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„So trittst du deinem Gegner in den Hintern“

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Basketball-Showdown: Vor dem EM-Halbfinale des DBB-Teams gegen Spanien analysieren die Kommentatoren Frank Buschmann („Buschi“) und Florian Schmidt-Sommerfeld („Schmiso“) im launigen Doppel-Interview mit ntv.de die deutschen Chancen. Es geht um Buschmanns Basketball-Comeback, „irre“ deutsche Fähigkeiten, den Vergleich von NFL mit NBA und Co. – und berühmte Schreie.

Herr Buschmann, muss sich ganz Sport-Deutschland Sorgen machen, dass Sie heute Abend den Löffel abgeben?

Frank Buschmann: Nein, überhaupt nicht. Ich weiß gar nicht, was die Leute denken. Ich habe seit vielen Jahren einen Blutdruck von 120/80, ich habe gute Blutfettwerte und bin fit. Eventuell habe dann ich eine belegte Stimme. (Flüstert) Das liegt daran, dass ich als Kommentator dieses Flüstern so liebe.

„Schnappatmung“ könnten Sie beim EM-Halbfinale der deutschen Basketball-Nationalmannschaft gegen Spanien (20.30 Uhr/RTL) „nicht ausschließen“, sagten Sie am Mittwoch.

Florian Schmidt-Sommerfeld: Wie immer. (lacht)

Buschmann: Gib mir ein 120:60 für Deutschland und dann muss sich keiner Sorgen machen, weil ich dann anders kommentiere. Aber wie müsste ich geartet sein, wenn ich so ein Spiel wie das gegen Griechenland am Dienstag so kommentiere wie „Professor Haberkupf“ vor seinen Studenten. Das funktioniert nicht. Ich fühle eben Emotionen und die will ich weitergeben. Das Ereignis macht den Kommentar.

Herr Schmidt-Sommerfeld: Wann machen Sie sich denn mehr Gedanken um Ihren Kollegen: Wenn er bei einem spektakulären Korb emotional mitgeht und ausrastet oder wenn er mal gar nichts sagt?

Schmidt-Sommerfeld: In der Tat ist es generell im Leben gefährlicher, wenn er leise wird (lacht). Spaß beiseite: Buschi schreit seit so vielen Jahren durch die Landschaft, da mache ich mir keinen Kopf mehr. Er tut’s ja an den richtigen Stellen. Am Dienstag war er ja fast glückselig, weil er so etwas noch mal erleben durfte.

2011 hatten Sie, Herr Buschmann, Ihre Berichterstattung von der deutschen Nationalmannschaft aufgegeben. Was hat sich nun geändert?

Schmidt-Sommerfeld: Er hat ja selber nicht mit einem Comeback gerechnet. Vor einer Woche wäre das noch undenkbar gewesen. Das mit dem Basketball war jetzt einfach naheliegend, auch wenn er es selbst zunächst nicht sehen wollte.

Buschmann: Dass mein Heimatsender RTL plötzlich Basketball überträgt, war am Montag wirklich noch undenkbar für mich. Ich habe keine Sekunde darüber nachgedacht. Selbst als die Chefs mich kontaktiert haben, ging es zunächst nur um meine Einschätzung bezüglich eines möglichen Erfolgs einer spontan ins Programm aufgenommenen Basketball-Übertragung.

Was ist dann passiert?

Buschmann: Ich habe gesagt, dass Sport unberechenbar ist und dass Einschaltquoten von einer bis zweieinhalb Millionen Menschen möglich, aber natürlich nicht sicher sind. Wäre das Spiel gegen Griechenland anders verlaufen, wäre die Quote deutlich geringer ausgefallen. Als dann ich dann am Dienstagfrüh für die Übertragung am Abend angefragt wurde, habe ich kurz gezuckt und habe gesagt: Die Mannschaft macht mir so viel Spaß, es ist das EM-Viertelfinale gegen Griechenland. Was daraus geworden ist, hab ich auch nicht für möglich gehalten. Ich habe fast Tränen vergossen lange nach der Übertragung. Aber es geht dabei nicht um mich, sondern um die Nationalmannschaft, die uns allen ganz viel Spaß macht.

