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Elvis lebt!

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Es gibt keinen besonderen Anlass für diesen Film – keinen runden Geburtstag, keinen speziellen Todestag. Und dennoch kommt Baz Luhrmanns bildgewaltige Hommage an Elvis Presley genau zur richtigen Zeit. „Elvis“ – der erste Kinofilm über den King überhaupt.

Ein Kinofilm über Elvis Presley? Man ist geneigt, in der ersten Reaktion gelangweilt abzuwinken. Das gab es doch bestimmt schon unzählige Mal! Und überhaupt: Wen interessiert denn heutzutage noch der hüftwackelnde Rockabilly aus dem vorherigen Jahrhundert?

Doch falsch gedacht, denn unglaublich, aber wahr: Tatsächlich wurde die Geschichte von Elvis Presley noch kein einziges Mal im Kino erzählt. Zwar gab es verschiedene TV-Produktionen. Zum Beispiel schon 1979 „Elvis – The King“ vom eigentlichen Horrorspezialisten John Carpenter mit Kurt Russell in der Hauptrolle. Oder den Zweiteiler „Elvis“ von 2005, in dem Jonathan Rhys Meyers die Titelfigur verkörperte. Doch die ganz große Leinwand blieb Presleys Biografie bislang verwehrt.

Und nochmal falsch gedacht, denn natürlich hat der King noch immer unzählige Fans und verliert als Ikone der Musikgeschichte wohl nie ganz an Faszination und Bedeutung. Schließlich ist Elvis mit über einer Milliarde verkaufter Tonträger auch 45 Jahre nach seinem Tod noch immer der erfolgreichste Solokünstler aller Zeiten und stellt damit Popgrößen wie Michael Jackson, Madonna oder Elton John weit in den Schatten.

Gelungener Drahtseilakt

Dass sich kein Geringerer als Baz Luhrmann nun der Aufgabe angenommen hat, Elvis sein erstes Kino-Denkmal zu zimmern, spricht ebenfalls für den Film – auch wenn der australische Regisseur von Presleys einstiger Sphäre zunächst so weit entfernt zu sein scheint wie der King vom Techno. Doch Luhrmann hat sich mit einem Musical-Streifen wie „Moulin Rouge!“ (2001) oder einer Hip-Hop-Serie wie „The Get Down“ (2016-2017) schon als musikaffin erwiesen. Mit dem zweifach oscargekrönten „Der große Gatsby“ (2013) hat er zudem unter Beweis gestellt, dass er zu klotzen statt zu kleckern versteht. Der 59-Jährige fasst nicht viel an – „Elvis“ ist erst sein sechster Kinofilm. Doch was er anfasst, hat jedenfalls Wumms.

Tom Hanks (l.) schlüpft in die Rolle von Colonel Tom Parker.

(Foto: Warner Bros. Entertainment Inc.)

Bei „Der große Gatsby“ sorgte er damit noch für gemischte Reaktionen beim Publikum. Bei „Elvis“ dürfte ihm das nicht widerfahren. Verhedderten sich der Regisseur und Leonardo DiCaprio in der Verfilmung des Romans von F. Scott Fitzgerald noch bisweilen in der Opulenz, gelingt Luhrmann bei „Elvis“ der Drahtseilakt zwischen Bildgewalt, Stringenz und Liebenswürdigkeit der Erzählung perfekt. Der Film ist der Hauptfigur, der er gewidmet ist, allemal würdig.

Dabei ist der von Ex-Teenie-Star Austin Butler verkörperte Elvis nur einer von zwei Stars, die die Handlung tragen. Erzählt wird die Geschichte schließlich aus der Perspektive des zwielichtigen Colonel Tom Parker, der den Sänger über seine gesamte Karriere hinweg managte – und dabei auch ausnahm wie eine Weihnachtsgans. Er wird von keinem Geringeren als Tom Hanks dargestellt, der seiner Bilderbuch-Laufbahn in Hollywood damit einen weiteren Meilenstein hinzufügt.

Ein fulminanter Ritt

Klar, dass man ein Leben wie das des Kings nicht mal eben im Vorbeigehen abhandeln kann. Und so nimmt sich Luhrmann dann auch ganze 159 Minuten Zeit für seine Verfilmung. Es sind jedoch rund zweieinhalb Stunden, die sich von vorne bis hinten lohnen und in denen nie ein Gefühl der Langeweile oder der Wunsch nach einer Straffung der Ereignisse aufkommt. Will man überhaupt einen Kritikpunkt an dem Werk hervorkramen, dann vielleicht den, dass der 30-jährige Austin Butler bei der Reinkarnation des gealterten und abgehalfterten Presley unter all der Maske dann irgendwann doch an seine Grenzen stößt. Im Vergleich zu seiner Darbietung des jungen Rockabilly-Aufrührers fällt seine Leistung hier marginal ab.

So offeriert „Elvis“ einen fulminanten Ritt durch die gesamte Karriere des Kings, von all ihren Höhen zu Beginn bis hin zu den immer dramatischeren Tiefen am Schluss. Auch und gerade die schillernde Rolle von Colonel Tom Parker kommt dabei nicht zu kurz. Ob und inwieweit dies alles den historischen Tatsachen entspricht, muss freilich dahingestellt bleiben. Parker kann sich – ebenso wie Elvis selbst – nicht mehr wehren. Er starb knapp 20 Jahre nach seinem einstigen Schützling 1997. Dafür, dass der Film allerdings ziemlich genau ins Schwarze trifft, spricht zumindest eins: Presleys Ex-Frau Priscilla kommt aus dem Schwärmen über ihn gar nicht mehr heraus.

Dabei ist „Elvis“ nicht „nur“ die biografische Aufbereitung eines der bis dato spektakulärsten Phänomene der Musikgeschichte. Der Film ist auch ein Sittengemälde der Vereinigten Staaten mit all ihrem Rassismus und ihrer Spießigkeit zu jener Zeit. So zählen zu den stärksten Momenten des Streifens sicher die, in denen die tiefe Verwurzelung des weißen Rock’n’Rollers Presley in der afroamerikanischen Kultur aufgezeigt wird.

Dabei kommt nicht nur die kommerzielle Ausbeutung der schwarzen Musik durch gierige Typen wie Parker und Co zum Vorschein. Es wird auch deutlich, wie sehr Presley selbst von ihr wirklich beeinflusst war und wie wenig Berührungsängste er – konträr zur rassistischen Gesellschaft – mit ihren Machern hatte. Das, was ihn tatsächlich zu einem Rebell werden ließ und einen noch heute guten Gewissens sagen lässt: Elvis lebt.

„Elvis“ läuft ab sofort in den deutschen Kinos. Ab Freitag ist der Soundtrack zum Film erhältlich, unter anderem mit Neuinterpretationen von Elvis-Songs von Doja Cat, Tame Impala oder Jack White.

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