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Schröders Meisterwerk verpufft in 7:44 Minuten

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30 Punkte erzielt Dennis Schröder im Halbfinale der Eurobasket, ist lange der herausragende Spieler des Duells mit Weltmeister Spanien. In der Schlussphase aber versucht es Deutschlands Gegner mit einer neuen Defensivtaktik – und bricht damit nicht nur Schröders Rhythmus.

Dennis Schröder schlich als Letzter der deutschen Basketballer vom Feld. Am Dienstag, nach dem glorreichen Viertelfinalerfolg gegen Griechenland, hatte er dort noch ein paar Momente mit seinen Kindern gespielt. Nun aber war er allein, als er langsam in Richtung der Katakomben trottete. Sichtbar erschöpft von den Strapazen und der Last, die er in diesem hochklassigen Eurobasket-Halbfinale auf sich genommen hatte. Angetrieben von Schröder hatte die DBB-Auswahl sich vor dem Schlussviertel einen Sechs-Punkte-Vorsprung herausgespielt, ehe die Spanier entscheidend aufdrehten – und in den letzten Minuten dieses 91:96 (51:46) das Meisterwerk zerstörten, an dem der 29-Jährige so hart gearbeitet hatte.

30 Punkte legte der Kapitän der deutschen Mannschaft an diesem Abend auf. Und nicht nur die 14.000 Fans, die sich nahe der Oberbaumbrücke in der Arena im Osten Berlins eingefunden hatten, schlugen dabei immer wieder fassungslos die Hände vors Gesicht. Auch Sergio Scariolo, als Trainer der Spanier immerhin schon dreimal Europameister und amtierender Weltmeister, riss die Arme in die Luft. Allerdings nicht aus Freude darüber, dass Schröder in den ersten Minuten mit seinem unwiderstehlich schnellen Drive früh zu Punkten kam, sondern aus Unmut. „Was ist denn los mit euch“, schien er sein Team zu fragen, „ihr wisst doch, was da auf euch zukommt.“

Schließlich ist es längst kein Geheimnis mehr, dass der 29-Jährige einer der schnellsten Point Guards im internationalen Basketball ist. Gegen Spanien zeigte er erneut, dass es bei dieser Europameisterschaft niemanden gibt, der ihn aufhalten kann, wenn er erstmal Tempo aufgenommen hat. Exemplarisch dafür steht eine Szene Mitte des zweiten Viertels. Schröder bittet seinen Verteidiger zum Eins-gegen-Eins und schließt trotz Foul erfolgreich ab. Zwei Punkte, dazu ein Bonusfreiwurf, begleitet von unüberhörbaren MVP-Rufen. Es ist sein vielleicht bestes Spiel für die „Natio“ in einem Turnier, in dem er eine sehr gute Leistung nach der anderen zeigt.

Die Verfolgung zeigt Wirkung

Diesmal sind es 9 Punkte nach dem ersten Viertel, 19 nach dem zweiten, 28 nach dem dritten. Zum Start in den vierten und letzten Abschnitt führt Deutschland mit 71:65. Die folgenden Minuten sollen darüber entscheiden, wer am Sonntag um den Europameistertitel spielt und wer um die Bronzemedaille. Franz Wagner erzielt die ersten vier Punkte fürs DBB-Team, dann schüttelt Schröder seinen Bewacher Alberto Diaz ab. Der Korbleger zum 77:70 sitzt, es wirkt, als würde der Spielmacher noch einmal Tempo aufnehmen für den Schlussspurt. Während sich der Rest des Kaders mit der aufmerksamen spanischen Defensive schwertut, reißt Schröder immer wieder Lücken.

7:44 Minuten sind nach diesem Korb noch zu spielen – und den Spaniern gelingt es, Schröder bis zum finalen Buzzer von weiteren Punkten abzuhalten. Scariolo verordnet seiner Mannschaft in der Defensive ein sogenanntes Box-and-one: Vier Spieler verteidigen den Raum, einer verfolgt seinen Mann übers ganze Feld. Dieser Verfolgte ist Dennis Schröder. Das Ziel: Schröder aus dem Spiel nehmen und damit den kreativen Kopf der deutschen Offensive. Und der Plan geht auf. Nach dem 77:70 trifft erst Lorenzo Brown zweimal, während Maodo Lo vergibt, Juancho Hernangomez gleicht per Dreier aus. 77:77 und noch 6:27 Minuten auf der Uhr.

