Überlegenheit passé
Warum sich das Urlaubsgefühl der Deutschen grundlegend ändert
Aktualisiert am 26.08.2026 – 08:59 UhrLesedauer: 4 Min.
Früher war der Sommerurlaub immer auch eine Selbstvergewisserung – im Ausland lief vieles nicht so gut wie zu Hause. Heute ist das oft anders.
Gerade kehren wieder Millionen Deutsche aus dem Urlaub in Italien, Spanien oder aus anderen schönen Ländern zurück. Das vorherrschende Gefühl dabei dürfte sein: Schade, dass die schönste Zeit des Jahres schon wieder vorbei ist.
Mitunter kommt noch eine andere Empfindung dazu: „Zu Hause ist es doch am besten!“ Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) etwa bekundete schon öfter Erleichterung über die Rückkehr auf heimischen Boden. Nach einer Afrikareise entfuhr es ihm dieses Jahr: „Was man am deutschen Brot hat, merkt man immer wieder, wenn man im Ausland ist.“
Doch für viele Urlauber hat der Aufenthalt im Ausland die frühere Funktion der Selbstvergewisserung eingebüßt. Das Bewusstsein, aus einem in vielen Belangen überlegenen „mustergültigen“ Heimatland anzureisen, ist einer nüchternen Realität gewichen.
Egal, ob Infrastruktur, Digitalisierung oder Service – das Ausland hat aufgeholt, und das verändert das Reiseerlebnis spürbar.
Klimatisierte U-Bahnen, perfektes Internet
Wer zum Beispiel aus den Niederlanden nach Nordrhein-Westfalen einreist, braucht kein Schild, um zu wissen, wann er wieder deutschen Boden erreicht hat: Auf der Autobahn wird augenblicklich das Fahrgeräusch lauter, weil der Asphalt schlechter ist. Und in der Bahn bemerkt man es an den heruntergekommenen Grenzbahnhöfen – eben sah alles noch so proper und adrett aus.
In vielen anderen Ländern machen Deutsche ähnliche Erfahrungen und erzählen nach ihrer Rückkehr von komfortablen französischen Regionalzügen, klimatisierten U-Bahnen in Spanien, perfekten Internetverbindungen in Schweden. Eine weitere breit geteilte Beobachtung: In London oder in Skandinavien läuft Bezahlen längst elektronisch, wer Geldscheine zückt, wird teils angeschaut, als wolle er seine Schuld in Naturalien begleichen.
„Hier funktioniert ja alles“, schwärmte Schauspieler Sky DuMont kürzlich während eines Besuchs in Österreich. „Man hat Internet, man kann telefonieren.“ Er selbst wohne in Hamburg-Blankenese, und da habe er häufig kein Netz, berichtete der 79 Jahre alte Schauspieler („Der Schuh des Manitu“) einer sichtlich erfreuten österreichischen Reporterin.
„Bei uns kostet das Benzin fast 20 Cent mehr als bei euch. Die Züge kommen nie pünktlich an. Hier steige ich am Flughafen in einen Zug, und der fährt mit 240 und ist pünktlich und bequem“, so DuMont. „Es ist einfach ein Riesenunterschied. Österreich funktioniert einfach, und das genieße ich sehr.“
„In Deutschland ist alles besser“
Der Psychologe Ulrich Schmidt-Denter, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Identitätsentwicklung im interkulturellen Vergleich gehört, weist darauf hin, dass Menschen im Ausland generell dazu tendieren, Vergleiche zu ziehen.
