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Mit Mut und Mittelfinger gegen „Spione“ der Mullahs

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Selbst die Furcht vor Spionen und Gewalt stoppt Irans protestierende Fans nicht: Beim Spiel gegen England geht es um viel mehr als Fußball, weil mutige Iranerinnen und Iraner gegen das Mullah-Regime aufbegehren. Die Mittelfinger und Sprechchöre sorgen für Gänsehaut – und zeigen dem DFB, wie Courage geht.

Die Zahlen dieses Fußballspiels lauten: 320. 5. 15.000. Etwa 320 Menschen – Kinder, Frauen und Männer – sind bei den Massendemonstrationen im Iran, die auf den Tod der 22-jährigen Mahsa Amini folgten, bislang ums Leben gekommen. Fünf hat das Regime in Teheran hingerichtet (ein sechstes Todesurteil wurde verhängt). Rund 15.000 sind derzeit aufgrund ihres Widerstandes gegen die Mullahs inhaftiert. Unzählige weitere wurden und werden zusammengeprügelt, schikaniert, eingeschüchtert. Der Protest gegen diese Zahlen, hinter denen unfassbares Leid und viele Geschichten und Schicksale stecken, sind wichtiger als jedes Tor, als jeder Sieg, als jeder WM-Titel.

Auch wenn bei der WM-Premiere im Khalifa International Stadium England den Iran mit 6:2 abfrühstückt, sind es andere Momente, die für Gänsehaut sorgen und herausgehoben werden müssen. Denn während englische Fans und die Mannschaft von Gareth Southgate hoffen, in Katar die 56-jährige fußballerische Leidenszeit zu beenden, geht es für das fußballbegeisterte Land des Gegners mit seinen 80 Millionen Einwohnern, das normalerweise durch den Fußball geeint wird, um viel mehr. Mutige Iranerinnen und Iraner schicken mit ihrem Protest bei diesem brisanten und hochpolitischen Spiel ein Signal in die ganze Welt und machen auf der größten aller Bühnen auf die schreckliche Gewalt des Regimes in der Heimat aufmerksam.

Proteste erschüttern das Land weiter

Amini war festgenommen worden, weil sie ihren Hidschab „unangemessen“ getragen hatte, und starb wenig später im Krankenhaus, nachdem sie von der Polizei misshandelt worden sein soll. Die anschließenden Proteste mit vielen Toten und Verletzten erschüttern das Land noch immer, lösten eine innenpolitische Krise aus und stellen eine durchaus existenzielle Bedrohung für das Mullah-Regime dar.

In Katar sieht das wie folgt aus: Da ist der iranische Zuschauer, der bei der Nationalhymne stolz seinen Mittelfinger gen Himmel streckt. Da ist die Iranerin, die zum gleichen Zeitpunkt ihre Finger zu einem Peace-Friedenszeichen formt. Da ist der gesamte Kurvenunterrang voll mit Iran-Fans, die eine überdimensionale Flagge mit der Aufschrift „Women, Life, Freedom“ ausrollen und den Slogan dabei brüllen („Frauen, Leben, Freiheit“ – „Zan, Zendegi, Azadi“- ist der Ruf der Protestierenden im Iran).

Da sind die iranischen Fußballprofis, die auf dem Rasen Arm in Arm mit ernstem Blick der Nationalhymne lauschen – aber keinen Ton mitsingen. Ein klares Statement. Stumm zwar, aber dennoch mächtiger als manch lauter Schrei. Für die Solidarität mit den Protesten und für Freiheit. Gegen das iranische Regime und gegen die Gewalt.

Während all diese Menschen harte Strafen und möglicherweise Gefängnis und Prügel riskieren und ihrem Machtapparat der Willkür und der Gewalt die Stirn bieten, legen England-Spielführer Harry Kane und Deutschland-Kapitän Manuel Neuer die „One Love“-Binde aus Furcht vor einer Gelben Karte nicht an. Wo einzelne Iranerinnen und Iraner Mut beweisen, knickt der mächtige DFB vor der FIFA und Katar ein.

