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„Nur aggressiv wäre mir zu eindimensional“

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Wie die meisten ihrer Kollegen waren auch die Mitglieder der US-amerikanischen Punkrock-Band Starcrawler in den ersten zwei Jahren der Corona-Pandemie an ihr Zuhause gebunden. Keine einfache Phase für die fünf jungen Musiker aus Los Angeles, die davor seit ihrer Highschool-Zeit eigentlich permanent auf Tour waren.

Doch nach dem ersten Schock ließen sie die Monate nicht etwa einfach so verstreichen, sondern nutzten sie, um direkt ihr drittes Album aufzunehmen. Nach „Starcrawler“ von 2017 und „Devour You“ von 2019 kommt nun also „She Said“ in die Läden. Im Interview berichten Frontfrau Arrow de Wilde und Gitarrist Henri Cash, welche Freiheiten ihnen diese Zeit auch bescherte und welche schlechten Angewohnheiten sie daraus mitgenommen haben.

ntv.de: Ihr seid nach der Corona bedingten Zwangspause endlich wieder live unterwegs. Wie fühlt sich das an?

Arrow de Wilde: Es ist einfach fantastisch. Vor Corona war das Touren für uns irgendwie eine Selbstverständlichkeit. Als die Chance dazu dann auf einen Schlag weg war, habe ich erst gemerkt, wie sehr ich es brauche. Ich habe vorher gar nicht gewusst, wie elementar das Touren für mein Leben ist.

„She Said“ ist bereits euer drittes Album. Wie würdet ihr eure Weiterentwicklung von 2017 bis heute beschreiben?

Arrow de Wilde: Als wir die Band gründeten, waren wir alle um die 15 oder 16. Jede unserer Platten zeigt, auf welchem Stand wir gerade in unserer Entwicklung sind. Nichts in dieser Band passiert aus Kalkül oder Berechnung. „Devour You“ fiel viel reifer als unser Debüt aus. Seit dem Release unseres letzten Albums ist so viel Zeit vergangen. Auf „She Said“ zeigen wir, wie wir uns seither weiterentwickelt haben. Als Musiker genauso wie als Menschen.

Die neuen Songs sind eingängiger und bisweilen von poppiger Energie. Eine Entwicklung, an der angeblich auch Dave Grohl beteiligt war …

Starcrawler bei RTL+ Musik

(Foto: CMcCool)

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Henri Cash: Vor dem Lockdown hat er uns für seine „What Drives Us“-Dokumentation interviewt. Er kam zu Arrow nach Hause, um uns dort zu interviewen. Danach setzten wir das Interview fort, während wir im Lieferwagen durch L.A. fuhren. Er hätte fast den Van gecrasht, als er Arrow eine Kokosnuss kaufen wollte. Aber alles in allem eine tolle Erfahrung, sich mit jemandem wie ihm auf Augenhöhe zu unterhalten. Das gibt einem das Gefühl, alles erreichen zu können, was man sich vorgenommen hat. Ich glaube, diese neue Energie ist auch auf unseren neuen Drummer Seth Carolina und meinen Bruder Bill an der Gitarre zurückzuführen. Die Aufnahmen haben super viel Spaß gemacht. Mehr Spaß als bei jedem anderen Album zuvor!

Arrow, wie hast du dich als Sängerin weiterentwickelt? Du scheinst heute mehr zu variieren als noch beim ersten Album.

Arrow de Wilde: Ich habe mich auf jeden Fall weiterentwickelt, schon von unserem ersten Album zur letzten Scheibe „Devour You“. Sowohl was meinen Gesang als auch mein Songwriting angeht. Wobei das nichts Geplantes ist, sondern einfach mit dem Umstand zu tun hat, dass ich älter geworden bin und heute wahrscheinlich eingängigere Musik als früher höre. Als wir damals anfingen, konnte ich nur im Punk-Style singen. Danach sind wir lange auf Tour gewesen, was mir natürlich eine Menge Gesangspraxis verliehen hat. Außerdem fing ich an, Gesangsstunden zu nehmen. Ich versuche ständig, mich zu verbessern und die Bandbreite an Songs auszuweiten. Nicht dass man mich falsch versteht: Ich mag meinen aggressiven Gesangstil, doch nur aggressiv wäre mir heute zu eindimensional.

