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Müde DFB-Elf macht Riesenschritte Richtung Krise

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Vier Unentschieden aus den letzten vier Spielen vertreiben die Aufbruchsstimmung unter Bundestrainer Hansi Flick. Der bleibt zwar weiterhin ungeschlagen, steht aber wenige Monate vor der WM in Katar vor zahlreichen Rätseln. Das 1:1 in Ungarn ist ernüchternd.

Zwei Unentschieden in Italien und gegen England, vorher schon eins gegen die Niederlande. Kann die Fußball-Nationalmannschaft plötzlich nicht mehr gewinnen? Gegen Ungarn wollte die DFB-Elf sich endlich wieder belohnen und den ersten Dreier in der weiterhin umstrittenen Nations League einfahren. Ein Gegner auf Augenhöhe, wie es aus dem Umfeld der Nationalmannschaft im Vorfeld zu hören war. Eine Aussage, die beim Blick auf die Weltrangliste kaum zu unterfüttern ist.

Hier das DFB-Team auf Rang zwölf und dort die Ungarn auf 40. Die Ost-Europäer sind große Fans der Nations League und tatsächlich in zwei Spielzeiten bereits zweimal aufgestiegen. Das kann man da. Dann geht es nicht mehr gegen Litauen in Liga C, sondern eben Deutschland in Liga A.

Bundestrainer Hansi Flick hatte im Vorfeld des Spiels über den Juni-Spielplan geklagt. Vier Spiele in Anschluss an die ohnehin lange Saison und mit der Aussicht auf eine hektische Hinrunde mit der anschließenden Winter-Wüsten-WM in Katar verhagelten ihm ein wenig die Laune. So nutzte der ehemalige Bayern-Coach das Spiel in Ungarn, um „vor dieser Kulisse“ in Budapest „auch mal jungen Spielern die Chance zu geben, dass sie sich weiterentwickeln.“

Deswegen verzichtet Flick auf Thomas Müller und Antonio Rüdiger, zusätzlich wanderten auch Lukas Klostermann und der gegen England überragende İlkay Gündoğan auf die Bank. Serge Gnabry, der schon gegen England nicht in der Startelf stand, fehlte mit Wadenproblemen. Leon Goreztka, Thilo Kehrer, Niklas Süle und Timo Werner rückten ins Team. Die Schaltzentrale im Mittelfeld gehörte so wieder komplett dem Bayern-Block um Goretzka, Joshua Kimmich und Jamala Musiala.

Das Münchener Wunderkind Musiala kam mit 19 Jahren und 105 Tagen bereits zu seinem 14. Länderspiel. Kein Spieler unter 20 hat bislang mehr Länderspiele für den DFB bestritten. Noch teilt er sich den Rekord mit Mario Götze, doch Spiel 15 kommt gewiss.

Die Ungarn? Die machen doch immer Ärger!

Das Spiel gegen Ungarn war auch ein Treffen mit der Vergangenheit. Beide Teams waren sich im letzten Jahr bei der Europameisterschaft in der Vorrunde in München begegnet. Es ging um die Regenbogenfarben und die Ausfälle der ungarischen Fans, die spät von Leon Goretzka mit einem Herz beantwortet worden waren. Sehr zum Unmut der Ungarn, die sich aber im heimischen Stadion zurückhielten. Anders als England in der Vorwoche gingen die Deutschen jedoch auch nicht auf die Knie und raubten den Anhängern den Hass. Eben jener Hass, der sich über die englischen Spieler ergoss. Von Kindern, die dem von der UEFA als Geisterspiel deklariertes Spiel beiwohnen durften.

All das passierte diesmal zum Glück nicht und so entwickelte sich dann auf dem Platz ein sportlicher Wettkampf zweier Teams am Rande der Erschöpfung. Das ermöglichte nicht nur zwei frühe Tore durch Zsolt Nagy und Jonas Hofmann, sondern auch ein sehr müdes, ideenarmes Spiel der Deutschen. Am Ende sprang wieder kein Sieg dabei heraus. Ist das Krise oder ist das egal? Eins ist sicher: Vier Unentschieden in Folge sorgen dafür, dass von der Aufbruchsstimmung unter Hansi Flick nichts mehr übrig geblieben ist.

Teams und Tore

Ungarn: Gulacsi/RB Leipzig (32 Jahre/49 Länderspiele) – Lang/Omonia Nikosia (29/50), Orban/RB Leipzig (29/32), Attila Szalai/Fenerbahce (24/26) – Fiola/Fehervar (32/47), Adam Nagy/AC Pisa (26/62), Styles/FC Barnsley (22/5) ab 87. Vecsei/Ferencvaros Budapest (28/10), Zsolt Nagy/Puskas Akademia (29/10) ab 69. Nego/Fehervar FC (31/23) – Sallai/SC Freiburg (25/35), Szoboszlai/RB Leipzig (21/23) – Adam Szalai/FC Basel (34/83) ab 69. Adam/FC Paksi (27/5) Trainer: Rossi

Deutschland: Neuer (36 Jahre/112 Länderspiele) – Kehrer/Paris Saint-Germain (25/20), Süle/Bayern München (26/39), Schlotterbeck/SC Freiburg (22/4), Raum/TSG Hoffenheim (24/8) – Kimmich/Bayern München (27/67), Goretzka/Bayern München (27/44) ab 69. Gündoğan/Manchester City (31/59) – Hofmann/Borussia Mönchengladbach (29/13) ab 85. Nmecha /VfL Wolfsburg (23/5), Havertz/FC Chelsea (23/28) ab 85. Adeyemi/RB Salzburg (20/4), Musiala/Bayern München (19/14) ab 78. Brandt/Borussia Dortmund (26/38) – Werner/FC Chelsea (26/52) ab 78. Müller/Bayern München (32/115) Trainer: Flick

Schiedsrichter: Jose Maria Sanchez (Spanien)

Tore: 1:0 Zsolt Nagy (6.), 1:1 Hofmann (9.)