Gutes Stichwort. EM-Halbfinale gegen Spanien – das gab es 2005 schon einmal.

Schmidt-Sommerfeld: Da war ich 15 Jahre alt. Ich habe damals alle Spiele gesehen, aber weil es solange her ist, verschwimmen meine Erinnerungen miteinander. Die Gefühle und der schreiende Buschmann sind aber noch in mir drin.

Buschmann: Ich habe natürlich einen speziellen Halbfinal-Moment. Der Ball ist bei Nowitzki, da muss er auch hin. Kurze Schweigesequenz. (Kommentiert) ‚Drin! Und jetzt: Verteidigen! Verteidigen! … Auszeit.‘ Das war das 74-73 durch Dirk Nowitzki auf dem linken Flügel. Wenn es heute Abend heißt -‚Schröder ins Gesicht von Brown. Deutschland steht im Finale.‘ – dann habe ich nichts dagegen.

Deutschland besiegte damals vor 17 Jahren die starke spanische Mannschaft. Wieso könnte es diesmal wieder klappen?

Buschmann: Diesmal gibt es den krassen Unterschied, dass die deutsche Mannschaft total unberechenbar ist. Jeder wusste 2005, und das macht es natürlich noch größer von Nowitzki, wo der Ball hinkommt und er macht ihn trotzdem rein. Das soll nicht die besondere Leistung des Teams damals schmälern, da haben sich Top-Spieler geschlossen hinter Nowitzki versammelt, aber die Vorhersehbarkeit hat vielleicht die ganz großen Erfolge verhindert. Heute weißt du einfach nicht, was bei den Deutschen passiert. Maodo Lo war offensiv kein großer Faktor im Spiel gegen Griechenland, aber er könnte gegen Spanien heißlaufen. Dennis Schröders größte Leistung ist, dass er gelernt hat zu teilen. Er hat verstanden, statt 25 Kilo im Rucksack auf dem Rücken nur fünf zu tragen. Lo, Franz Wagner, Johannes Thiemann, Daniel Theis, Johannes Voigtmann: Die sind alle da und die können alle scoren. Wir haben jetzt nicht mehr diese Überfigur wie Nowitzki damals, aber einen super Leader in Schröder, der sich auf sein Team verlassen kann.

Warum wird es nicht leicht gegen die Spanier, die bei der EM ohne einige Topstars angetreten sind?

Buschmann: Unterschätzt mir diese Spanier nicht. Ich habe mich selbst dabei ertappt, weil es nicht mehr die „Goldene Generation“ ist. Nur Rudy Fernández ist noch dabei, der kann einer gegnerischen Mannschaft richtig wehtun. Außerdem sind noch drei Lange aus der NBA am Start, die Hernangómez-Brüder und Usman Garuba. Das ist richtige Power!

Ähnlich wie bei Deutschland gibt es also nicht mehr den einen Überspieler wie einst Pau Gasol.

Buschmann: Genau, und auch die Spanier beweisen großes Teamplay und sind nicht ausrechenbar. Aufbauspieler Lorenzo Brown muss man auch im Auge behalten. Seine Geschichte ist besonders spannend, weil die Spanier so stolz auf ihre Akademien sind: Dann bürgern sie aber einen US-Amerikaner ein, der nur eine sehr mäßige Verbindung zu Spanien und damit zu ihrer Basketball-Ausbildung hat. Da gab es Riesenwiderstände in der Basketball-Nation, auch Spieler beschwerten sich. Aber Brown setzte sich durch und jetzt trägt er in den entscheidenden Phasen das Team. Ich hoffe, dass nicht ausgerechnet dieser Spanier uns fürchterlich wehtun wird.

Herr Buschmann, sie sagten nach dem Griechenland-Spiel, die zweite Hälfte wäre das „beste Spiel einer deutschen Basketball-Nationalmannschaft überhaupt“ gewesen. Was soll da jetzt noch kommen?

Buschmann: Das gleiche noch mal, aber über 40 Minuten.

Schmidt-Sommerfeld: (lacht)

Buschmann: Dann gewinnen die Deutschen gegen Spanien.

