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Cowley Heller über Träume, Sex und Reue

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Miranda Cowley Hellers Roman „Papierpalast“ ist ein Buch, das man am liebsten nicht aus der Hand legen möchte und es doch muss, weil man es sonst zu schnell durchgelesen hätte. Und das wäre schade. Denn man will, dass es nicht aufhört. Cowley Heller schreibt, wie wir mit unserer besten Freundin sprechen würden. Sie erzählt von der Amerikanerin Elle, einer 50-Jährigen, die eine Entscheidung treffen muss, die ihr ganzes Leben betrifft – und das nur, weil sie in den Ferien ein paar Minuten ihren – alten – sexuellen Gelüsten nachgegangen ist. ntv.de spricht mit der Autorin über ihren enormen Erfolg. Ddabei hat sie schon das nächste Projekt am Wickel: „Der Papierpalast“ wird verfilmt, sie schreibt das Drehbuch. Damit hatte sie in den letzten Jahren bereits erfolgreich zu tun – Cowley Heller hat Serien wie „Die Sopranos“ oder „Six Feet Under“ für HBO entwickelt und verantwortet.

ntv.de: Ich bin gerade mitten im Buch und ich wünschte, ich hätte Ferien und würde an einem See liegen, um den „Papierpalast“ in einem Rutsch durchlesen zu können …

Cowley Heller: Das ist ambitioniert, denn es hat ja auch Stellen, die gar nicht mal so einfach oder lustig sind. Aber generell glaube ich auch, dass es ein Buch ist, das man schnell lesen kann.

Andererseits ist es so, dass man einfach mal Pause macht und etwas nachliest oder sich durch den Kopf gehen lässt, einfach, weil es so komplexe Szenen sind.

So lese ich auch. Dieses Querlesen ist nichts für mich, ich brauche immer ein bisschen und muss darüber nachdenken, wenn ein Buch mir richtig gefällt. Ich bin eine Langsam-Leserin. Das ist manchmal ein bisschen frustrierend, wenn es ein dickes Buch ist (lacht).

Miranda Cowley Heller in Cape Cod als junge Frau, lesend.

(Foto: Miranda Cowely Heller privat )

Ich weiß schon jetzt, dass ich bei den letzten fünf Seiten gaaanz langsam lesen werde und mir wünsche, dass es eine Fortsetzung gibt, denn das Buch beschreibt ja nur einen einzigen Tag, wenn man es genau nimmt.

Das nehme ich mal als Kompliment (lacht). Und Anregung.

Wie haben Sie begonnen zu schreiben? Für mich ist das ein Buch, das quasi „raus musste“, weil es schon lange in Ihnen war …

Das stimmt. Ich habe bereits vor acht oder zehn Jahren angefangen, das Buch zu schreiben. Aber dann habe ich es, nach ungefähr zwanzig Seiten, aus irgendwelchen Gründen wieder in eine Schublade getan. Ich bin damals auf der Stelle getreten, weil ich es unbedingt perfekt machen wollte. Das war die absolut falsche Herangehensweise. Und vielleicht musste ich auch erst in ein bestimmtes Alter kommen, um eine solche Geschichte aufrichtig erzählen zu können. Um über das Leben einer erwachsenen Frau schreiben zu können, muss man eine erwachsene Frau sein, mit einem gelebten Leben. Also ja, richtig, das Buch war in mir, aber es musste mit mir noch weiter wachsen, bevor ich es wirklich schreiben und loslassen konnte.

Wie ausschlaggebend war Ihr Alter als Autorin dieses Romans?

Ich hätte diesen Roman früher nicht schreiben können. Ich hatte früher immer ein wenig Angst vor dem weißen Blatt. Dieses Buch nun habe ich geschrieben, obwohl ich nie wusste, was an dem Tag passieren würde, wohin meine Figuren und die Geschichte mich tragen würden. Das war eine wirklich interessante Erfahrung für mich, mich so treiben zu lassen. Als ich jünger war, war ich immer viel zu besorgt, ob ich gut bin, ob die Leute mich verstehen, ob sie mich mögen, meine Geschichte gerne lesen. Jetzt ist es mir egal, meistens (lacht).

Was hat am meisten Spaß gemacht beim Schreiben?

Dass meine Protagonistin eine Frau in ihren Fünfzigern ist, wie ich. Die echt ist.

Eine Frau im besten Alter also, mitten im Leben …

Ja! Oft werden Frauen in ihren Fünfzigern als ein bisschen langweilig dargestellt. Die Idee der Gesellschaft ist ja, dass man da einen gewissen Grad an Weisheit errungen hat, wahnsinnig erwachsen ist, kaum noch Sex hat, sich auf die Großmutter-Zeit einstellt – dabei ist das alles gar nicht so! (lacht)

Ich habe das Gefühl, Frauen dieses Alters haben auf so ein Buch gewartet, denn Frauen mit Mitte 50 wollen heute noch Sachen starten, sie sind neugierig und manchmal auch einfach nur zerrissen zwischen ihren vielen Rollen …

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Die junge Miranda am Strand.

