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Schalkes Trainerposse um Udo Lattek

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Ihren Coach Alex Ristic hatte die Schalker Mannschaft gerade aus dem Amt gekippt. Nun sollte Klaus Fischer das Traineramt vor 30 Jahren eigentlich dauerhaft übernehmen – doch plötzlich hatte „Sonnenkönig“ Eichberg einen neuen Plan. Und der war unerwartet spektakulär.

„Das ist doch ein Scherz!“ Schalkes Idol Klaus Fischer hatte die Nachricht vor genau 30 Jahren nur hintenherum über ein paar Freunde erfahren – und war nun verständlicherweise mächtig sauer. Eigentlich sollte der Interimstrainer der Königsblauen zur neuen Saison den Posten des Chefcoachs auf Schalke übernehmen, doch Präsident Günter Eichberg war die Sache „zu heiß“ geworden. Noch immer hatte der DFB für Klaus Fischer, den Trainer ohne Lizenz, keine Genehmigung erteilt – und nun war für den „Sonnenkönig“, wie man den schillernden Vorsitzenden der Königsblauen getauft hatte, der Moment gekommen, für Klarheit zu sorgen. Und Eichberg hatte tatsächlich einen Plan. Einen ziemlich spektakulären noch dazu.

Denn eigentlich hatte der damals erfolgreichste Vereinstrainer der Welt, Udo Lattek, erst kurz zuvor seine Karriere als Fußball-Übungsleiter unmissverständlich und endgültig als beendet erklärt: „Ich habe keine Lust mehr, den Affen zu machen. Wenn ich Trainer bin, muss ich mit den Spielern leben, leiden, schwitzen. Aber es interessiert mich nicht mehr, ob der mit rechts oder links flankt.“ Dieser Schritt war nur konsequent gewesen, weil Lattek schon vier Jahre zuvor gemeint hatte, dass er nicht mehr auf der Trainerbank sitzen möchte: „Der Platz ist einfach zu hart für mich geworden.“ Und so hatte der mehrfache Meistercoach damals mitten in der Saison für ein respektables Monatsgehalt von 50.000 Mark die Seiten gewechselt und als Kolumnist bei der neuen Wochenzeitschrift „Sport Bild“ angefangen: „Ich schreibe selbst oder lasse schreiben. Aber sicher ist, dass kein Wort von mir erscheint, das ich nicht kontrolliert und abgesegnet habe. Ich bin doch kein kleiner Dummer!“

„Er behandelt Menschen wie Material“

Dass es überhaupt zu dieser speziellen Situation auf Schalke gekommen war, hatte daran gelegen, dass sich die Mannschaft Ende April 1992 geschlossen gegen ihren Trainer, den Bosnier Alex Ristic, gestellt hatte – mit beeindruckenden 19:0 Stimmen in einem internen Votum. Zwar hatte Präsident Eichberg dem erfolglosen Tyrannen („Im menschlichen Bereich gibt es erhebliche Probleme. Er behandelt Menschen wie Material“, Schalkes Abwehrrecke Günter Güttler) noch versprochen, die Sache wieder geradezubiegen, doch nach einem nur viertelstündigen Gespräch mit dem Team in der Kabine musste auch der „Sonnenkönig“ zähneknirschend einsehen, dass er gegen die „miesen Sausäcke“ (O-Ton Eichberg) keine Chance hatte. Und so übernahm Klaus Fischer interimsmäßig erst einmal die Mannschaft.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher „Chronist des Fußballwahnsinns“ und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er montags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen („Zwischen Puff und Barcelona“) gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Doch weil der Vize-Weltmeister noch keine Trainerlizenz hatte, verpflichtete Eichberg über Nacht den damals 57-jährigen Lattek, der doch eigentlich gar kein Trainer mehr sein wollte. Der vielfache Meistercoach erklärte die Beweggründe für seinen Sinneswandel: „Obwohl ich wirklich mal geglaubt hatte, es wäre vorbei für mich. Doch dann kommt mit der Zeit die Überlegung: Das Einzige, was ich im Fußball machen kann, ist Trainer – und sonst nichts. Ich bin kein Bürositzer, das ist nicht meine Welt. Ich bin ein Berufsidiot. Es wäre fürchterlich, wenn ich wieder als Lehrer in die Schule ginge. Nein, Fußball – und speziell die Bundesliga – ist wie eine Droge.“ Und weil Lattek das wusste, malochte er auf Schalke fast für lau, wie Präsident Günter Eichberg bei der Vorstellung des Erfolgscoachs freudestrahlend in die Kameras hauchte.

Prämien statt Festgehalt

Wie üblich hatte der Besitzer mehrerer Krampfadern-Kliniken handschriftlich einen Vertrag mit seinem neuen Übungsleiter aufgesetzt und danach gerührt verkündet: „So etwas wie den Udo Lattek habe ich in diesem Fußballgeschäft noch nicht erlebt. Ein wirklich menschlich feiner Typ. Er arbeitet hier in Schalke quasi umsonst.“ Und quasi war auch das entscheidende (Stich-)Wort. Denn Lattek bekam tatsächlich nicht das sonst übliche Monatsgehalt, sondern verschiedene Zahlungen zu bestimmten Anlässen. Erst einmal 100.000 Mark Startgeld, dann 8000 Mark pro Punkt und eine Mark für jede verkaufte Heimspielkarte (Zuschauerschnitt auf Schalke zu dieser Zeit: knapp 55.000). Zusätzlich eine Suite im Maritim-Hotel, freies Telefonieren und die Nutzungskosten für den eigenen PKW inklusive. Die Prämie von einer Million Mark für den UEFA-Cup-Platz und 1,5 Millionen Mark Erfolgshonorar für einen Platz vor Borussia Dortmund am Ende der Saison kassierte Lattek allerdings wegen anhaltender Erfolglosigkeit schließlich nicht mehr.

Um den Trainer zu finanzieren, schloss Schalke einen speziellen Deal mit seinem Trikot-Sponsor ab. Und so trug Lattek fortan an der Seitenlinie eine Mütze eines großen Milchproduktefabrikanten und einen feschen, sehr bunten Trainingsanzug. Die lebende Litfaßsäule Lattek prägte sich in dieser Zeit nachhaltig als ein legendäres Bild der Bundesligageschichte ein. Doch nur wenige Monate später, im Januar 1993, war auch das Kapitel des Udo Lattek auf Schalke bereits wieder beendet – und die Chaos-Tage auf Schalke gingen mit der ebenfalls äußerst speziellen Verpflichtung des ehemaligen Trainers des FC St. Pauli, Helmut Schulte, von Neuem los.

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