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Häusliche Gewalt ist deutscher Alltag

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Jede vierte Frau in Deutschland erfährt im Laufe ihres Lebens mindestens einmal körperliche oder sexualisierte Gewalt – und das nicht etwa durch Fremde, sondern durch ihren Partner oder Ex-Partner. Der Dresdner „Tatort“ legt den Finger in eine gesamtgesellschaftliche Wunde.

„Ich werde mich ändern“, schreit Simon Fischer (Christian Bayer) in das Halbdunkel der Scheune, aus der ihn gerade ein Schuss in die Schulter getroffen hat. „Es wird nicht mehr vorkommen, ich verspreche es“, schiebt der blutende Mann hinterher und schluchzt dabei. „Das sagst du jedes Mal“, schreit seine Frau Kathrin (Amelie Kiefer) zurück und klammert sich verzweifelt an dem Jagdgewehr fest, das sie vor ihrem gewalttätigen Ehemann schützen soll. Und obwohl sie es besser weiß, kommt Kathrin irgendwann aus ihrem Versteck: Ein Teil von ihr will einfach glauben, dass Simon es ernst meint. Dass das Ganze am Ende nicht gut ausgeht, versteht sich beinahe von selbst.

Viel Blut, aber keine Leiche: Kommissarin Gorniak (Karin Hanczewski) sucht im „Tatort“ die vermisste Kathrin Fischer.

(Foto: MDR/MadeFor/Hardy Spitz)

Die Schlussszene des neuen Dresdner „Tatorts“ lässt erahnen, welcher Horror die Beziehung des Film-Ehepaars Fischer gewesen sein muss. Ein Horror, den Statistiken zufolge erschreckend viele Frauen in Deutschland aus erster Hand kennen: „Leider ist häusliche Gewalt immer noch sehr verbreitet“, sagt Karin Hanczewski, die im „Tatort“ die Kommissarin Karin Gorniak spielt. „Jede vierte Frau wird mindestens einmal (im Leben, Anm. d. Red.) Opfer körperlicher oder sexualisierte Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner.“

Ein gesamtgesellschaftliches Problem

So wurden etwa im Jahr 2019 insgesamt 141.792 Delikte von Partnerschaftsgewalt gemeldet, in 81 Prozent der Fälle waren dabei Frauen die Opfer. Dabei ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer gerade in diesem sehr privaten Bereich um ein Vielfaches höher liegt. Tatsächlich ist das Risiko für Frauen, durch einen Beziehungspartner Gewalt zu erfahren, weitaus höher, als von einem Fremden tätlich angegriffen zu werden.

Noch erschreckender sind die Zahlen, wenn man sie in Relation setzt: Laut Statistischem Bundesamt wird alle 45 Minuten eine Frau Opfer von gefährlicher Körperverletzung durch Partnerschaftsgewalt – und aufs Jahr gerechnet wird fast täglich eine Frau von ihrem (Ex-)Ehemann oder (Ex-)Lebensgefährten ermordet. Dabei spielen Alter, Bildung, Einkommen und Religionszugehörigkeit übrigens absolut keine Rolle: Beziehungsgewalt gegenüber Frauen ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Im „Tatort“ legt Regisseurin Anne Zohra Berrached den Fokus auch auf die begleitenden Faktoren, die der Gewalt in die Hände spielen: Kommissarin Gorniak hat etwa schon früh das Gefühl, dass mit Fischer etwas nicht stimmt, nur glaubt ihr lange keiner. „Sie ist mit einem gewalttätigen Vater aufgewachsen, sie erkennt Männer, die Gewalt ausstrahlen“, erklärt Berrached. „Sie weiß aber auch, ein diffuses Gefühl bringt ihr als Polizistin nichts, sie braucht Fakten und Beweise. Eine Allegorie auf unsere Gesellschaft, die auf Fakten basiert. Gefühle, Spiritualität, das Nichtgreifbare zählt weniger.“

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