Schmidt-Sommerfeld: Ich finde es extrem faszinierend, dass die Mannschaft immer einen Weg findet zu gewinnen und dem Gegner den Schneid abzukaufen. Zum Beispiel dieser 20-zu-1-Lauf im dritten Viertel. Das war absolut irre. Man hat immer das Gefühl, das was geht. Die Basis ist die Verteidigung, aber nun hat das Team gezeigt, dass sie auch bei einem Shootout mitgehen können.

Haben Sie Angst, dass es nach dem Griechenland-Highlight zu einem Spannungsabfall kommt?

Schmidt-Sommerfeld: Ich habe nach dem Spiel in der Mixed-Zone Andreas Obst in die Augen geschaut, die Partie war ja sein Karriere-Highlight, und er sagte mir: „Wir haben unser Ziel noch nicht erreicht. Das Ziel ist eine Medaille.“ Die Jungs sind extrem fokussiert, die wollen das Ding nach Hause bringen.

Buschmann: Das Gute ist, dass es warnende Beispiele gibt. Die Italiener hauen in einer emotionalen Atmosphäre den Topfavoriten Serbien raus und verlieren dann gegen Frankreich. Das wissen die deutschen Spieler natürlich. Aber ich sehe die Gefahr trotzdem. Das sind ja Menschen. Dieses große Spiel gegen Griechenland, die Atmosphäre in der Halle – das geht an denen ja nicht spurlos vorüber.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Buschmann: Ich gehe mal weit zurück, da kann der Schmiso sich nicht dran erinnern. Bei der EM 1993 hat Deutschland Erfolge über Griechenland, Spanien und andere Übermächte im Basketball gefeiert. Von Spiel zu Spiel dachte man: Mehr geht jetzt nicht, die können nach diesem Erfolg nicht auch noch die nächste Truppe schlagen. Am Ende ist die Mannschaft Europameister geworden. Jetzt haben wir eines der talentiertesten Teams des Turniers, da genau diesen Spirit verinnerlicht hat. Also warum soll das nicht möglich sein?

Stichwort Spirit und Teamchemie: Jeder rackert für den anderen – wieso muss sowas heutzutage im Profisport noch herausgestellt werden, wo es doch eigentlich Normalität sein sollte?

Buschmann: Heute sitzen viele Spieler in der Kabine – wo früher noch das Spiel besprochen wurde – bekommen vom Agenten das erste Highlight-Reel aufs Hand geschickt und jagen das bei Instagram hoch. Klar, Zeiten ändern sich und ich mache den Spielern keinen Vorwurf. Die sind heute Ich-AGs. Aber für mich als Teamsportler ist das großer Mist. Ich würde das als Coach verbieten, aber vor allem in der NBA ist das bestimmt nicht einfach. Auch wenn das total romantisch und naiv klingt: Wenn du das Gefühl hast, du hast eine Truppe von Kumpels, dann ziehst du daraus die zehn Prozent mehr, die dein Gegner nicht hat und trittst ihm in den Hintern.

Sie sagten, der Griechenland-Sieg sei für Sie „Weihnachten, Ostern und Silvester an einem Tag“ – was wäre dann der EM-Titel, live im Free-TV?

Buschmann: So billig es klingt: Ein Traum wird wahr. Und vielleicht würde dadurch Basketball-Deutschland mal richtig wachgeküsst – und zwar mal länger als drei Tage. Aber erstmal kommt das Halbfinale.

Schmidt-Sommerfeld: Das wäre auch endlich ein frisches Stück Geschichte. Für meine Generation sind die alten Erfolge zu lange her und Basketball ist ein junger Sport. Es wird mal wieder Zeit.

Ganz ehrlich: Haben Sie vor der EM der deutschen Mannschaft eine Medaille zugetraut?

B: Nein.

Wurde das Team unterschätzt?