Hoffen auf den Protest

Doch zurück auf den Rasen. Mason Mount überzeugt dort mit einer treuen Darbietung von „God Save the Queen“ statt „King“. Manche Gewohnheiten lassen sich nur schwer ablegen. Anschließend gehen die Three Lions aufs Knie, um gegen Rassengewalt zu demonstrieren. Das nächste wichtige Zeichen.

Davon senden die Iran-Fans schon Stunden vor dem Anpfiff viele. Tausende Anhängerinnen und Anhänger beider Lager tummeln sich feiernd und friedlich vor dem Stadion. Ein Mann trägt ein „Women Life Freedom“-Shirt (auf dem Rücken: Ali Karimi, ehemaliger Profi vom FC Bayern), möchte aber aus Angst vor Strafen seinen Namen nicht verraten und erlaubt nur ein Foto ohne sein Gesicht. Er sagt: „Wir stehen ganz klar mit dem Protest im Iran.“ Sein Begleiter deutet auf sein Trikot, in dem in der iranischen Flagge das Hoheitszeichen, das in stilisierter persisch-arabischer Schrift das Wort Allah (Gott) zeigt, durch einen Fußball ersetzt ist.

Ein anderer hat nichts von organisierten Protesten der Fans gehört, aber hofft auf ein klares Zeichen der Mannschaft und der Zuschauer wegen der „schlimmen Dinge“ in der Heimat. Ein Iraner in Begleitung von mehreren Iranerinnen scheut sich laut zu sprechen und flüstert aus nächste Nähe ins Ohr: „ALLE im Iran unterstützen die Proteste. Hoffentlich werden Spieler sich mit den Protesten solidarisieren, aber einige von ihnen unterstützen das Regime.“ Tatsächlich hatte Irans Staatspräsident Ebrahim Raisi das Nationalteam vor der Abreise nach Katar eingeladen. Bilder, wie sich viele der Kicker vor den erzkonservativen Herrschern ehrfürchtig verneigten, sorgten für harsche Kritik im Land.

Angst vor Spionen

Auffällig ist an diesem Nachmittag, dass viele Iranerinnen, oft ohne Kopftuch, den Weg ins Stadion antreten, den sie in der Heimat fast nie gehen dürfen. Eine Frau Anfang 30 – sie trägt ein traditionelles Gewandt, aber ihr Hidschab sitzt locker – verdeutlicht, wie schlimm es momentan für Frauen derzeit im Iran ist. Sie wolle unbedingt auch hier protestieren, habe aber Angst vor „Spionen“ und glaube, dass sie bei der Rückreise „am Flughafen festgenommen oder zusammengeschlagen“ werden könne. Sie wolle hier deshalb lieber vorsichtig vorgehen.

Irans Fans nutzen die WM für den Protest. Und müssen sich sorgen.

(Foto: David Bedürftig)

Eine Studentin, etwa 25 Jahre alt, geht da weiter. „Wer weiß“, ob die Mullahs Spione geschickt hätten oder online alles beobachten würden, aber es sei „gut möglich“. Doch der Protest habe Vorrang – und deshalb zeigt sie sich stolz ohne Kopftuch und mit einer Flagge ohne das Hoheitszeichen. „Die Fahne würde mich in größere Schwierigkeiten bringen als der fehlende Hidschab“, erzählt sie. Deshalb postet sie aus Angst vor einer Festnahme bei der Rückkehr in die Heimat auch lieber nichts auf Social Media. Kurz brenzlich wird es, als ein Iraner das Gespräch beobachtet und ihr die „richtige Fahne“ der republikanischen Republik in die Hand drücken will. Ein wenig ängstlich aber bestimmt lehnt die Studentin ab. „Man muss auch hier aufpassen, mit wem man redet, man weiß ja nie, ob sie das Regime unterstützen“, sagt sie.

