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Warum Spanien für Deutschland so gefährlich ist

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Nur noch ein Sieg bis ins ersehnte Finale: Kapitän Dennis Schröder und seine Teamkollegen wollen im EM-Halbfinale gegen Spanien die nächste historische Basketball-Party feiern. Doch der amtierende Weltmeister ist nach seinem Umbruch eine kaum berechenbare Mannschaft.

Das Thema „Energielevel“ ist ja derzeit ein großes in Sport-Deutschland. Auf die Agenda gehoben vom FC Bayern, der in der Fußball-Bundesliga nach Erklärungen für eine rätselhafte Remis-Serie sucht. Derartige Probleme sind bei einer anderen Mannschaft, die derzeit die Schlagzeilen mitbestimmt, bislang nicht bekannt. Im Gegenteil: Wie die legendären Batterie-Häschen aus der Werbung powern sich Deutschlands Basketballer durch die Heim-Europameisterschaft. Seinen bisherigen Energie-Höhepunkt erreichte das Team um Kapitän Dennis Schröder beim beeindruckenden Sieg gegen Top-Favorit Griechenland um NBA-Superstar Giannis Antetokounmpo.

Weiter, immer weiter, soll es für das DBB-Team gehen. Erstmals seit 17 Jahren ist eine Medaille wieder ganz nah. Ob es am Sonntag um Gold oder Bronze geht, das entscheidet sich an diesem Freitagabend, wenn das Halbfinale gegen Spanien ausgespielt wird (20.30 Uhr live bei RTL, Magentasport und im ntv.de-Liveticker). In all der Euphorie über die zum Verlieben schöne Monster-Leistung gegen Griechenland wird beinahe vergessen, dass der nächste Gegner in Berlin nun immer noch der amtierende Weltmeister ist. Allerdings ist die Sache auch so: Die Mannschaft von heute ist mit jener von vor fast exakt drei Jahren (am 15. September 2019), die den Gegner Argentinien im Finale mit 95:75 völlig an die Wand gespielt hatte, nicht mehr zu vergleichen. Mit Ricky Rubio, Sergio Llull (beide sind verletzt) und Marc Gasol (er ist zurückgetreten) fehlen drei große Helden des Triumphs in China.

Reichlich Ärger um Browns Einbürgerung

Als Favorit waren die Spanier folglich nicht ins Turnier gestartet. Und spätestens als sich die Iberer am 3. Spieltag in der Vorrunde gegen Belgien krachend blamierten (73:83) war jeder Zauber um diese Mannschaft verflogen, ungeachtet der sonst dominanten Erfolg. Nun steht der Weltmeister im Halbfinale. Durchgewackelt in der Runde zuvor gegen Finnland. Und Spanien wird für Deutschland womöglich dennoch deutlich schwerer zu bespielen als Griechenland. Denn das Team hat nicht diesen einen Star, wie etwa die gescheiterten Griechen, Slowenen (mit Luka Doncic) und Serben (mit Nikola Jokic). Spanien besticht als Kollektiv, mit natürlich einzelnen herausragenden Akteuren. Wie etwa den Brüdern Willy (New Orleans Pelicans) und Juancho (Utah Jazz) Hernangómez, wie der unermüdliche Rudy Fernández (Real Madrid), der auch mit 37 Jahren noch immer die ganz wichtigen Würfe trifft. „Unterschätzt mir diese Spanier nicht“, sagt auch Basketball-Experte und RTL-Kommentator Frank Buschmann im Interview mit ntv.de. „Die Spanier beweisen großes Teamplay und sind nicht ausrechenbar.“

