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Schiedsrichter kann „One Love“-Binde eigentlich nicht bestrafen

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Die Kapitänsbinde wird zu einem Riesenaufreger bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Die FIFA macht aus ihr ein Politikum, obwohl doch alles Politische aus dem Sport herausgehalten werden soll. Die Verantwortung wälzt der Weltverband dabei auf die Schiedsrichter ab. Dabei haben die formal gar keine Handhabe.

Manuel Neuer wird die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Katar als Kapitän auf den Rasen führen. Viele Augen werden dabei auf seinen Arm gerichtet sein, auf das kleine Stück Stoff, das er als Kapitänsbinde umgebunden haben wird. Denn dieses kleine Stück Stoff sorgt für riesengroße Aufregung.

Die „One Love“-Armbinde, die der niederländische Verband KVNB ins Leben gerufen hatte und der sich sieben Verbände, die bei der WM spielen, angeschlossen hatten, ist nämlich ein irres Problem für den Weltverband FIFA. So ein großes, dass sie verboten wurde. „Für FIFA-Finalwettbewerbe muss der Kapitän jeder Mannschaft eine von der FIFA gestellte Armbinde tragen“, heißt es laut Artikel 13.8.1 der Ausrüstungsregeln. Die FIFA unterstütze Kampagnen wie „One Love“, aber dies müsse im Rahmen der allen bekannten Regeln erfolgen. Zwei Tage vor WM-Start hatte die FIFA für dieses Turnier wie zuvor für andere solche eigenen Binden aus dem Hut gezaubert. Da war die „One Love“-Binde seit Monaten bekannt, die FIFA hatte bis dahin keinen Einwand ausgesprochen.

Die Verbände beugten sich dem Druck der FIFA, knickten ein, weil „sportliche Sanktionen“ angedroht worden waren. Von Gelben Karten ist die Rede, gemunkelt wird zudem über weitere Ungewissheit bezüglich der Strafen. Doch warum sollte es für eine Kapitänsbinde, die Liebe für alle und Gemeinschaft vermittelt, überhaupt eine Gelbe Karte geben?

Schiedsrichter-Experte Alex Feuerherdt von „Collinas Erben“ erklärt gegenüber ntv.de, dass es keine regeltechnische Grundlage für das Verteilen von Gelben Karten gibt. Das betont auch Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich: „Ich suche nach der Regelgrundlage für die Entscheidung seitens der Fifa, das Tragen der ‚One Love‘-Binde mit Gelb zu sanktionieren. Ich finde sie nicht“, twitterte der 43-Jährige.

„Traurig und unfassbar!“

In der Regel vier zur Ausrüstung der Spieler steht zwar, dass keine politischen Botschaften gezeigt werden dürfen, doch eine Bestrafung durch den Schiedsrichter gebe es nur, wenn eine Aufschrift beleidigend oder provozierend ist. „One Love“ fällt definitiv nicht darunter. „Wenn jemand mit einer ‚One Love‘-Binde kommt, ist das doch sogar den Respekt fördernd und damit laut Regel vier im Regelwerk ausdrücklich erlaubt“, so Feuerherdt. Eine Umdeutung, dass „One Love“ im Kontext der Weltmeisterschaft in Katar verhöhnend gemeint sei, würde wiederum die offiziellen Werte der FIFA widerlegen.

Es gebe immer wieder Situationen, in denen die Botschaft unklar ist, der Schiedsrichter mit dem Aufdruck nichts anfangen könne, so Feuerherdt. Dementsprechend könne er auch nicht sanktionieren, würde aber einen entsprechenden Vermerk im Protokoll anfertigen, das an den Veranstalter geht. Der müsse dann entscheiden, wie zu verfahren ist und ob eine nachträgliche Strafe angezeigt ist. Doch damit würde das Spiel ohne Sanktionierung über die Bühne gehen, Spielstrafen für den jeweiligen Kapitän wie Neuer oder auch Englands Harry Kane und Virgil van Dijk aus den Niederlanden gäbe es nicht.

Feuerherdt sagt daher klar: „Ich bezweifle, dass die Anweisung an die Referees, das Tragen dieser Binde mit Gelb zu ahnden, vom Regelwerk gedeckt ist.“ Möglich sei das seiner Meinung nach nur, wenn die FIFA es entsprechend verfügt und die Schiedsrichter sich der Anweisung nicht widersetzen. Ittrich sagte deutlich: „Alle werden instrumentalisiert. Traurig und unfassbar! Auch hier nur indirekt ohne Grundlage für Gelb, oje!“

FIFA droht mit unklaren Sanktionen

Selbst wenn ein Schiedsrichter etwa Neuer dennoch mit Gelb bestrafen würde, ist fraglich, was anschließend passiert. Sollte sich Neuer weiterhin weigern, die Binde abzunehmen, dürfe er nicht ein zweites Mal für dasselbe „Vergehen“ sanktioniert werden, so besagen es die Regeln. Feuerherdt nannte als Vergleich das Beispiel eines Torwarts, der sich weigert, bei einem Elfmeter auf die Linie zu gehen. Zunächst einmal würde er mit Gelb verwarnt werden, weigert er sich weiterhin, würde der Schiedsrichter den Kapitän des Teams auffordern, seinen Torhüter anzuweisen, auf die Linie zu gehen, sonst würde das Spiel abgebrochen. Ein Spielabbruch sei in diesem Fall gerechtfertigt, da die Partie ohne die Ausführung des Elfmeters nicht fortgeführt werden könne. Eine Kapitänsbinde aber behindert das Spiel nicht, dementsprechend sei ein Spielabbruch nicht verhältnismäßig, so Feuerherdt.

Möglich sei weiterhin, dass die Kapitänsbinde nach einer Gelben Karte für Neuer an einen Teamkollegen weitergegeben werde, dieser die Binde dann nach seiner Gelben Karte wiederum weiterreicht. Irgendwann wären alle Spieler mit Gelb verwarnt, aber das durchzuziehen, ist eine Posse für sich. Das Spiel würde sich nur ewig verzögern, das Problem nicht endgültig geklärt, da sich die für die FIFA so anstößige Binde weiterhin auf dem Platz befindet.

Das Problem geht aber noch tiefer, denn die FIFA nutzt ihre Macht aus. „Wir haben keinerlei konkrete Hinweise darauf, wie die Sanktionen aussehen könnten. Auch das ist sehr befremdlich“, sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Auch Feuerherdt betont, dass der Weltverband theoretisch beliebig scharf sanktionieren kann. Geldstrafen hätten die beteiligten Verbände wie der DFB in Kauf genommen, doch sogar ein Turnierausschluss sei in der Theorie möglich. Die Nationalteams haben dagegen kaum Handlungsmöglichkeiten. In letzter Konsequenz bliebe nur, die Teilnahme zu verweigern.

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