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Was wurde nur aus Tic Tac Toe?!

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Der 21. November 1997 ist ein denkwürdiger Tag. Und das nicht etwa, weil da die Mauer gefallen oder der Weltfrieden verkündet worden wäre. Nur mit einer Pressekonferenz brennt sich eine deutsche Popband ins kollektive Gedächtnis. Doch was ist aus Tic Tac Toe eigentlich geworden?

„Ihr könnt echt gut lügen, wirklich.“ Als Ricky alias Ricarda Wältken ihren Mitstreiterinnen Jazzy (Marlene Tackenberg) und Lee (Liane Wiegelmann) diesen Satz vor den Latz knallt, eskaliert die Pressekonferenz des Pop-Trios Tic Tac Toe am 21. November 1997 in München endgültig. „Damit ist die Show beendet“, wütet Jazzy, dass sie jetzt die Bühne verlassen werde. Und Lee tobt: „Ich lass mich nicht als Lügnerin von irgendjemandem beschimpfen.“ In Richtung Ricky giftet sie zurück: „Wenn wir Freunde wären, dann würdest du so einen Scheiß überhaupt nicht machen. Du machst uns alles kaputt, das schwöre ich.“

Schon bevor es vor genau 25 Jahren zu diesem legendären Showdown kommt, bieten die drei Sängerinnen der versammelten Reporterschar ein bizarres Schauspiel, in dem sie übereinander herfallen. Da rät Ricky etwa ebenso dazu, sich vielleicht besser per Anwalt auszutauschen wie Jazzy ihrer Mitstreiterin attestiert: „Sie bräuchte ihren Psychotherapeuten dabei, um sich mit uns zu treffen und mit uns zu reden.“

Dabei wurde die Pressekonferenz eigentlich angesetzt, um genau das Gegenteil zu bewirken. Nachdem unschöne Schlagzeilen – etwa zu Lees angeblicher Vergangenheit als Prostituierte – die Runde gemacht hatten, soll demonstrativ die Einigkeit des Trios zur Schau gestellt werden. Doch Pustekuchen! Das Ergebnis ist ein derart katastrophaler Schuss in den Ofen, dass sogar die „Tagesthemen“ am Abend darüber berichten.

In der Rückschau alles anders?

Und es ist der vorläufige Schlussakkord in der kurzen Pop-Historie von Tic Tac Toe. 1995 findet die Band bei einem Hip-Hop-Event im Ruhrgebiet zueinander. So lautet jedenfalls die Legende. In Wahrheit ist das Trio aber wohl das Casting-Ergebnis findiger Musikmanager. So oder so – der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Bereits die erste Single von Tic Tac Toe landet auf Platz 3 der deutschen Charts. „Ich find‘ dich scheiße, so richtig scheiße“, können unzählige Teenager damals mitgrölen – und viele Erwachsene vermutlich heute noch.

Die Songs „Verpiss‘ dich“ und „Warum?“ entpuppen sich sogar als Nummer-1-Hits. Ebenso wie das rund ein halbes Jahr vor der wegweisenden Pressekonferenz veröffentlichte zweite Album der Gruppe namens „Klappe die 2te“. Während das Gossenimage und die rotzige Sprache der Mädchencombo bei der jugendlichen Zielgruppe bestens verfängt, rümpfen so manche Eltern darüber die Nase. Andere haben für die gezielten Provokationen nach Rap-Schema-F dagegen nur ein müdes Lächeln übrig.

Zu Unrecht, wie etwa das Jugendmagazin „jetzt“ der „Süddeutschen Zeitung“ erst im vergangenen Jahr rückblickend befindet. Tic Tac Toe seien „eine der progressivsten und coolsten Bands“ überhaupt gewesen, heißt es da etwa. Schließlich habe die Gruppe schon damals „gegen rassistische Stereotype und sexistische Klischees“ angerappt. So habe die Band letztlich „auf unvergleichbare Art afrodeutsche Musikgeschichte geschrieben“.

„Noch nicht zu Ende geschrieben“

Davon, Geschichte zu schreiben, sind Tic Tac Toe nach ihrer Trennung aber erst einmal meilenweit entfernt. Jazzy und Lee suchen sich zwar mit Sara Brahms 2000 eine neue Mitstreiterin, doch das erst [email protected] Tac Two und später dann doch wieder Tic Tac Toe genannte Projekt kann an die früheren Erfolge nicht anknüpfen. Und auch Rickys Hoffnung, nun als Solistin durchzustarten, erfüllt sich nicht.

Tic Tac Toe auf RTL+ Musik

(Foto: picture alliance/United Archives)

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Angesichts ihres spektakulären Abgangs 1997 gleicht es fast einer Sensation, als Tic Tac Toe 2005 tatsächlich noch einmal einen Comeback-Versuch in Originalbesetzung unternehmen. „Wir sind älter geworden, haben viel darüber geredet, was damals passiert ist“, erläutert Ricky, wie das Wunder möglich wurde. Darüber hinaus können die drei jedoch keine Wunder vollbringen. Das passend „Comeback“ betitelte Album floppt. Lediglich die Single „Spiegel“ erreicht Platz 7 der Charts. Erneut löst sich die Gruppe auf. Diesmal für immer?

Vielleicht auch nicht. 2019 machen jedenfalls abermals Comeback-Gerüchte die Runde. Schon 2020 solle es so weit sein. Doch daraus wird nichts. 2021 heizt Jazzy in einem „Musikexpress“-Podcast die Spekulationen allerdings abermals an. „Leider ist das Buch noch nicht zu Ende geschrieben“, erklärt sie dort vielsagend. Vielleicht gebe es ja mal eine Bühnen-Anfrage, „vielleicht machen wir es selbst, vielleicht überhaupt nicht. Wir haben alle unsere Leben“, lässt sie die Zukunft offen.

