Kliniken dicht, Ressourcenmangel
Wer wird dann noch gerettet?
11.10.2026 – 11:02 UhrLesedauer: 7 Min.
Was passiert, wenn nach einem militärischen Angriff plötzlich Hunderte Verletzte versorgt werden müssen? Das haben Einsatzkräfte bei einer 24-Stunden-Übung geprobt.
Ein Krankenwagen fährt auf eine Lichtung. Es staubt hinter den Rädern. Ein Sanitäter streift sich blaue Einweghandschuhe über und öffnet die Hecktüren. Dahinter liegt eine junge Frau auf einer Transportliege – bewusstlos und mit Schussverletzung.
In einem großen Zelt aus weißer Plane mit der Aufschrift „Sichtung“ steht schon ein Team aus Notärzten und Sanitätern bereit. Die Fachkräfte begutachten den Zustand der Frau, die Handgriffe sitzen routiniert. Die Patientin wird der Kategorie Rot zugeordnet: Sie muss sofort weiterbehandelt und dafür in eines der Behandlungszelte gebracht werden.
Auf der Lichtung herrscht reges Treiben: Krankenwagen fahren ein und aus, Einsatzkräfte mit Funksprechgeräten laufen zwischen den Zelten umher und Verwundete werden auf Liegen transportiert. Absperrbänder kennzeichnen die Wege.
Verbrennungen, Knochenbrüche, Schussverletzungen – seit mehr als 18 Stunden werden auf dem Behandlungsplatz Verletzte eines militärischen Angriffs versorgt. Doch was von außen täuschend echt wirkt, ist nur eine Übung.
„Verletzte aus einem kriegerischen Schadensgebiet“
Auf dem Truppenübungsplatz Annaburger Heide in Sachsen wurde Ende September drei Tage lang für den Ernstfall geprobt. Der 24-Stunden-Echtzeitbetrieb war deutschlandweit eine Premiere. Erstmals wurde dabei ein Nato-Bündnisfall geprobt. Dass ein solcher schneller eintreten kann als lange Zeit gedacht, haben nicht zuletzt die Drohnenvorfälle am Leipziger Flughafen und beim Bundeswehrfliegerhorst in Wunstorf gezeigt.
Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine haben sich die Welt und die Bedrohungslage verändert. Je länger der Krieg andauert, umso stärker nimmt Moskau auch die westlichen Unterstützer der Ukraine ins Visier. Immer häufiger provoziert Russland die Nato-Länder durch Grenzüberschreitungen mit Kampfjets, die in den Luftraum von Nato-Staaten eindringen, oder durch Anschlagsversuche wie den genannten Drohnenvorfällen.
Zuletzt am Montag warnte BND-Präsident Martin Jäger, Deutschland sei in Gefahr, in einen gewaltsamen Konflikt mit Russland zu geraten. Russland führe einen „Schattenkrieg“ gegen Deutschland, die Gefahr von Anschlägen gegen Ziele in Deutschland sei „weiter real und gegenwärtig“. Möglich seien „niedrigschwellige militärische Aktivitäten“ Russlands, insbesondere im Baltikum. Wäre Deutschland für ein solches Szenario überhaupt gewappnet?
Der Übung in Sachsen liegt ein Szenario zugrunde, bei dem es nach militärischen Angriffen in mehreren östlichen Nato-Staaten viele Verletzte gab. Rund 300 Einsatzkräfte aus den Medizinischen Taskforces (kurz: MTF) Leipzig, Dresden und Chemnitz sind dafür im Einsatz. In einem 24-Stunden-Echtzeitbetrieb versorgen sie in Schichtarbeit bis zu 100 simulierte Verletzte. Es ist eine der größten gemeinsamen Übungen seit Jahren.
„Keiner will, dass es so weit kommt“
Wie sehr sich die Zeiten verändert haben, das weiß Peter Appelt nur zu genau. Der 40-Jährige ist internistischer Intensivmediziner an der Uniklinik Leipzig. Vor mehr als 20 Jahren hat er im Katastrophenschutz und Zivilschutz angefangen, heute ist er medizinischer Leiter der MTF Leipzig.
Bundesweit gibt es 61 solcher Medizinischer Taskforces. Sie sind aus verschiedenen Hilfsorganisationen zusammengesetzt und Teil des Bevölkerungsschutzes. Für die laufende Übung haben Appelt und sein Team den Behandlungsplatz in der Annaburger Heide aufgebaut. Die MTFs aus Dresden und Chemnitz übernehmen im Wechsel ebenfalls Schichten.
