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„Was soll’s, ihr habt geil gekämpft“

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Die Ukraine wird nicht an der Fußball-WM in Katar teilnehmen, ein Eigentor beendet die Hoffnungen des überfallenen Landes. Unser Korrespondent und viele andere mit ihm hatten beim Public Viewing in Kiew trotzdem Spaß.

Als ich vor etwa fünf Wochen aus der Westukraine nach Kiew zurückgekehrt bin, gab es gleich am Abend einen russischen Raketenangriff auf die Hauptstadt. Mehrere Raketen sind damals in der Nähe der Innenstadt eingeschlagen. Seitdem hatten die Russen mit dem Beschuss von Kiew keinen Erfolg: Es wurden zwar mehrere Versuche unternommen, doch die Kiewer Luftverteidigung funktionierte gut. Bis zum Sonntag, an dem die ukrainische Nationalmannschaft um den WM-Einzug spielte. Viele Kiewer hatten sich auf das Spiel nicht zuletzt wegen der frühen Anstoßzeit gefreut, denn man konnte die Partie dadurch trotz der nächtlichen Ausgangssperre in einer Kneipe verfolgen.

Doch um sechs Uhr morgens wurde Kiew von rund fünf Explosionen am linken Ufer geweckt. Getroffen wurde ein Objekt der ukrainischen Eisenbahn, mindestens eine weitere Rakete wurde vor der Stadt abgeschossen. Von mehreren Stadtteilen aus waren große Rauchschwaden zu sehen, ums Leben kam aber den Angaben der Stadtverwaltung zufolge glücklicherweise niemand. Für die ukrainische Hauptstadt, die in diesen fünf Wochen wieder viel lebendiger wurde und teilweise fast schon zu einer Art Normalität zurückgekehrt ist, war das ein unerwünschtes Erwachen. Zwar wusste man, dass Raketenbeschuss immer möglich ist, doch man hatte sich eben daran gewöhnt, dass auf die ständigen Luftalarme keine Einschläge folgten.

Der Sonntag war dann trotzdem dem Fußball gewidmet. In der Innenstadt waren viele Menschen in den Trikots des Teams von Cheftrainers Oleksandr Petrakow unterwegs, die allermeisten Kneipen waren schon kurz nach dem souveränen Sieg gegen Schottland ausgebucht gewesen. Für die Menschen war das eine willkommene Chance, sich gemeinsam abzulenken und das eigene Team beim Bier anzufeuern. Als die Ukraine vor ein paar Wochen den Eurovision Song Contest gewann, war das wegen der nächtlichen Ausgangssperre nicht möglich.

Ein Tor, das nicht hilft

Ich selbst verfolgte das Spiel in einem kleinen, traditionsreichen Bierlokal nicht weit vom Olympiskyj-Stadion, in dem sich gefühlt jeder kennt. Wegen der vielen Menschen auf engem Raum war es etwas stickig, aber das gehört halt dazu. Während die ukrainische Nationalhymne vor dem Anpfiff noch zurückhaltend mitgesungen wurde, wurde die Stimmung mit jeder Minute besser. Denn die Mannschaft um Manchester City-Star Oleksandr Sintschenko dominierte das Spiel und brachte Wales ähnlich wie Schottland früh in Bedrängnis. Die einzige Sorge im Publikum: „Wir müssen endlich ein Tor schießen, denn nach der komplizierten Vorbereitung wären wir in der zweiten Halbzeit wohl physisch unterlegen.“

Tatsächlich schaffte es die Ukraine, in der 34. Minute ein Tor zu schießen. Allerdings war das ein tragisches und vollkommen unnötiges Eigentor durch Mannschaftskapitän Andrij Jarmolenko nach einem Strafstoß des Weltstars Gareth Bale. Jarmolenko, der im russischen St. Petersburg zur Welt gekommen und im ukrainischen Tschernihiw aufgewachsen ist, das zu Beginn der russischen Invasion umkämpft war, gilt als der wohl erfolgreichste Spieler in der Geschichte des ukrainischen Nationalteams. Dem bei West Ham United unter Vertrag stehenden Rechtsaußen fehlen nur noch wenige Tore, um den Torrekord des Nationalhelden Andrij Schewtschenko einzuholen. Das Tor vom Sonntag wird dabei allerdings nicht helfen.