Henri Cash: Als junger Mensch ist man automatisch viel aggressiver unterwegs. Gerade in der Highschool staut sich viel Wut und Aggression an. Nicht jeder mag Punkrock oder Rock ’n‘ Roll. Es hat sich sehr gut angefühlt, aggressive Musik zu machen und diese aufgestaute Energie rauszulassen. Und es macht immer noch großen Spaß, auch wenn wir unseren Stil weiterentwickelt haben und einfach nur noch gute Songs schreiben wollen.

Die Arbeiten an „She Said“ begannen während des Lockdowns. Wie habt ihr diese Zeit erlebt?

Arrow de Wilde: Gerade zu Anfang war es echt schwer, kreativ zu sein. Es gab einfach nichts, was mich zu neuen Songs inspiriert hat. Außerdem habe ich mir den Kopf mit Fragen zerbrochen, ob ich jemals wieder eine Show spielen werde und ob es überhaupt noch drauf ankommt, neue Songs zu schreiben. Doch irgendwann hatte man sich auch an dieses neue Leben gewöhnt …

Henri Cash: Seitdem wir 15 waren, sind wir eigentlich ständig auf Tour gewesen. Zwei Wochen unterwegs, eine zu Hause, dann wieder zwei Wochen on the road und so weiter. Wir waren niemals eine längere Zeit zu Hause. Plötzlich musste ich lernen, erwachsen zu sein und für mich selbst zu sorgen. Zu Hause sein zu müssen, war eine irgendwie verrückte Erfahrung. Davor war ich ein echter Adrenalinjunkie, der den Kick geliebt hat, jede Nacht auf der Bühne zu stehen und danach in die nächste Stadt zum nächsten Auftritt zu fahren. Das plötzlich nicht mehr zu können, war ein echter Schock. Also bin ich jeden Tag ins Auto gestiegen und einfach ziellos umhergefahren. Nur um das Gefühl zu haben, ich wäre beschäftigt. Doch irgendwann hatte ich mich auch daran gewöhnt.

Und wie fühlt sich das Erwachsenenleben an?

Henri Cash: Scheiße! Nein, im Ernst: Es ist ganz cool.

Hast du während des Lockdowns neue Talente oder schlechte Angewohnheiten entwickelt?

Arrow de Wilde: Ich bin süchtig nach Reality-TV geworden! Und ich habe meine Leidenschaft fürs Gärtnern entdeckt – und ich bin echt talentiert! Vor unserem Haus gab es ein paar Sandstreifen, die ich bepflanzt und in einen kleinen Garten verwandelt habe. Das war definitiv ein positiver Effekt des Lockdowns und hat mich davor bewahrt, nicht völlig verrückt zu werden. Ich habe gemerkt, dass es einen Weg gibt, kreativ zu sein und nicht diesen Schaffensdruck zu haben.

Wäre das nicht auch eine gute Zeit für das Schreiben neuer Songs gewesen?

Arrow de Wilde: Das habe ich versucht. Ich saß da und nichts passierte. Dann fing ich an, zu kochen, zu backen und mich um den Garten zu kümmern – und plötzlich fingen auch meine kreativen Säfte wieder an zu fließen. Dinge zu hegen und zu pflegen, das ist ja auch irgendwie ein kreativer Prozess. Das hat sehr geholfen. Und ich habe gelernt, mich auch zu Hause wohl zu fühlen. Vor der Pandemie habe ich es gehasst, alleine zu sein oder zu Hause sein zu müssen. Ich war nie länger als zwei Stunden dort, sondern musste immer notorisch unterwegs sein und Leute treffen. Während der ersten zwei Wochen der Quarantäne bin ich buchstäblich die Wände hochgegangen.

Das Album endet mit dem Punkrock-Song „Runaway“. Arrow, bist du als Kind jemals von zu Hause ausgerissen?

Arrow de Wilde: Nicht wirklich. Meine Freundin und ich sind nur ein einziges Mal abgehauen, um unseren Müttern Angst einzujagen. Wir haben uns unsere Schlafsäcke geschnappt und sind einmal quer durch Hollywood marschiert – und auch gleich wieder zurück, weil wir dann doch irgendwie Schiss bekamen. Ich habe meiner Mutter gerne Streiche gespielt und mich gerne versteckt, um sie zum Wahnsinn zu treiben. Wir sind im Wohnviertel meiner Freundin ausgerissen, das viel besser war als meines. Wenn wir in meinem Viertel ausgerissen wären, wäre ich wahrscheinlich entführt worden oder so. Wir haben damals in Echo Park gewohnt, was kein wirklich sicherer und schöner Ort für kleine Mädchen war.

Das Album „She Said“ von Starcrawler ist ab sofort erhältlich

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