(Foto: Miranda Cowley Heller privat )

Genau so. Wer sagt denn, dass ich schon alles weiß, dass ich alles erlebt habe? Dass ich mich nicht auch wie ein Teenager fühlen oder verhalten möchte? Ich habe eher den Eindruck, dass Männer in ihren Fünfzigern langweilig werden – nach ihrer Midlife-Crisis. Frauen hingegen werden provokanter, interessanter und wollen Gelegenheiten nutzen.

Es ist auf jeden Fall beruhigend, in einer Frau wie Elle eine Frau zu sehen, die eine Freundin sein könnte.

Jüngere Frauen kommen inzwischen zu mir und sagen, dass sie sich auf die Zukunft freuen, dass sie keine Angst vor dem Alter haben, sondern im Gegenteil gespannt sind darauf, wie sie dann sein werden. Das war früher ja anders. Es macht mich wirklich froh, so etwas zu hören.

Die ganze Geschichte an einem Tag zu erzählen, mit den Rückblicken natürlich, das ist nicht viel Zeit …

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Ja, die Idee war, dass wir alle immer wieder etwas machen, was wir augenblicklich bedauern: „Wie in Gottes Namen konnte ich das nur tun?“ fragen wir uns dann. Bei diesem Zögern, Hadern und mit all den Schmerzen wollte ich Elle begleiten. Sie muss eine Entscheidung fällen, und zwar schnell, sie hat nicht ewig Zeit dafür. Denn das Szenario, in dem sie sich befindet, bietet sich nicht an für eine Affäre. Es geht darum, dass sich ihr ganzes Leben komplett ändern könnte, auch wenn man das am Anfang noch gar nicht wirklich versteht. Außerdem wollte ich die Geschichte einer Frau auf verschiedene Arten erzählen.

Aus zwei Perspektiven?

Eher so: Das eine Leben führen wir, und dann gibt es da noch das Leben in unserem Kopf, dort entsteht unser eigenes Kino. Es ist eine Mischung aus alltäglichen Tagträumereien und dem, was wir uns schon immer ausgemalt haben, wie unser Leben werden würde.

Was haben Sie sich für Ihr Leben vorgestellt?

Dass ich in Italien lebe, in einem großen alten Haus, aber das ist nicht passiert (lacht).

Bis jetzt. Kalifornien ist auch nicht schlecht, oder?

Oh ja, ich liebe Kalifornien, ich will mich nicht beschweren, aber wir haben Vorstellungen, und an manche kommen wir nahe heran, an andere nicht. Und dann ist da das reale Leben, es zieht an uns vorüber. Für Elle öffnet sich nun eine Tür zu dem Leben, das sie sich immer vorgestellt hatte. Plötzlich wäre es möglich, dieses Leben doch noch zu führen. Also habe ich das Leben, das überwiegend in Elles Kopf stattfindet, an dem einen Tag erzählt, und den Rest der über 50 Jahre in den Rückblenden.

Wieviel Elle steckt denn in Ihnen?

Gar nicht so viel, erstaunlicherweise. Ich denke, ich bin mehr wie Elles Schwester Anna. Elle ist reservierter, Anna fällt mit der Tür ins Haus. Elle ist zurückhaltender, logisch, sie hat ja auch viel mehr Geheimnisse.

Geschwister sind etwas Faszinierendes …

Ja, das ist mir beim Schreiben auch aufgefallen. Man kommt aus derselben Familie, hat denselben Gen-Pool, ist sich ähnlich – und dann auch wieder nicht. Vor allem können Geschwister objektiv genau dasselbe erlebt haben und dennoch etwas völlig anderes fühlen oder daraus machen. Meine Schwestern und ich sind uns in vielen Dingen so ähnlich, und in anderen gar nicht. Je älter wir werden, desto näher kommen wir uns aber. Geschwister tragen nicht nur ihre eigene Geschichte mit sich, sondern auch die des anderen. Ich habe mir mit Anna und Elle besonders viel Mühe gegeben beim Schreiben, denn anfänglich konnten sie sich ja nicht leiden.

