trittbrettfahrer auf die Straßen gerufen, die teilweise große Zerstörungen angerichtet haben. Das verunsichert nicht nur Land und Leute, sondern auch Investoren. Und so steigen die Renditen am Anleihenmarkt weiter. Ist Frankreich damit eine Gefahr für Europa?

Auf dem Prognosemarkt Kalshi – einer Plattform, auf der Nutzer mit Geld auf mögliche Ereignisse setzen – ist abzulesen, wie die Stimmung der Menschen in Frankreich ist: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 54 Prozent führt Marine Le Pen als Fraktionsvorsitzende der rechtspopulistischen Partei Rassemblement National die Prognosen auf dieser Plattform für die Präsidentschaftswahl im nächsten Frühjahr. Die Konkurrenz ist mit 15 und 11 Prozent weit abgeschlagen. Das sind lediglich Prognosen, keine Umfragewerte, doch diese Tendenz zeigt: Frankreich ist frustriert. Investoren sind es auch. Und sie vergleichen.

Investoren fordern Disziplin

Italien ist mit 136 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verschuldet, Frankreich „nur“ mit 116. Doch italienische Staatsanleihen sind 0,5 Prozentpunkte günstiger als französische. Denn Investoren verlangen in den aktuell schwierigen Zeiten besonders viel Haushaltsdisziplin.

Und da zeigt sich: Italien hält sein Defizit nah an der Marke von drei Prozent, die die EU über den Maastricht-Vertrag vorgibt. Frankreich erwartet für dieses Jahr mehr als fünf Prozent Staatsdefizit. Das heißt in Zahlen: Im kommenden Jahr muss das hoch verschuldete Frankreich rund zehn Milliarden Euro mehr für Zinsausgaben aufbringen als dieses Jahr mit schätzungsweise 60 Milliarden Euro. Die Zinskosten steigen schrittweise, dennoch ist es Geld, das für Bildung, Gesundheitswesen etc. fehlen wird.

Die Zinsen von Frankreich für zehnjährige Staatsanleihen liegen seit Wochen bei rund fünf Prozent, vergangene Woche erstmals über diesem Wert. Das gab es in Frankreich in mehr als 20 Jahren nicht. Zum Vergleich: Deutschland muss für Anleihen gleicher Laufzeit 3,4 Prozent Zinsen bezahlen. Auch das ist viel – aber am Anleihenmarkt liegen da Welten dazwischen.

Fairerweise muss man auch sagen: Die Renditen von Staatsanleihen sind in diesem Jahr weltweit gestiegen, vor allem seit dem Krieg der USA gegen den Iran. Hohe Energiepreise entfachen die Inflation neu – die Zentralbanken halten mit Zinserhöhungen dagegen, und das, obwohl viele Länder der Welt mit stark gestiegenen Schuldenbergen zu kämpfen haben. Frankreich ist ja keine Ausnahme. Allerdings wurden die Kreditkosten dort höher als bei vielen anderen Ländern.

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