Buschmann: Unterschätzt habe ich die Deutschen nicht, ich wusste von ihrem Talent. Aber man muss nur auf die Kader der anderen Teams gucken. Serbien mit Nikola Jokic und vielen Euro-League-Spieler, Slowenien mit Luka „Magic“ Doncic, Griechenland mit Giannis Antetokounmpo, einem der besten Basketballer auf dem Planeten. Jetzt kommen Leute um die Ecke und sagen: „Der Buschmann hat ja keine Ahnung, der hat auf Serbien getippt“. Das sind die, die tippen, wenn das Ergebnis feststeht. Das nervt mich total. Ich wusste also nicht, was ich den Deutschen wirklich zutrauen kann, aber im Laufe des Turniers haben sie mir gezeigt, dass sie eine geile Mannschaft sind.

Sie beide haben einen großen Teil dazu beigetragen, die NFL in Deutschland populärer zu machen: Kann das gleiche auch mit Basketball passieren?

Buschmann: Boah, das ist schwierig, aber die Antwort lautet: Nein. Das wird in Deutschland nicht funktionieren. Leider. Basketball kann mit der Nationalmannschaft ein Sport-Event werden, das bei großen Turnieren die Massen anziehen kann. Das ist aber natürlich abhängig vom Erfolg, denn es reicht nicht eine Eventisierung zu betreiben, wenn am Ende Polen gegen Frankreich im Finale spielt. Die NFL ist anders, sie ist etwas Fernes und Unbekanntes. Ein perfekter, showmäßig aufgemachter und knüppelharter Sport-Event mit nur 18 Spieltagen. Die NBA, die Basketball-Bundesliga, oder die EuroLeague haben viel mehr Spiele und bieten weniger Spektakel. Spieltag 27 in der NBA ist ein Furz im All.

Schmidt-Sommerfeld: Damals waren die NFL-Fans erstmal dankbar, dass die Spiele im freien Fernsehen empfangbar waren. Das habe ich im Basketball selten wahrgenommen. Da kommen oft kritische Stimmen, die sagen: „Zeigt erstmal, dass ich davon überhaupt Ahnung habt.“

Buschmann: Am Ende war es das geile Produkt, das die NFL in Deutschland bekannter gemacht hat. Nicht ich, nicht Schmiso, nicht Patrick Esume, nicht Björn Werner, nicht die Sender.

Schmidt-Sommerfeld: Im Football gibt es auch nur eine relevante Liga. That’s it. An die NFL kommt niemand auch nur annähernd ran, dazu gibt es keine Nationalmannschaften und Turniere. Das ist bei keinem anderen Sport so. Im Gegensatz zum Basketball ist es bei der NFL also leichter im Thema zu bleiben. Wenn dich Basketball jetzt angefixt hat, dann fragst du dich ab Oktober: Was gucke ich jetzt? BBL, EuroLeague, NBA, Champions League, EuroCup? Das kann ein Fernsehsender auch gar nicht alles kanalisieren.

Herr Buschmann, angeblich wollen Sie 2023 als Kommentator aufhören. Was aber, wenn ein TV-Sender im kommenden Jahr mit Ihnen doch die Basketball-Bundesliga und die NBA-Playoffs groß aufziehen will?

Buschmann: Moment, da muss ich mal mit einem Gerücht aufräumen: Ich habe nur gesagt, dass ich mit Fußball aufhören werde. Vielleicht mache ich in Zukunft auch Snooker für Eurosport (lacht). Ich bin nach wie vor Sport-Fan und Sport-Enthusiast, da kann noch Verrücktes kommen. Aber die NBA-Playoffs laufen bei uns mitten in der Nacht, da kann ich jedem Sender nur von abraten. Wir sind auch noch nicht weit genug für die Basketball-Bundesliga im Vollprogramm. Das Einzige, wo ich eine Chance sehe, wären starke deutsche Teams in der EuroLeague und dann gibt es dienstags und donnerstags um 20.15 Uhr eine Übertragung.

Ich glaube aber, dass es möglich ist, die Ligen über Streamingdienste weiter zu etablieren. Und wenn dann etwas Großes passiert, dann kann ein Free-TV-Sender draufgehen. Wie jetzt beim EM-Halbfinale am Abend.

Mit Frank Buschmann und Florian Schmidt-Sommerfeld sprach David Bedürftig

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