Ihre Freunde hätten ihr gesagt, dass man in diesen Zeiten des Protests doch nicht zu einer WM fahren könne. „Aber meine Schwester wohnt hier und ich will eben auch hier für Freiheit demonstrieren“, erklärt die Studentin. Dann muss sie weiter, aber vorher sie noch ihre rosa Fingernägel zeigen. Auf Daumen, Mittel- und dem kleinen Finger prangern das Venussymbol für Frauen, eine Herzschlaglinie für Leben und eine Taube für Freiheit.

Fußball wird im Khalifa Stadion dann aber auch noch gespielt. Und das bei weitem nicht schlecht. Zwar passiert anfangs erstmal lange nichts wegen einer schweren Kopfverletzung des iranischen Keepers Alireza Beiranvand, die später 14 Minuten Nachspielzeit mit sich bringt. Die England-Fans stimmen derweil „God Save The King“ an, die iranischen Unterstützerinnen und Unterstützen überraschen mit dem Island-„Huh“.

In der 30. Minute folgt die erste Großchance für England nach einer schönen Kombination über Bukayo Saka und Raheem Sterling nach der Mason Mount aber nur das Außennetz trifft. Die Three Lions erhöhen den Druck und zwei Minuten später setzt Harry Maguire seinen Kopfball an die Latte. Wiederum nur drei Minuten darauf passiert, was sich angedeutet hatte und natürlich ist es der Goldjunge aus der Bundesliga. Jude Bellingham vom BVB köpft nach einer Flanke von Luke Shaw von links gefühlvoll und im hohen Bogen ins rechte Toreck ein.

Die „Iran“-Rufe ebben trotzdem nicht ab. England legt in der 44. Minute mit einem schönen Tor nach. In der Mitte des Strafraums hat Saka viel zu viel Platz und Zeit, um eine Kopfballablage Maguires anzunehmen und vollendet mit einem fulminanten Volleyschuss. Eine Minute später erhöht Sterling sogar noch. In der zweiten Hälfte (62.) schnürt Saka nach einem schönen Solo den Doppelpack – und niemandem in seinem Team gönnt man diese Tore mehr. Der Offensivmann war nach seinem verschossenen Elfmeter im EM-Finale im vergangenen Jahr von Engländern massiv rassistische beleidigt worden.

Sieg über das Regime

Nur drei Minuten später markiert Mehdi Taremi den ersten Ehrentreffer der Iraner, deren Fanblock explodiert förmlich. Als nächstes darf beim Scheibenschießen der gerade erst eingewechselte Marcus Rashford relativ unbehindert einschießen (71.), bevor Jack Grealish zum 6:1 trifft. Egal, es hallen weiterhin lautstarke Protest-Rufe durchs Stadion: „Zan, Zendegi, Azadi“. Dann verwandelt Taremi tief in der Nachspielzeit auch noch einen Elfmeter zum 2:6-Endstand. Die iranischen Fans jubeln, als wäre das Ergebnis umgekehrt.

Und irgendwie stimmt das auch. Obwohl FIFA-Boss Gianni Infantino immer wieder den „Fokus auf den Fußball“ lenken und „die Politik“ vor den Stadiontoren lassen will und obwohl der DFB sich nicht mal traut, ein wichtiges Zeichen gegen eine wahrscheinlich unbedeutende Strafe einzutauschen, gewinnt der Iran an diesem Nachmittag in Doha. Da kann England noch so viele Tore schießen.

Soll heißen: Die tapferen Menschen des Landes siegen mit ihrem unglaublich mutigem Protest gegen das Regime und für Freiheit. All die Mädchen und Frauen, die ihre Hidschabs ablegen, die sich die Haare abscheiden. Die Protestlerinnen und Protestler, die auf den Straßen ihre Gesundheit und ihr Leben riskieren. Die tausenden Gefangenen, die gegen die Gewalt demonstrierten und nun in Haft ausharren.

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