Wallace, die Mutter, ist auch eine ganz besondere Person, nicht unbedingt sympathisch, wie sie mit ihren Töchtern umgeht, aber dann doch wieder voller Liebe – im Rahmen ihrer Möglichkeiten …

Ja, und in vielem können wir sie heute kaum mehr nachvollziehen. Sie hat immer so gehandelt, dass ihr Leben mit einem Mann im Vordergrund stand. Dafür hat sie ihre Töchter verschiedene Male fast geopfert, möchte ich sagen. Sie kannte das aber schon aus ihrer Familie. Wir müssen immer bedenken, dass es für Frauen damals nicht leicht war, ohne einen Mann zu existieren, vor allem nicht, wenn sie Kinder hatten.

Und die Sexszenen? Haben Sie sich da nicht manchmal gefragt, was werden meine Freunde, meine Kinder, meine Eltern jetzt von mir denken?

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Miranda Cowley Heller war Senior Vice President und Head of Drama Series bei HBO – gute Geschichten sind genau ihr Ding.

Ja, na klar, ich mache mir da schon Gedanken darüber, aber das ist, wie gesagt, das Gute am Alter: Es ist mir egaler geworden. Aber tatsächlich ist das, was man selbst denkt, schreibt und möchte und das, was andere von einem denken, schon immer Konfliktpotential für den großen Kampf in meinem Inneren gewesen. Ich komme aus einer Familie mit geschiedenen Eltern, und alles, was ich machte, war an Bedingungen geknüpft. So fühlte es sich für mich zumindest an. Es bestand immer die Gefahr, dass ein Elternteil verschwindet, dass es einen nicht mehr liebt, dass es nicht mehr da ist. Das heißt, ich habe gelernt, wie ich anderen gefallen kann. Je älter ich wurde, desto klarer wurde ich jedoch auch, und ich traute mich auch immer mehr das zu sagen, was ich wirklich meine. Auch auf die Gefahr hin, dass es der anderen Person nicht gefällt.

Man lügt ja immer mal wieder, um andere nicht zu verletzten. Elle muss sehr viel lügen.

Ja, sie führt einen großen Kampf. Man muss versuchen, seine Interessen mit Leidenschaft zu vertreten, mit Aufrichtigkeit.

„Der Papierpalast“ wird verfilmtund Sie schreiben das Drehbuch. Wie bekommen Sie das alles in Bilder übersetzt? Und können Sie Ihre Figuren einfach so ziehen lassen, denn im TV werden sie ja doch irgendwie entmystifiziert?

Ich habe noch nie ein Drehbuch geschrieben, damit geht es schonmal los (lacht). Den Unterschied zum Buch zu entdecken, ist schon interessant. Mir ist klar geworden, dass man manchmal ein und dieselbe Geschichte auf eine völlig andere Art erzählen muss. Ein Film kann also jemanden, der das Buch gelesen hat, vollkommen frustrieren. Aber einen Tod muss man sterben: Den Film – oder die Serie – nicht zu machen, oder andere zu enttäuschen. Die Kunst wird also darin liegen, das Geheimnisvolle um die einzelnen Figuren aufrecht zu erhalten. Das wird schwer, zugegeben. Was mir aber helfen könnte, ist die Tatsache, dass ich sowieso sehr bildhaft schreibe, dass ich mir schon immer alles ganz genau ausmale. Wenn ich über eine Landschaft schreibe, dann würde ich am liebsten jeden Baum erwähnen.

Unglückliche Personen sind die interessanteren Personen, heißt es an einer Stelle im „Papierpalast“. Sehen Sie das genauso?

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Unglücklich vielleicht nicht, aber Personen, die schon was erlebt haben, auch Negatives, sind auf jeden Fall interessanter. Wenn man etwas „überstanden“ hat, vielleicht sogar schon als Kind oder Jugendlicher, und weiß, wie man damit umzugehen hat, dann hat man schon sehr viel gewonnen als Erfahrung fürs Leben.

Ein Kritiker schrieb: „Das ist ein Buch darüber, was es heutzutage bedeutet, eine Frau zu sein“ – was bedeutet es für Sie, heutzutage eine Frau zu sein?

Es bedeutet für mich, die Wahl zu haben. Eine Frau zu sein, die beispielsweise ein Trauma erlebt hat und damit umgehen kann, ist stark. Eine Frau zu sein, die für ihre Belange einsteht. Wir alle haben eine Geschichte, die Summe aller Erfahrungen, aller Generationen aber steckt in uns, und wir leben jetzt das aus, was Frauen schon lange wollten, aber nicht konnten: Mutter zu sein, Frau zu sein, arbeiten zu können, eigenes Geld zu verdienen. Nicht abhängig von einem Mann zu sein. Nur wenn Frauen sich entscheiden, ihre Familien zu verlassen oder einen jüngeren Liebhaber haben, dann guckt die Welt immer noch unangenehm berührt.

Mit Miranda Cowley Heller sprach Sabine Oelmann

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