In der Kneipe war man ziemlich enttäuscht, fühlte aber auch mit dem Nationalkapitän mit, der noch gegen Schottland brillant gespielt hatte. „Komm, Jarmola, mach einfach weiter“, war zu hören. Sechs Minuten später gab es eine umstrittene Episode mit Jarmolenkos Beteiligung: Joe Allen trat im Strafraum gegen den ukrainischen Kapitän. Der ukrainische Kommentator Wiktor Wazko sprach von einem klaren Elfmeter, das Publikum war einstimmig auf seiner Seite – nicht aber der spanische Schiedsrichter Antonio Mateu, dessen Entscheidung nach der VAR-Überprüfung in der Kneipe in Kiew ausgebuht wird. Am Ende der Halbzeit gab es für die ukrainische Mannschaft trotz des 0:1-Rückstands lauten Applaus.

„Ich wünsche euch ein Leben ohne Fußball“

In der zweiten Halbzeit wird Fußballkommentator Wazko, der sich auf die Bundesliga spezialisiert hat und BVB-Fan ist, noch emotionaler. Ein Streamingdienst, der das Spiel zeigt, wird zwischenzeitlich von Russen gehackt, sodass dort kurzzeitig Propagandavideos des russischen Fernsehens laufen. „Brennt in der Hölle, ihr verdammten Orks“, ruft Wazko – mit dem Schimpfwort „Orks“ werden in der Ukraine die russischen Invasoren bezeichnet. „Brennt einfach in der Hölle, ihr Bastarde. Ich wünsche euch, dass ihr bis an euer Lebensende keinen Fußball mehr habt.“ Die Gäste der Kneipe unterstützen Wazko laut, der Videoausschnitt mit seiner Ansage geht noch während des Spiels viral durch verschiedene Telegram-Kanäle.

Ansonsten war die zweite Halbzeit die Geschichte einer Enttäuschung. Die Ukrainer erarbeiteten sich erneut viele Chancen, obwohl sie tatsächlich körperlich etwas schwächer als in der ersten Hälfte wirkten. Doch ein Tor wollte schlicht nicht fallen. In vielerlei Hinsichten erinnerte dieses Spiel an das jüngste Finale der Champions League, was auch unter den Fans diskutiert wurde. Aber auch nach der zweiten Halbzeit gab es noch lauteren Applaus für das Team, welches so kurz vor einem derart wichtigen Sieg auch für die ukrainische Gesellschaft stand. „Na gut, was soll’s, ihr habt geil gekämpft, danke dafür“, war der Tenor gleich nach dem Spiel. Noch eine gute halbe Stunde blieben die Menschen in der Kneipe, bis es wegen der Sperrstunde langsam Richtung nach Hause ging.

Auf die ukrainische Nationalmannschaft warten nun noch drei Spiele der Nations League. Was auf den ukrainischen Fußball wartet, ist dagegen unklar. Sowohl der ukrainische Verbandschef als auch Präsident Wolodymyr Selenskyj wollen, dass die ukrainische Liga im August wieder losgeht – und zwar nicht in Polen, wie diskutiert worden war, sondern in der vergleichsweise sicheren westlichen Ukraine, als Zeichen an das gesamte Land. Am Tag des Spiels gegen Wales besuchte Selenskyj die Stellungen der ukrainischen Truppen an der Front im Donbass. Ob die Durchführung der Meisterschaft unter ständigem russischen Raketenbeschuss wirklich reibungslos möglich ist, bleibt allerdings fraglich.

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