Johannes Thiemann wird geblockt, Usman Garuba trifft seine Freiwürfe, Franz Wagner den Dreier nicht, Garuba aber wieder seine Freiwürfe. Nick Weiler-Babb verfehlt den Dreier, Juancho Hernangomez trifft für zwei, Daniel Theis nicht, Juancho Hernangomez dunkt erfolgreich. 77:83, noch 4:04 Minuten zu spielen. Ein brutaler 0:13-Lauf, von dem sich die deutsche Mannschaft nicht mehr erholt. „Die Spanier machen einen sehr guten Job, immer wieder etwas anderes in der Defense zu machen“, sagt Franz Wagner anschließend, mit 15 Punkten zweitbester DBB-Scorer: „Da ist ein bisschen schwer, in den Rhythmus zu kommen.“

In den Schlussminuten scheinen der deutschen Mannschaft nicht nur die Ideen, sondern auch die Luft auszugehen. Schröder spielt in der zweiten Halbzeit 19:57 Minuten von 20:00, irgendwann ist selbst der unermüdliche Antreiber erschöpft. Weiler-Babb steht nach dem Seitenwechsel 17 von 20 Minuten auf dem Feld, nach seiner Schulterverletzung wirkt er auch am Ende platt. Die harte Defensivarbeit, seine Hauptaufgabe, fällt ihm dadurch sichtbar schwerer. Franz Wagner versucht, die Schröder-Lücke zu füllen, trifft letztlich aber nur einen seiner sechs Dreierversuche.

Gute Nachrichten für Schröder aus Los Angeles

„Wir haben uns im letzten Viertel um die Position gebracht, dass wir das Ding nach Hause bringen können“, sagt Schröder hinterher. Die Chance auf das erste EM-Finale seit 2005, als die Mannschaft um Turnier-MVP Dirk Nowitzki erst im Endspiel an Griechenland scheiterte, war da. Die Chance darauf, nach 1993 den zweiten internationalen Titel zu gewinnen, greifbar. Um diese zu nutzen, sei jedoch vor allem die Defensive „nicht gut genug“ gewesen, sagt Bundestrainer Gordon Herbert anschließend. Doch es fällt schwer, ihn und die Mannschaft deshalb zu kritisieren. Kaum jemand hatte der DBB-Auswahl zugetraut, unter die besten Vier Europas vorstoßen zu können und dabei auch noch begeisternden Basketball zu spielen.

Dabei hatte sie sich selbst genau diesen Lauf zugetraut, der sich in den vergangenen 14 Tagen erst in Köln und jetzt in Berlin materialisiert hat. „Wir haben uns eine Medaille zum Ziel gesetzt“, wiederholte Herbert deshalb „bei aller Enttäuschung“ die Maßgabe, „und möchten diese am Sonntag jetzt auch holen.“ Dann geht es um 17.15 Uhr (live bei RTL, MagentaSport und im Liveticker bei ntv.de) gegen Polen, die im ersten Halbfinale Frankreich mit 54:95 (18:34) von Anfang an hoffnungslos unterlegen waren.

„Das Turnier ist nicht vorbei“, sagt deshalb auch Schröder, der sich mit seinen starken Leistungen bei der Eurobasket – im Schnitt 21,6 Punkte und 7,3 Assists – auch für einen neuen Vertrag in der NBA empfehlen möchte: „Wir haben noch ein Spiel.“ Eines, in dem es um die vierte Medaille der DBB-Historie nach EM-Gold 1993, WM-Bronze 2002 und EM-Silber 2005 geht. Und für Schröder sicherlich auch darum, seine Entwicklung zum erfolgreichen Leader dieser deutschen Mannschaft erfolgreich zu beschließen.

Vermutlich auch mit dem Schwung der Nachricht, die am späten Abend über Twitter eintrudelt. „Dennis Schröder wird einen Vertrag bei den Los Angeles Lakers unterzeichnen“, twittert der üblicherweise herausragend informierte Shams Charania. Diese Klarheit sollte dabei helfen, die Maßgabe von Bundestrainer Herbert zu erfüllen: „Wir müssen uns sortieren und am Sonntag wieder bereit sein.“ Um diese bisweilen berauschende Eurobasket mit einem Erfolgserlebnis zu beenden.

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