„Goodbye Deutschland“

Und tatsächlich haben sich die Leben der drei seit Tic Tac Toe weiter und in offenbar gänzlich verschiedene Richtungen entwickelt. Keine Frage, Jazzy ist zweifelsohne das Band-Mitglied, das noch am längsten darauf gesetzt hat, in der Showbranche irgendwie weiterzukommen. Auch sie versucht sich mehrfach als Solosängerin – zuletzt 2013 mit dem Song „Immer auf die Fresse“, für dessen Videoclip sie sich sogar bis auf einen nudefarbenen Slip am Berliner Kurfürstendamm entkleidet.

Jazzy nimmt diverse Radio-Jobs an und tritt von 2010 bis 2011 im Musical „Starcut“ in Hamburg auf, jobbt aber ebenso als Bedienung in einem Restaurant in Berlin-Friedrichshain, um über die Runden zu kommen. Auch vor Auftritten im Reality-TV schreckt sie nicht zurück. Schon 2004 hofft sie in der Sendung „Comeback – Die große Chance“ auf einen erneuten Karriereschub – vergebens. Es folgen Einsätze beim „Perfekten Promi-Dinner“ (2009), im Dschungelcamp (2012) und sogar beim „Promi-Boxen“ (2013), wo sie mal eben Georgina Fleur verdrischt.

2015 schließlich ist die heute 47-Jährige Protagonistin des Vox-Formats „Goodbye Deutschland! Die Auswanderer“. Denn: Nachdem sie zwischenzeitlich schon auch mal ein Jahr auf Mallorca gelebt und 2014 eine Tochter bekommen hat, wandert sie mit Sack und Pack aus. Seither lebt sie an der Côte d’Azur in der Nähe von Cannes. „Mir geht es gut in Südfrankreich mit meiner Tochter und meinem Mann“, sagt sie 2021 im „Musikexpress“-Podcast.

„Ich hatte eine Depression“

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Schön war das nicht: 2013 kloppt sich Jazzy mit Georgina Fleur beim „Promi-Boxen“.

(Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Auch Ricky scheint es heute gut zu gehen. Für eine Werbekampagne tritt die mittlerweile 44-Jährige 2012 noch einmal gemeinsam mit Jazzy vor die Kamera. Ansonsten jedoch hat die Nichte des schwedischen Eurodance-Popstars Dr. Alban, die sich einst als einziges Tic-Tac-Toe-Mitglied für den „Playboy“ auszog, mit dem Rampenlicht nicht mehr allzu viel am Hut. Ein Studium für das Grundschullehramt in Mathematik und evangelischer Theologie bricht sie zwar ab. Mittlerweile arbeitet sie aber als ausgebildete Ergotherapeutin. Mit ihrem Lebensgefährten und ihrer bereits 2003 geborenen Tochter, die aus einer früheren Beziehung stammt, lebt sie in Dortmund.

2019 spricht Ricky mit dem Magazin „Stern“ über ihre Vergangenheit und die aktuelle Situation. „Es ging mir ein paar Jahre sehr, sehr schlecht. Ich hatte eine Depression, konnte nicht mehr zur Uni gehen. Da ist alles hochgekommen, was ich bei Tic Tac Toe nicht so wirklich verarbeitet habe“, erklärt sie in dem Interview etwa den Abbruch ihres Studiums. Eine Therapie habe ihr schließlich wieder auf die Beine geholfen. Gefragt, ob sie die Zeit auf den roten Teppichen vermisse, antwortet Ricky: „Spontan würde ich sagen: Nein, weil ich ja so glücklich bin. Aber ich denke schon an die tollen Momente bei Tic Tac Toe, die es ja auch gab. Aber ich vermisse dieses Leben nicht wirklich.“

„Wissen nicht, wo Lee steckt“

Stellt sich nur noch die Frage, was aus Lee geworden ist, der Jazzy im „Musikexpress“-Podcast bescheinigt, „die Talentierteste von uns“ gewesen zu sein, „vor allem im Rap-Bereich“. Sie macht zunächst eine Ausbildung bei einer Sicherheitsfirma, ehe die „Bild“-Zeitung sie 2009 an der Kasse des Kölner Zoos ausfindig macht. „Ich mache den Job im Zoo gerne. Ich bin glücklich. Meine Wohnung in Berlin habe ich aufgegeben, lebe jetzt in einer Kölner WG“, zitiert sie seinerzeit das Blatt.

Und heute? Das weiß tatsächlich so gut wie niemand. Gerüchteweise soll sich die 48-Jährige komplett zurückgezogen in England aufhalten. Doch Gewissheit haben selbst ihre einstigen Band-Kolleginnen nicht. „Vorletztes Jahr habe ich Jazzy auf dem Weihnachtsmarkt in Dortmund getroffen. Ab und an schreiben wir uns. Aber wir wissen nicht, wo Lee steckt“, sagt etwa Ricky 2019 im „Stern“-Interview. Und Jazzy bekräftigt 2021: „Wo Lee ist, wissen wir wirklich nicht, respektieren das aber.“

Möglicherweise wird sich die Band dann also doch nie mehr durch ein gemeinsames Comeback in Erinnerung rufen. Was jedoch bleibt, ist die Erinnerung an den 21. November 1997. Und natürlich daran: „Ich find dich scheiße, so richtig sch-sch-sch-sch-sch-sch-scheiße …“

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