Aktuelle Deutschland Nachrichten

Wenn Gewalt alles Glück frisst

0 6

Wer Ende der 1980er-Jahre in der DDR geboren ist, mag Glück gehabt haben. Doch viele der eingeübten Regeln gelten uneingeschränkt weiter. In “Die Möglichkeit von Glück” erzählt Anne Rabe von einem Erbe, das schwer zu benennen und kaum zu ertragen ist.

Stine ist drei Jahre alt, als die Mauer fällt. Der Russenberg, die Karl-Liebknecht-Straße, die Seltenheit von Bananen und Apfelsinen sind damit Vergangenheit. Doch so schnell die DDR zusammenbricht, das Land in den Menschen erweist sich als langlebig.

Anne Rabe ist ebenfalls 1986 geboren, in Wismar, im damaligen DDR-Bezirk Rostock. Ihr Roman “Die Möglichkeit von Glück” erzählt dennoch nicht nur ihre eigene Geschichte und auch nicht nur die der Verheerungen, die die DDR in den Tiefen ihrer Familie anrichtete. Die Familie, das sind Vater, Mutter, Stine und ihr Bruder Tim. Andere Familien erzählten sich Geschichten von missglückten Weihnachtsbraten, Missgeschicken oder Tollpatschigkeiten, schreibt Rabe. “Was Tim und ich uns erzählen, wenn wir über unsere Kindheit sprechen, sind Geschichten davon, wie wir gelernt haben, still zu sein.”

Stines Familie ist systemkonform, der Großvater ein treuer SED-Anhänger, der auch später an den Ideen, die nicht nur ein Land zugrunde richteten, nichts Falsches finden kann. “Das neue Land schmeckte anders, aber die Regeln, denen wir uns unterzuordnen hatten, waren noch dieselben.” Stine und Tim werden mit einer Strenge erzogen, die an Grausamkeit grenzt. Da ist nichts Zärtliches, nur Abwertung, Beschämung und Härte. Schon bei Kleinigkeiten schlägt die Mutter, der Vater lässt es geschehen. “Ich sagte zu Tim: ‘Du darfst nicht weinen. Sonst freut sie sich.’ (…) Timmi heulte natürlich gleich los. Er war erst drei und hatte sich noch nicht so im Griff.” Stine hingegen hat sich im Griff und wird umso fester geschlagen, bis selbst die Mutter nicht mehr kann.

Schuld und Schläge

Jeder Gedanke an die Kindheit, erweist sich noch Jahre später als “dunkler Traum, aus dem ich nicht aufwachen kann”. Von außen sieht diese Nachwendekindheit im Fotoalbum der Familie nach Geburtstagskerzen, Familienfesten und Ferienlager aus, “aber wenn ich einmal hineintrete, entfaltet sich vor mir ein düsteres Labyrinth. Es hat keinen Ausgang.” Man kann so viel falsch machen, so viel missverstehen. Die ständige Gewalt ist so normal, dass selbst sexuelle Übergriffe kaum als solche benennbar sind. An erzwungene “Küsschen” ist Stine schon seit früher Kindheit gewöhnt, erst bei ihren eigenen Kindern wird ihr die Ungeheuerlichkeit bewusst, auch die der väterlichen Hand unter der Decke.

Alles ist mit Schuld aufgeladen, der Sonnenbrand, die rumpelnde Wäscheschleuder, der verkleckerte Spinat. Das gibt mindestens eine Kopfnuss oder eben richtig Dresche. Selbst die elterlichen Befragungen erinnern an Unrechtsprozesse, in denen man irgendetwas zugeben musste, einen Regelverstoß, der einem bis dahin gar nicht klar war. Aber gegen irgendeine Regel hatte man garantiert verstoßen, es ging gar nicht anders.

Später wird sich das Mädchen die Flüssigkeiten rationieren, bis ihre Nieren rebellieren. Sie wird sich selbst schneiden und Salz in die Wunden streuen. “Der Schmerz gab mir eine seltsame Art von Sicherheit. Außerdem bewies er mir, dass ich stärker war als alle anderen.” Noch später bricht sie den Kontakt zu den Eltern ab, nur die Verbindung zu Tim hält. Es ist viel schwerer, als sie es sich vorgestellt hat.

“Jammerlautes Schweigen”

Der Schrecken lauert in den Eltern und Großeltern, von denen sich Stine gleichzeitig Liebe und Anerkennung erhofft. Waren sie in der Nazi-Zeit mit Überzeugung dabei und dann später in der DDR wieder? Ist ihnen im Bedürfnis, über die eigenen Verstrickungen nicht nachzudenken, jegliches Mitgefühl abhandengekommen? Es kommt nur “jammerlautes Schweigen”, dem die Hauptfigur mit Erkundungen der eigenen Erinnerungen und Archivbesuchen zu entkommen sucht.

Rabe hat sich selbst zu Wendezeiten in einem Interview als “Kleinkind in einem vorpolitischen Zustand” beschrieben. Ihre Generation sei nicht ernst genommen worden, es sei kaum etwas erklärt worden. Stattdessen hätten die Umbruchszeiten neue Härte und mehr Gewalt mit sich gebracht. Für diese Brutalität findet die Autorin in ihrem Roman immer wieder neue Erzählungen. Das Mobbing in der Schule, die Neonazis, die sich ganzer Straßenzüge bemächtigen, der Kampf um die Hoheit über den Controller beim Mario-Kart-Spielen in der Spielzeugabteilung von Karstadt.

In ihrem Roman gehe es darum, wie die politische Gewalt des 20. Jahrhunderts und der DDR in die Familien eingedrungen sei, in die Beziehungen und Freundschaften, sagte sie dem RBB. “Wie sie das kaputt macht und dominiert.” Es gehe aber auch darum, wie man diesen Kreislauf unterbrechen könne. Stines Leben ist ein Versuch der Emanzipation von diesen Gewalterfahrungen. Mit ihren Kindern Klara und Kurt kommt sie als junge Mutter schnell an ihre Grenzen und fürchtet, die eigenen Kindheitsprägungen zu reproduzieren, die Nachwirkungen der Gewalt und das Schweigen darüber scheinen übermächtig. “Irgendwann saß ich heulend neben Klaras Bett und sagte: ‘Ich kann nicht mehr.’ Da hörte Klara auf zu weinen und sah mich ernst an: ‘Doch Mama, du kannst noch.'”

So ist es immer wieder in Rabes Roman, eben noch geht es um die erste Zigarette oder den Spaß mit einer rumpelnden Wäscheschleuder im Badezimmer. Auf den nächsten Zeilen entfaltet sich plötzlich diese Gewalt und Wut, die über alle gleichermaßen unberechenbar und zerstörerisch hinwegzufegen scheint. Inzwischen ist viel über die DDR geschrieben worden, auch über die Nachwendegenerationen. Aber es ist Rabes Verdienst, die Verheerungen zu berühren und zu benennen, die nur schwer zu erfassen sind.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Erlebnis zu verbessern. Wir gehen davon aus, dass Sie damit einverstanden sind, aber Sie können sich abmelden, wenn Sie dies wünschen. Annehmen Weiterlesen

Datenschutz- und Cookie-Richtlinie