Zuschauer: 67.000 (in Budapest)

Gelbe Karte: Gulacsi, Adam, Sallai – Schlotterbeck

Was war gut?

Sehr, sehr wenig. Die Art und Weise, wie das Flick-Team, nach dem frühen 0:1 sofort auf den Ausgleich ging, war überzeugend. „Den Ball hinter die Kette zu bringen, das war eine der wenigen Optionen, die wir hatten in diesem Spiel“, sagte Flick. Ansonsten bleibt nach der bislang schwächsten Leistung unter dem neuen Bundestrainer wenig übrig. „Wir stehen in einer Entwicklung. Heute hat man gesehen, dass wir noch nicht so weit sind. Wir müssen daraus lernen“, sagte Keeper Manuel Neuer nach dem Spiel und versprach zumindest Besserung. „Gegen Italien dann wollen wir eine Rakete zünden“, versprach der Kapitän.

Was war nicht so gut?

Einiges. Vorne lief Timo Werner wieder zu oft ins Abseits. Der Chelsea-Stürmer bleibt weiter ein großes Sorgenkind und steht sinnbildlich für die große Sorgenposition, für die fehlende Durchschlagskraft im Sturmzentrum. Hansi Flick hat seinen deutschen Robert Lewandowski noch nicht gefunden. Der Pole war eine der zentralen Figuren im Sturmsystem der Bayern. Der Pole ist aber kein Deutscher. Und es gibt daher immer noch keine zentrale Figur im Sturmsystem der Deutschen. Dann passieren so Dinge, wie nach 72 Minuten. Als der sonst gute Jonas Hofmann allein auf das Tor der Ungarn zulief, und Timo Werner ein Tor auflegen wollte. Es ging nach hinten los. Der Pass kam nicht an.

Jetzt ist also Werner das Problem?

So kann man das nicht sagen. Blicken wir auf den Rest des Teams. Sicherlich der Erschöpfung geschuldet waren die zahlreichen Ballverschleppungsaktionen im Mittelfeld. Hin und wieder versprühte zumindest Jamal Musiala so etwas wie Magie, doch die guten Aktionen waren rar. Kai Havertz blieb sehr blass, hatte nach Werner die wenigsten Ballkontakte im Team. Kimmich bemühte sich um Struktur, blieb dabei jedoch bieder.

Zu selten kamen aus dem Mittelfeld die Bälle hinter die hochstehende Abwehr, und, wenn es dann doch passierte, dann war Werner im Abseits. Anders natürlich beim überragenden Pass des Neu-Dortmunders Nico Schlotterbeck, der Jonas Hofmann in der neunten Minute sah.

„Am liebsten ist mir aber: kein Fehler, kein Tor. Ich will mich aufs Verteidigen konzentrieren, und die Stürmer sollen die Tore schießen“, hatte der Verteidiger diese Woche der „Sport Bild“ erzählt. Es gelang ihm aber erneut nicht. Beim 0:1 irrte er als Teil einer langen Fehlerkette unbeholfen durch den Strafraum. Kurze Zeit später dann die Vorarbeit.

Ohnehin bleibt der Flick-Ball der deutschen Nationalmannschaft weiterhin hochriskant. Der hohe Linksverteidiger David Raum ließ viel Raum hinter sich und die Ungarn nutzten ihn. Der Pariser Stand-By-Profi Thilo Kehrer war eine Schwachstelle auf der rechten Seite. Doch wann immer die Ungarn durchbrachen, rettete der erneut überragende Keeper Manuel Neuer. Er hielt den Punkt fest.

Manuel Neuer: „Natürlich sind wir auch enttäuscht, weil wir uns mehr ausgerechnet haben. Ich will nicht von einem glücklichen Unentschieden sprechen. Die Zielstrebigkeit im Spiel nach vorn, die Leichtigkeit haben gefehlt. Ungarn ist eine unangenehme Mannschaft, das hat man auch bei unserer Konkurrenz aus England und Italien gesehen. Wenn die Leichtigkeit und der Überraschungseffekt fehlt, dann bekommst du nicht viele Chancen. Man hat heute gesehen, dass wir noch nicht so weit sind. Daraus lernen wir. Wir haben schon gute Seiten von uns gesehen gegen Italien und gegen England. Das müssen wir ins Spiel gegen Italien mitnehmen. Da wollen wir dann eine Rakete zünden.“

Hansi Flick: „Ich habe im Vorfeld gesagt, dass es nach England das schwerste Spiel ist, das man haben kann. Die Ungarn sind sehr kompakt gewesen. Wir haben es nicht geschafft, mit Überzeugung nach vorne zu spielen, haben zu viele Fehler gemacht. Aber wir sind in einem Entwicklungsprozess. Wir müssen schauen, dass wir aus diesem Spiel die Lehren ziehen. Es fehlt ein bisschen die Überzeugung. Ich fange nicht an, irgendwelche Alibis zu schaffen: Wir wollten heute drei Punkte holen. Alle waren natürlich sehr enttäuscht in der Kabine. Wir haben jetzt zwei Tage, um uns zu regenerieren. Wir werden gucken, dass wir die fitteste Elf gegen Italien auf den Platz schicken.“

Jonas Hofmann: „Dass wir nicht zufrieden sind, ist klar. Ungarn stand relativ tief. Was sie machen, machen sie in aller Konsequenz. Das verpasste 2:1 nehme ich auf meine Kappe. Am Ende muss ich ihn nur lang reinschieben. Ich bin schon sehr enttäuscht, vor allem aufgrund dieser einen Aktion.“

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