Dann ist da auch noch Point Guard Lorenzo Brown (Maccabi Tel Aviv), um dessen Einbürgerung es vor der EM viel Ärger gab. Denn die Sache ist so: Brown ist nahe Roswell in Georgia, also nicht dem Roswell in New Mexico, wo einst ein UFO abgestürzt sein soll, geboren. Von dort hat er in seinem Heimatland USA seinen Weg über die Highschool und das College bis in die NBA (dort setzte er sich indes trotz mehrerer Versuche nicht durch) zurückgelegt – ehe er sein sportliches Glück in Europa fand und zu einem der Topspieler in der EuroLeague wurde. Sein Bezug zu Spanien? Auswärtsspiele mit seinen europäischen Arbeitgebern in Russland und der Türkei. Es gab schon bessere Gründe für die Aufnahme in ein Land. „Ich finde die Entscheidung nicht richtig, einen Spieler einzubürgern, der keinerlei Verbindung zu unserem Land hat“, bekannte sein heutiger Mitspieler Fernández vor gut zwei Monaten. Spaniens Basketball-Legende Pau Gasol spottete gar: „Vielleicht hat er ja hier irgendwo Verwandte.“

„Egal wer bei den Spaniern spielt, sie sind immer da“

Der Ärger und der Spott sind mittlerweile verflogen. Brown ist neben Willy Hernangómez der wichtigste Mann der Spanier. 13,1 Punkte steuert er im Schnitt bei und – noch wichtiger – er liefert über sieben Assists. Gegen Litauen verhinderte er im Achtelfinale (102:94 nach Verlängerung) mit 28 Punkten einen frühen Knockout. Gegen jene Mannschaft lieferte sich auch Deutschland in diesem Turnier den härtesten Fight, gewann ebenfalls erst nach Verlängerung. „Die Spanier wurden vorher nie genannt, sind aber trotzdem Gruppenerster geworden“, sagt Deutschlands Vizekapitän Johannes Voigtmann. „Egal wer bei den Spaniern spielt, sie sind immer da. Sie haben einen sehr guten Trainer, deshalb bin ich nicht wirklich überrascht.“ Und um nun nicht doch böse überrascht zu werden, wünscht sich Voigtmann einen ähnlichen Powerstart wie gegen Griechenland. Wohl wissend, dass diese irren Trefferquoten kaum noch einmal zu wiederholen sind. Wohl wissend, dass solche Energieleistungen eher Ausnahme denn Regel sein können. Aber die nahe Medaille als Antrieb, das scheint körperlich und mentales Ladegerät genug.

Dem deutschen Team mangelt es daher nicht an eigener Alarmbereitschaft. „Sie sind physisch, ein gutes Team. Wir müssen natürlich ready sein“, sagt Dennis Schröder: „Die haben jetzt nicht einen Giannis, aber viele gute Rollenspieler, die auch wirklich 20 Punkte auflegen können.“ Bundestrainer Gordan Herbert legt derweil seinen Fokus auf die Hernangómez-Brüder. Der 2,11 Meter große Willy, so Herbert, sei „echt gut in der Zone, hat gute Hände und macht viele Punkte am Korb.“ Derweil hielte sich sein zwei Jahre jüngerer Bruder „etwas mehr außen auf, wirft den Dreier häufiger und ist da ein X-Faktor. Der kann großartige Spiele erwischen.“

Eine Frage der Ehre – und Energie

Um sie zu stoppen, fordert der Bundestrainer, sei es verdammt wichtig, „über 40 Minuten gut zu verteidigen“, schließlich würden Schröder und Co., siehe oben, nicht immer irrwitzige 54,8 Prozent ihrer Dreier treffen. Der Fokus richtet sich aufs spanische Kollektiv. Quasi ein Spiegel des eigenen Spiels. Das spanische Kollektiv scheint deutlich wehrhafter als das griechische. Die One-Man-Show Antetokounmpo wurde gegen Deutschland lediglich vom giftigen Energizer Giannoulis Larentzakis unterstützt. Die Top-Spieler Nick Calathes oder Tyler Dorsey waren dagegen Totalausfälle.

„Spanien hat eine unglaubliche Basketball-Kultur. Sie spielen guten Basketball. Es ist ein Halbfinale, es wird natürlich ein toughes Spiel“, sagt Johannes Thiemann, ein X-Faktor im deutschen Team. Von der letzten EM vor fünf Jahren blieb ein 72:84 aus deutscher Sicht, darauf will es NBA-Center Daniel Theis nicht beruhen lassen. „Wir können den Moment genießen, aber wir schulden den Spaniern noch was von der EM von vor fünf Jahren“, sagte Theis. Es wird eine Frage der Ehre. Und noch mehr der Energie.

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